GLP-Bäumle: Darum macht Gas statt Atom Sinn
Gaskraftwerke als Reserve für windstille, neblige Wintertage? Für GLP-Nationalrat Martin Bäumle steht dies nicht im Widerspruch zum Klimaschutz.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Schweiz debattiert die Aufhebung des AKW-Neubauverbots.
- Einige der Gegnerinnen bringen Gaskraftwerke als Reserve-Lösung ins Spiel, obwohl diese CO2 ausstossen.
- GLP-Nationalrat Martin Bäumle rechnet vor, dass dies mehr Sinn mache als AKWs für 2060 zu planen.
Die Schweiz will bis 2050 das Netto-Null-Ziel erreichen.
Das heisst: Vor allem Gebäude und Verkehr sollen dann nur noch Energie verbrauchen, die kein CO2 ausstösst.
Also braucht es genügend Strom für all die Wärmepumpen und Elektro-Fahrzeuge – Strom aus Erneuerbaren, wie Wind, Wasser und Sonne.
Gespaltene AKW-Gegner
Bis hierhin ist man sich grösstenteils einig. Funktionieren werde das aber nur mit neuen AKWs, sagen die Fans von Atomstrom.
Das Parlament will deshalb das AKW-Bauverbot aufheben. Das ist aber zu teuer, riskant und unnötig, sagen die Atomgegner, die das Referendum gegen die Atom-Kehrtwende eingereicht haben.

Einige der AKW-Gegner wollen als Backup-Lösung an kalten, nebligen, windstillen Wintertagen nun auf Gas-Kraftwerke setzen. Diesbezüglich scheint man sich im Referendumskomitee aber nicht einig zu sein.
Für die AKW-Lobby ein gefundenes Fressen: Ausgerechnet die Klimaschützerinnen wollen Gas verbrennen und CO2 ausstossen, statt auf klimaneutrale AKWs zu setzen?
Für GLP-Nationalrat Martin Bäumle ist das aber kein Widerspruch. Er selbst hat in der Sommersession mit links-grüner Unterstützung beantragt, die Schweiz auf neue Gaskraftwerke als Backup zu verpflichten.
Obwohl die Grünliberalen dann in der Herbstsession – zusammen mit Links-Grün – Nein sagten zum Kredit für neue Gaskraftwerke.
Problem Dauerbetrieb
«Ein neues AKW macht keinen Sinn», stellt Bäumle gegenüber Nau.ch zunächst klar. Und zwar gleich aus mehreren Gründen: unternehmerisch, elektrisch und zeitlich.
Bäumle gibt zu bedenken: «Es braucht nur irgendwo auf der Welt einen Unfall, und dann ist es vorbei mit der Lust, gross zu investieren.» Aber auch als Backup-Lösung für Mangellagen im Winterhalbjahr passen Atomkraftwerke dem Grünliberalen nicht ins Schema.

Im Normalfall werde man so oder so auch im Winter keine grossen Strom-Sorgen haben. «Es ist aber möglich, dass wir in speziellen Fällen vielleicht einmal knapp an Strom sein könnten», räumt Bäumle ein. Das aber dann eher für einige Tage, vielleicht einmal für einige Wochen aber kaum je mehr als 2 Monate.
Genau für dieses Szenario seien AKWs aber ungeeignet: «Diese müssen permanent laufen, nur schon damit sie überhaupt Einnahmen bringen. Man kann sie nicht eben mal schnell wieder abschalten. Man hat permanent die Kosten, und das ist nun mal nicht das, was wir ab 2050 brauchen.»
Mit der Taschenlampe gegen die Strommangellage
Also brauche es schnell anfahrbare Kraftwerke, womit Bäumle bei der Option Gas landet. Für diese brauche es salopp «einen Mann, einen Hund und eine Taschenlampe», wenn sie nicht in Betrieb sind.
Auch wenn sie dann hochgefahren werden, reichten einige wenige Angestellte, die das Werk für die nötige Zeit am Laufen halten.

Nicht zuletzt bringt Martin Bäumle den Zeitfaktor ins Spiel. Noch produziert die Schweiz nicht genug erneuerbaren Strom, doch noch laufen die «alten» AKWs.
«Sollten wir die Laufzeitverlängerungen der AKWs ermöglichen, haben wir die Winterproblematik bis circa 2060 geregelt», rechnet Bäumle vor. «Damit haben wir genug Zeit, die Erneuerbaren auszubauen.»
Zum Problem werden könnte, wenn gleich mehrere Faktoren zusammentreffen: Ein strenger Winter, eine «Dunkelflaute» und dann noch ein AKW, das länger ausfällt. So wie zuletzt das AKW Gösgen während zehn Monaten.
«Aber ab 2030 stünden Notkraftwerke bereit, ab 2035 wären dann marktfähige Gaskraftwerke realistisch», so Nationalrat Bäumle.
Mit je 500 MW beziffert er die Kapazitäten von zusammengeschalteten Notstromgruppen und Einsparungen auf Bezüger-Seite als Alternative zu Notkraftwerken: Zum Beispiel Betriebe, die ihre Revision in die Wintermonate legen können, wenn man sie dafür entschädigt.
Keine Hilfe aber seien neue AKWS, weil diese dann noch gar nicht fertiggestellt wären: «Im optimalsten Fall – wenn alle Verfahren beschleunigt, die Finanzierung gesichert und Einsprachen schnell über die Bühne gehen – reden Studien von 2048, 2049. Andernfalls wird es nach 2050, persönlich rechne ich eher mit 2055/60.»
Zudem sei das dann nicht neue Technologie. Sondern eher «ein VW-Käfer, dem man noch einen Katalysator und links und rechts einen Airbag spendiert hat.»
Gas verbrennen für den Klimaschutz?
Ursprüngliches Ziel war ja aber die Reduktion des CO2-Ausstosses, um so den Klimawandel zu bekämpfen. Wie passen da Gaskraftwerke ins Konzept?
«Man kann Vorgaben machen: Entweder sofort erneuerbare Treibstoffe, das ist etwas unrealistisch. Oder dann eine immer höher werdende Beimischquote.»
Biogas oder synthetische Treibstoffe kämen dazu infrage. «Man könnte sogar im Sommer mit Überschuss-Strom Methanol und Wasserstoff herstellen und so den Eigenversorgungsgrad erhöhen.»

Genügend Lagerkapazitäten für flüssige Treibstoffe habe die Schweiz. «Mit circa 10 bis 15 Prozent der vorhandenen Tanklagerkapazität könnte man solche Kraftwerke zwei Wintermonate mit (erneuerbarem) Methanol betreiben.»
Auch ohne solche Zukunftsträume wären zwei Gaskraftwerke klima-technisch verkraftbar, argumentiert Bäumle: Diese würden ja wohl nur zwei-drei Wochen pro Jahr laufen. «Das wäre in der Gesamtökobilanz immer noch weniger schlimm, wenn wir alle anderen CO2-Quellen reduziert haben.»
Gaskraftwerke: «Noch nicht das letzte Wort gesprochen»
Wenn Gaskraftwerke also bei der Energiewende helfen: Warum haben GLP, SP und Grüne dann gegen die Projektierungen und Vorleistungen für neue Reservekraftwerke gestimmt?
«Es war ein etwas überstürzter, unschöner Entscheid», räumt GLP-Bäumle ein, «aber da ist noch nicht das letzte Wort gesprochen.» Links-Grün sei generell skeptisch und die Grünliberalen fänden, man brauche keine Vorinvestitionen in dieser Grössenordnung.
Die Hälfte der Leistung der Notkraftwerke sei unabhängig vom Kredit bereits gesichert. Aus Sicht der Grünliberalen sei es möglich, dass es diesen 2-Milliarden-Kredit tatsächlich nicht brauche.
Diesen grossen Brocken, 2,18 Milliarden Franken für vier geplante neue Reservekraftwerke, hat der Nationalrat eh noch gar nicht entschieden. Zunächst wollte man einen Bericht der Elektrizitätskommission (Elcom) abwarten, der im Frühling vorliegen soll.












