Die Mitte ist beschäftigt mit den Folgen der CVP-BDP-Fusion. Politologe Claude Longchamp sieht nur eine kleine Chance auf einen Sieg bei den Wahlen 2023.
Politologe Claude Longchamp zieht nach der halben Legislatur Zwischenbilanz bei der neuen Mitte-Partei. - Nau.ch

Das Wichtigste in Kürze

  • Claude Longchamp analysiert für Nau.ch die erste Hälfte der Legislaturperiode.
  • Die Mitte kämpft in seinen Augen noch stark mit den Folgen der Fusion.
  • Grundsätzlich vermisst er die Weiterentwicklung und Verjüngung in der Partei.

Claude Longchamps Analyse zur Legislatur-Halbzeit dreht sich im dritten Teil um «Die Mitte». Aktuell steht die Partei nicht im Rampenlicht. Dies sei aber nicht weiter überraschend, so der Politologe.

Die Fusion der Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP) und der Bürgerlich-Demokratischen Partei (BDP) koste die junge Partei noch immer viel Energie und die Aufmerksamkeit sei deshalb vermehrt nach innen gerichtet gewesen.

Die Mitte Gerhard Pfister
Der ehemalige CVP-Chef und heutige Mitte-Präsident Gerhard Pfister (l.) und der ehemalige BDP-Boss Martin Landolt (r.). - Keystone

Dank der Fusion werde ein Durchbruch möglich, was aber bisher nicht passiert sei. «Man hat sogar den umgekehrten Eindruck», so Longchamp. Die Partei sei interessant für Wähler über 50 Jahre, doch momentan biete die GLP Mitte-Orientierten unter 30 Jahren mehr Perspektiven. «Die Mitte ist noch sehr fragmentiert», beobachtet Longchamp.

Die Mitte braucht ein Parteiprogramm

Mit der Fusion kamen auch ein neues Logo – und teilweise neue Werte. Das erlaube «Quickwins», aber kein strategisches Wachstum. Dafür fehle ein zentraler Baustein: Ihr politisches Programm.

Bisherige Methoden der Partei, dieses mit bekannten Köpfen zu kommunizieren, seien aber heute nicht mehr der ausschliesslich richtige Weg. Es sei hinderlich, dass die Partei «Kombinations-Weltmeister» sein wolle und sich oft erst am Schluss zur Mehrheit positioniere, sagt Longchamp.

Die Mitte
Politologe Claude Longchamp (r.) analysiert mit Christof Vuille, stv. Chefredaktor von Nau.ch, die Situation der «Mitte» zur Halbzeit der Legislaturperiode. - Nau.ch

Die Partei müsste gemäss Longchamp sagen: «Das ist jetzt die Mitte der Schweiz. Darum herum sollen sich die Pole konzentrieren und gruppieren.» Das könne pointiert bürgerlich sein – oder eher gesellschaftsliberal. Doch davon sei die Partei aktuell sehr weit entfernt.

Um die Wahlen 2023 zu gewinnen, fehle noch einiges. Es gebe zwar Ansätze der Weiterentwicklung – so habe etwa die Jungpartei von der Fusion profitiert. «Es gibt jedoch im konservativen Umfeld Personen, die über diese neue Ausrichtung irritiert sind.»

Wer die Wähleranteile 2019 von CVP und BDP addiert, kommt auf etwa 13,8 Prozent. Mit solchen Zahlen stünde die Mitte vor den Grünen. «Doch politisch gesehen ist eins und eins nicht zwei, sondern eher 1,7.»

Bringt der neue Fraktionschef Umschwung?

Zwei Personen stehen bei der Mitte momentan im Zentrum. Einerseits Parteipräsident Gerhard Pfister. «Er ist sicher der brillanteste Analytiker, den es in der Schweiz gibt», stellt Longchamp fest. Obschon er manchmal etwas mürrisch sei, würde eine Niederlage sicherlich nicht ihm angelastet.

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Gerhard Pfister, Nationalrat und Parteipräsident. - Keystone

Etwas kritischer steht der Politologe dem neuen Fraktionschef Philipp Bregy gegenüber. «Ich bin mir nicht ganz sicher, ob dies schon der Durchbruch ist.» Er könne zwar zu einem konservativen Gegengewicht zur eher liberalen Bundesrätin Viola Amherd werden. Doch das interessierte vor allem im Wallis. «Ich halte die Erneuerung des Präsidiums mit neuen, auch jungen Köpfen, eigentlich für wichtiger für die Zukunft der Partei.»

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Philipp Matthias Bregy (VS) ist seit Mai 2021 Fraktionschef der Mitte. - Keystone

Bis spätestens bei den Wahlen im Jahr 2027 brauche die Partei eine Erneuerung. «Und zwar altersmässig, aber auch von den Köpfen her. Nicht ein Rückschritt oder ein Einbinden des konservativen Teils.»

Kein Turnaround bis 2023

Problematisch im Hinblick auf die nächsten Wahlen seien die personellen Schwierigkeiten in der Westschweiz. Daher geht Longchamp dort von einem Minus aus. «In der Deutschschweiz kann es sein, dass die Mitte ein leichtes Plus macht. Das könnte sich am Schluss neutralisieren.»

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Im Ständerat könne die Mitte mit ihrer Stärke wohl weiter auftrumpfen. Im Nationalrat werde es aber schwieriger, solange es konzeptionell nicht vorwärts ginge und die Partei politisch greifbar werde.

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