BAG nennt Zahlen: Hier stecken wir uns mit Coronavirus an

    Christof Vuille
    Christof Vuille

    Bern,

    Die Taskforce will den Lockdown. Doch oft ist unklar, wo sich Menschen mit dem Coronavirus anstecken. Gemäss BAG-Zahlen sind es nicht die üblichen Verdächtigen.

    BAG Coronavirus Berset Ansteckungsorte
    Alain Berset und die restlichen Bundesräte diskutieren am Freitag über weitere Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus. Nun zeigen BAG-Zahlen, wo sich Menschen anstecken. - Keystone

    Das Wichtigste in Kürze

    • Der Bundesrat dürfte bald weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens verfügen.
    • In vielen Fällen ist aber unklar, wo sich Menschen mit dem Coronavirus infizieren.
    • BAG-Zahlen zeigen nun: Die meisten Ansteckungen passieren nicht in Läden und Restaurants.

    Die Neuinfektionen mit dem Coronavirus sinken seit Tagen nicht mehr. Auch wenn am Dienstag gleich viele Fälle wie in der Vorwoche gemeldet wurden, sprach die wissenschaftliche Taskforce Klartext.

    Taskforce
    Martin Ackermann, Präsident National COVID-19 Science Taskforce, spricht sich für weitere drastische Massnahmen im Kampf gegen das Coronavirus aus. - keystone

    Die Schweiz gehört in den Lockdown. Und zwar am besten so schnell wie möglich. Schliesslich würde sich das Gesundheitspersonal seit Wochen am Limit bewegen.

    Der Widerstand dagegen bleibt immens. Die von (Teil-)Schliessungen betroffenen Branchen wehren sich mit Händen und Füssen gegen eine Stilllegung des öffentlichen Lebens.

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    SVP-Nationalrätin und Gastronomin Esther Friedli hat kein Verständnis für die 19-Uhr-Sperrstunde. - Nau.ch

    Gerade die Gastro-Branche fühlt sich übergangen. Denn Gesundheitsminister Alain Berset machte am Montag klar: Nur sieben Prozent der Infektionen passieren in Bars und Restaurants.

    Und auch Läden zittern. FDP-Nationalrätin Christa Markwalder, Präsidentin der Swiss Retail Federation, warnt in einem Gastebeitrag für Nau.ch eindringlich vor Schliessungen.

    Nun dürften die Lockdown-Gegner weiteren Aufwind bekommen. Denn auf Anfrage von Nau.ch verrät das Bundesamt für Gesundheit (BAG), wo sich Schweizerinnen und Schweizer vom 16. Juli bis am 9. Dezember wirklich angesteckt haben.

    Familie bleibt Hotspot des Coronavirus

    Die brisante Liste überrascht insofern, als die meisten Infektionen nicht dort passieren, wo massive Einschränkungen gefordert werden. Viele Zahlen fehlen. Aber: Das BAG hat von Mitte Juli bis am 9. Dezember 65'152 Meldeformulare zu positiven Fällen erhalten. Bei rund 71 Prozent davon (46'496) ist der vermutete Ansteckungsort vermerkt.

    BAG Ansteckungsorte Tabelle Zahlen
    Die Ansteckungsorte, welche das Bundesamt für Gesundheit in den letzten Monaten registriert hat, lassen aufhorchen. - zvg/Bundesamt für Gesundheit

    Den Löwenanteil macht dabei wie erwartet die eigene Familie aus. Fast jeder dritte Infizierte (29 Prozent) hat sich dort angesteckt. Bei gleich vielen Übertragungen ist der Ort der Infektion unbekannt, bei 16 Prozent handelte es sich um «andere Kontakte».

    Coronavirus Arbeitsplatz Maskenpflicht
    Die Maskenpflicht in Innenräumen sei für die mesiten Kantone am sinnvollsten. - Keystone

    Mit elf Prozent auf Rang vier rangiert der Arbeitsplatz. Hier dürften die meisten Übertragungen des Coronavirus in der unbeschwerten Mittagspause stattfinden, wie Experten seit Wochen monieren. Schliesslich verfügen fast alle Arbeitgeber mittlerweile über Schutzkonzepte, in den meisten Büros gilt längst Maskenpflicht.

    Kaum registrierte Ansteckungen in Beizen, Läden & Co.

    Die restlichen rund zehn Prozent der Ansteckungen geschehen in jenen Bereichen, die bald verboten werden könnten: Beizen, Bars, Demonstrationen, Schulen, Kinderkrippen, spontane Menschenansammlungen.

    Pikant: Die BAG-Zahlen zu den Ansteckungen in Bars und Restaurants sind mit 2,8 Prozent deutlich tiefer als jene, die Berset in der Fragestunde genannt hat (7 Prozent). Womöglich nahm der SP-Bundesrat dabei auf einen anderen Zeitraum Bezug.

    Alain Berset Restaurants Coronavirus
    Alain Berset nennt in der Fragestunde des Nationalrats Zahlen: Sieben Prozent der Befragten geben an, sich wohl in einer Bar oder einem Restaurant mit dem Coronavirus angesteckt zu haben. - Keystone

    Sicher ist: Gemäss den neuen Daten zu den Ansteckungsorten fand weder in Skigebieten noch in Läden oder im öffentlichen Verkehr eine einzige Ansteckung statt. Die von den Massnahmen betroffenen Branchen dürften damit zusätzliche Argumente erhalten.

    BAG: Zahlen lassen «viele Fragen offen»

    Das BAG warnt aber, dass die Daten «viele Fragen offen» lassen würden, sagt Sprecher Daniel Dauwalder. «Wenn das Virus in einer Familie angekommen ist, ist die Wahrscheinlichkeit sehr gross, dass sich die übrigen Familienmitglieder anstecken», erläutert er.

    Coronavirus  Schweiz
    Mediziner in Schutzkleidung nehmen im Rahmen eines Tests zum Coronavirus einen Nasenabstrich von einem Rekruten zu Beginn seiner Ausbildung beim Militär. - dpa

    Die Frage sei, wie das Coronavirus in die Familien komme. Die Hochrechnung der bekannten Ansteckungsorte ausserhalb der Familie auf die Gesamtbevölkerung sei «statistisch problematisch», sagt Dauwalder.

    Hinzu komme, «dass die Häufigkeit der genannten Orte davon abhängig ist, wie gross die Wahrscheinlichkeit einer derartigen Exposition ist». Der Besuch von Orten mit möglicher Exposition sei sehr ungleich auf die Bevölkerung verteilt.

    Bundesrat entscheidet am Freitag über Weihnachten

    So oder so sind die neusten Daten zu den Ansteckungsorten brisant. Als das BAG im Frühling fehlerhafte Werte zu Infektionen in Clubs publizierte, führte dies zu einem Aufstand der zum Sündenbock abgestempelten Unternehmen.

    Braucht es über Weihnachten weitere Einschränkungen?

    Die aktuellen und korrekten Zahlen zu den Infektionen dürften nun auch im Bundesrat zu reden geben. Die Landesregierung diskutiert aller Voraussicht nach am Freitag über weitere Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus.

    Coronavirus Alain Berset Sommaruga
    Simonetta Sommaruga und Alain Berset verkündeten die neuen Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus in der Schweiz. Auch am Freitag wieder? (Archivbild) - Keystone

    Die Pläne von Gesundheitsminister Alain Berset sind dabei längst durchgesickert. Und seit seinen klaren Aussagen an der Pressekonferenz vom Montag ist klar: Neben der Wissenschafts-Taskforce strebt auch er eine deutliche Verlangsamung des öffentlichen Lebens an. Ab wann und wie genau diese in Kraft treten sollen, zeigt sich Ende Woche.

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