Bigler: «Ernährung: Der ganz normale Regulierungswahnsinn!»
Kolumnist Hans-Ulrich Bigler kritisiert die Ernährungsinitiative und fragt, wie viel Einfluss der Staat auf unsere Ernährung nehmen sollte.

Das Wichtigste in Kürze
- Alt Nationalrat Hans-Ulrich Bigler (SVP) schreibt regelmässig Kolumnen auf Nau.ch.
- Heute äussert sich Bigler zur Ernährungsinitiative.
- Er kritisiert die zunehmende staatliche Einflussnahme auf unsere Ernährung.
Ende September stimmen wir über die Ernährungsinitiative ab. Die Gegner haben sich mit den süffigen Slogan «mein Essen – meine Wahl» in Stellung gebracht.
Plötzlich wird mit knackigen, gebrätelten Cervelats oder mit Spiegeleiern und Rösti suggeriert, wie gesund Herr und Frau Schweizer in der eigenen Küche essen. Soweit also alles klar? Bei genauerem Hinsehen allerdings weit gefehlt.
Die Initiative für eine sichere Ernährung will im Wesentlichen einen Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent anstreben. Und die Auslandabhängigkeit der heutigen Lebensmittelversorgung reduzieren und die saubere Trinkwasserqualität erhöhen.
Die tierischen Lebensmittel würden gegenüber den pflanzlichen massiv bevorteilt. Im Klartext: Kein Suppenfleisch mehr auf den Teller.

Laut Initiativgegnern ziele die Vorlage auf eine staatlich verordnete vegane Ernährung der Schweizer Bevölkerung ab.
Nur mit diesem Vegan-Zwang liess sich der höhere Selbstversorgungsgrad erreichen. Kritisiert wird der Regulierungszwang und die staatlich verordneten Ernährungsvorschriften.
Keiner stimmte dafür
So weit ist alles klar. Und bei gesundem Menschenverstand kommt der Stimmbürger zum Schluss, dass die Initiativforderung nicht nur ideologisch, sondern auch völlig utopisch ist. Kein einziger Parlamentarier – weder im Stände- noch im Nationalrat – hat dafür gestimmt. Ebenso sind alle Parteien und der Bundesrat dagegen.
Damit könnte man zur Tagesordnung übergehen. Die Politik bewahrt offenbar in Ernährungsfragen Augenmass und geht von der Eigenverantwortung ihrer Bürger aus. Doch weit gefehlt.
Ein Blick auf die Vorstösse im Eidgenössischen Parlament zeigt das Gegenteil. So verlangt eine Standesinitiative aus Genf, angesichts schädlicher Auswirkungen von Zucker auf die Volksgesundheit, eine strenge Begrenzung der Zuckermenge bei der Lebensmittelherstellung.
Eine grüne Nationalrätin fordert in einer Motion, für neuartige Lebensmittel die Möglichkeit von Tests einzuführen. Was immer auch damit gemeint ist, Hauptsache Lebensmittelsicherheit und Gesundheit haben oberste Priorität.
Selbstverständlich fehlt ebensowenig die Forderung nach Einschränkung von Werbung und Aktionen im Detailhandel. Von Eigenverantwortung und Wahlfreiheit der Konsumenten ist nicht mehr viel zu spüren.
Tröstlich, wenn wenigstens ein Mitte-Nationalrat mit Blick auf die überarbeiteten Ernährungsmittelempfehlungen des Bundes Augenmass beweist. Er verlangt Klarheit, «auf Basis welcher wissenschaftlichen Grundlage das bisherige Steak durch ein Pouletbrustfilet ersetzt und die empfohlene Verzehrmenge für Fleisch neu auf maximal 2 bis 3 Portionen pro Woche festgelegt wurde».
Entgegen der Abstimmungsrhetorik ist der Glaube an eine hohe Regulierungsdichte und als Resultat daraus glückliche und gesunde Konsumenten ungebrochen hoch. Dabei wird Letzteren kaum eigene Kompetenz in Ernährungsfragen zugetraut.

Einer der grössten Regulierer ist das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit (BLV). Ein Blick auf die vergangenen Jahre zeigt einen ungebrochenen Willen zur Ernährungsumsetzung der Bürger.
Ein Beispiel ist der Nutri Score vor einigen Jahren. Die Massnahme darf heute als gescheitert betrachtet werden, hat aber mutmasslich den Steuerzahler einiges an Geld gekostet.
Gute Miene zum bösen Spiel
Eine freiwillige Lebensmittel-Kennzeichnung auf der Verpackung durch die Produzenten von grün über orange zu rot würde den Konsumenten die gesündere Wahl ermöglichen.
Nachdem die Detailhändler zunächst gute Miene zum bösen Spiel machten, wenden sie sich heute wieder davon ab. So verzichtet der französische Lebensmittelhersteller Danone auf eine weitere Verwendung, weil der Nutri Score zu «absurden» Bewertungen führe und für die Kundschaft verwirrend sei.
Trotzdem liess sich das BLV nicht demotivieren. So tüftelten die Beamten in ihren Stuben an einer neuen Ernährungsstrategie. Natürlich nur, um den Bürgern Gutes zu tun und ihnen über ausgewogene Ernährung zu einer Stärkung der Gesundheit zu verhelfen. Wer möchte das nicht?
So geben die Gutmenschen im BLV Ernährungsempfehlungen ab für Erwachsene (18–65 Jahre), Seniorinnen und Senioren, Säuglinge und Kleinkinder, Schwangerschaften und Stillzeiten, Vegetarierinnen und Veganer und zu guter Letzt zum Bedarf an Nahrungsergänzungsmitteln, selbstverständlich nur in bestimmten Lebenssituationen.
Wünsche einen gesunden Appetit
Der unmündige Bürger kann sich breit informieren, was zu tun ist. Die Weisheiten sind ziemlich banal, folgen aber offenbar dem Motto «gut haben wir darüber gesprochen».
Regelmässig Trinken und am besten Wasser, Milchprodukte am besten ungezuckert, Früchte und Gemüse bunt und saisonal, Nüsse und Samen täglich in kleinen Mengen geniessen. Was auffällt: Zum Fleischgenuss und einem saftigen Steak steht nichts geschrieben.
Was abschliessend bleibt, ist eine nüchterne Feststellung. Trotz der unsinnigen Ernährungsinitiative ist die Schweizer Bevölkerung mit Blick auf die vom behördlichen Ernährungsstrategie weit entfernt vom Slogan «mein Essen – meine Wahl».
Was bleibt, ist das Zitat von Erich Kästner: «Leben ist immer lebensgefährlich». Ich wünsche einen gesunden Appetit.
Zur Person
Hans-Ulrich Bigler ist Ökonom und war von 2008 bis 2023 Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands (SGV). Er ist im Vorstand mehrerer Verbände und sass von 2015 bis 2019 für die FDP im Nationalrat. Heute ist Bigler SVP-Mitglied.












