Wegen KI: Studienabgänger müssen für Jobs künftig zahlen!
KI ersetzt viele Jobs – Studienabgänger müssen bei der Stellensuche kämpfen. Um in der Arbeitswelt Fuss fassen zu können, dürfte es teuer werden.
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Das Wichtigste in Kürze
- Die Zahl der ausgeschriebenen Stellen ist um rund ein Drittel gesunken.
- Studienabgängerinnen und -abgänger klagen über lauter Absagen.
- Es blieben nur Jobs für erfahrene Spitzenkräfte, sagt ein Professor für Bildungsökonomie.
Simona Coppola hat bald ihren Jus-Abschluss in der Tasche. Zurzeit studiert sie an der Universität Zürich im letzten Semester Rechtswissenschaften. Die Influencerin alias «Simsallagym» ist gerade aber etwas «scared» (dt.: verängstigt).
«Man sagte: ‹Studiere, mach einen Bachelor, mach einen Master, und du bekommst safe einen Job›.» So klagt die 24-Jährige in einem Video auf Instagram (siehe oben). «Und jetzt höre ich von so vielen Leuten, dass sie sich so oft bewerben und so viele Absagen bekommen.»
Zu hören bekämen sie, dass es die Stelle wegen KI nicht mehr gebe, sagt Coppola. «Oder dass sie zu wenig Berufserfahrung haben, obwohl sie gar keine Chance hatten, in diesem Gebiet Berufserfahrung zu holen.»
Die Influencerin hat über 35'000 Follower. Viele darunter seien Studierende, sagt Simona Coppola zu Nau.ch. «Momentan fragen mich viele Follower nach Tipps bei der Jobsuche, weil sie verzweifelt sind.»
Was ihre eigenen Jobaussichten betreffe, sehe sie die Situation «nicht so dramatisch», betont sie. Das Video habe sie gepostet, weil sie so viele Nachrichten erhalten habe.
IT und Finanzen: Weniger Jobs
Tatsächlich sieht es für Studienabsolventinnen und -absolventen auf dem Arbeitsmarkt nicht rosig aus.
Seit dem Höchststand 2022 ist die Zahl der ausgeschriebenen Jobs um rund ein Drittel gesunken. Vor allem in der IT, im Marketing und in den Finanzdienstleistungen sind weniger Jobs ausgeschrieben. Dies zeigt der Arbeitsmarktdatenanbieter «x28».
Aktuelle Daten aus dem Adecco Group Swiss Job Market Index bestätigen den Trend. Im ersten Halbjahr 2025 ist die Zahl der ausgeschriebenen Jobs um 24 Prozent gesunken.
Betroffen sind kaufmännische, administrative und betriebswirtschaftliche Berufe. Als Vergleich dient das erste Halbjahr 2024.
Auch der Innovationsverband Schweizer Arbeitsmarkt (ISA) spürt den Trend bei den Jobs.
Der Verband entwickelt seit 2024 Lösungen für Spezialisten, Unternehmen und Verwaltungen. «Als wir starteten, gab es noch zwei offene Stellen auf eine stellensuchende Person mit Finanzhintergrund.» Dies sagt Christina Kehl, Geschäftsführerin des ISA. «Heute liegt dieses Verhältnis noch bei 1:1.»
Erwartungen seien gestiegen
Ein Abschluss an der renommierten Hochschule St. Gallen (HSG) verspricht nicht weniger Mühe auf dem Stellenmarkt. «Der Berufseinstieg ist für Hochschulabsolventinnen und Hochschulabsolventen in den letzten Jahren insgesamt anspruchsvoller geworden», sagt Gerd Winandi-Martin. Er ist Leiter Career und Corporate Services der HSG.
Eine gedämpfte wirtschaftliche Entwicklung führe dazu, dass Unternehmen vorsichtiger rekrutierten und Erwartungen an Berufseinsteigende stiegen, sagt Winandi-Martin. «Gleichzeitig verändert der Einsatz von künstlicher Intelligenz viele Berufsfelder grundlegend und beeinflusst Aufgabenprofile und Kompetenzanforderungen.»
KI erleichtert laut Winandi-Martin Routinearbeiten. «Sodass Einsteiger vor allem Fähigkeiten in Analyse, Beratung und Projektarbeit zeigen sollten.» Arbeitgeber legten mehr Wert auf Problemlösungskompetenz, kritisches Denken und Teamarbeit.
«Quasi aus der Hand gerissen»
Auch für Jus-Absolventinnen und -Absolventen ist die Jobsuche kein Spaziergang mehr.
«Noch vor einigen Jahren wurden uns die Absolventinnen und Absolventen quasi aus der Hand gerissen.» Dies stellt Thomas Gächter fest, Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Uni Zürich. Selbst bei den Bezirksgerichten gebe es mittlerweile Wartelisten.
KI übernehme die Papierarbeit der Juristinnen und Juristen, sagt Gächter. «Damit sind repetitive Arbeiten gemeint, die im Wesentlichen den Tag füllen.»
Eine gut gefütterte KI könne deshalb die Arbeit von Einsteigerjobs problemlos übernehmen. «Umso wichtiger wird die Klientenarbeit.»
Für diese Arbeit ist jedoch bereits viel Berufserfahrung gefragt. Solche zu sammeln, wird zunehmend zum Stolperstein.
«Für Unternehmen wird es immer schwieriger, Lehrabsolventen und Studienabsolventinnen in Entry-Positionen zu platzieren», sagt ISA-Geschäftsführerin Christina Kehl. Grund dafür sei, dass diese Aufgaben zunehmend wegfielen respektive automatisiert würden.
Mehr Arbeitslose nach Studium
Seit 2010 ist die Zahl arbeitsloser Uni-Masterabsolventen um 70 Prozent gestiegen.
Wer die Universität verlässt, steht im Vergleich zu einem Lehrabschluss häufig später vor dem Übergang in die Praxis. Diese Phase dauert länger und reagiert auf konjunkturelle Schwankungen empfindlicher. Zudem wächst das Angebot an Hochschulabsolventinnen und -absolventen schneller als die Nachfrage nach akademisch geschultem Personal.
Möglich ist, dass die Schere zwischen Bildungsoutput und Arbeitsmarktrealität bereits auf erste Auswirkungen der KI trifft. Zu diesem Schluss kommt der Schweizerische Arbeitgeberverband in einer Analyse.
Es treffe immer zuerst die Neuen
Stefan C. Wolter, Professor für Bildungsökonomie an der Universität Bern, bestätigt, dass KI Jobs für Einsteiger zunehmend ersetzt. Sobald sich durch KI Kosten senken liessen, würden Stellen abgebaut, sagt er.
«Müssen Firmen oder Verwaltungen sparen, trifft es immer zuerst diejenigen, die neu auf dem Markt sind.» Unter diesen Umständen werde die Talent-Pipeline nicht mehr gefüllt, sagt Wolter.
«Da wegen KI Routinearbeiten wegfallen, bleiben nur noch Jobs für die erfahrenen Spitzenkräfte.» Praktikanten würden dagegen als Bremsklötze angesehen. Der Bildungsökonom rechnet deshalb damit, dass sich die unbezahlte Ausbildungszeit verlängert.
«Künftig werden Studienabgänger für Praktika oder Einsteigerjobs zahlen müssen», sagt Wolter. Denn: Ein Angestellter, der nur lerne, aber nichts produziert, sei nicht lukrativ.
«Denkbar ist, dass eine Firma zum Beispiel für ein zweijähriges Praktikum einen bestimmten Betrag verlangt», sagt Wolter. Je nach Beruf könnten es 1000 Franken im Monat sein. «Das ist aber sehr spekulativ.»
Komplettes Neuland würde die Schweiz damit nicht betreten. Im 19. Jahrhundert mussten Lernende in Handwerksbetrieben für ihre Ausbildung Lehrgeld bezahlen.



















