«Kann Angst machen»: Uber-Fahrer küsst Gebetskette
Ein Paar fährt in der Nacht nach Heiligabend mit Uber nach Hause. Religiöse Handlungen des Chauffeurs sorgen für ein mulmiges Gefühl.

Das Wichtigste in Kürze
- Eine Zürcherin fühlte sich in einem Uber-Taxi unwohl.
- Der Fahrer habe immer wieder eine Gebetskette geküsst, sagt sie.
- Sicherheit und Wohlbefinden aller Fahrgäste haben laut Uber «höchste Priorität».
Für den Heimweg von der Feier bei der Familie an Heiligabend gönnt sich das Paar noch ein Geschenk. Es ist kalt und nach Mitternacht. Anstatt zu später Stunde mit dem Zug nach Hause zu fahren, buchen sie ein Uber.
«Wir freuten uns auf eine bequeme Fahrt direkt nach Hause», sagt Gioia T*. Die Fahrt mit dem Uber von der Zürcher Goldküste nach Zürich verlief aber ganz anders.
«Der Uber-Fahrer fuhr teilweise viel zu schnell», sagt T. Mulmig sei es ihr während der Fahrt aber noch aus einem anderen Grund geworden. «Der Fahrer küsste immer wieder die Gebetskette, die an seinem Rückspiegel hing.»
«Hätte Panik bekommen»
Der Fahrgast vermutet aufgrund des arabischen Namens des Uber-Chauffeurs, dass es sich um einen Muslim gehandelt hat. Folglich dürfte der Chauffeur eine muslimische Misbaha benutzt haben.
Die auch als Tasbih genannte Gebetskette besteht aus 33 oder 99 Perlen. Jede Perle steht ursprünglich für einen der 99 Namen von Allah. In der Praxis verwenden Gläubige die Kette aber vielmehr für drei Lobpreise, die sie je 33 Mal aufsagen.
«Es kam mir vor, als würde er mit seinem Ritual dafür sorgen wollen, dass kein Unfall passiert», sagt T. Ihr Partner habe die Szene weniger beobachtet und sei deshalb ruhig geblieben. «Wäre ich alleine im Auto gewesen, hätte ich Panik bekommen», sagt die Zürcherin.
«Nicht der richtige Ort»
Das Ritual an sich hat T. nicht gestört.
Sie habe nichts gegen gläubige Menschen, sagt die Mittdreissigerin. «Ich finde aber, dass ein Taxi nicht der richtige Ort ist, um religiöse Handlungen zu vollziehen», sagt sie. «Auch an Weihnachten nicht.»
Angestellte kommerzieller Anbieter sollten sich im Kontakt mit Kundinnen und Kunden religiös neutral verhalten, sagt sie. «Ansonsten kann dies irritieren oder gar Angst machen.»
Gebetskette küssen?
Den Präsidenten der Föderation islamischer Dachorganisationen Schweiz (FIDS) erstaunt das Ritual des Chauffeurs im Uber.
Die Gebetskette werde im Islam nicht geküsst, sagt Önder Günes zu Nau.ch. Die Kette helfe, alle 99 Namen auswendig aufzuzählen. «Sie ist lediglich ein Utensil und nicht heilig.»
Gleich verhält es sich im Christentum mit dem Rosenkranz. Daher kann es sich auch nicht um ein christliches Ritual gehandelt haben.
Önder Günes geht auch nicht davon aus, dass die Festtage eine Rolle spielten. «Der 24. und 25. Dezember haben aus muslimischer Sicht keine spezielle Bedeutung», sagt Günes.
Auch glaubt er nicht, dass der Fahrer das Ritual als Provokation gegen das Christentum vollzog. Jesus sei ohnehin auch im Islam ein Prophet.
«Vermutlich wollte der Fahrer einfach spirituell unterwegs sein.» Er empfehle jedoch, sich mit solchen Aktionen im Kundenkontakt zurückzuhalten.
Uber: Kunden sollten Vorfälle melden
Der Fahrdienstvermittler geht auf Anfrage nicht auf religiöse Rituale ein.
Uber lege grossen Wert auf ein respektvolles Miteinander, das unterschiedliche persönliche Hintergründe berücksichtige, sagt ein Uber-Sprecher. «Gleichzeitig hat die Sicherheit und das Wohlbefinden aller Fahrgäste während einer Fahrt höchste Priorität.»
Sie ermutigten Kundinnen und Kunden, Vorfälle direkt über die App zu melden, damit diese geprüft werden könnten. «Jede Meldung wird von uns ernst genommen und entsprechend bearbeitet.» Der Fahrdienstvermittler zeigt sich bereit, dem konkreten Fall nachzugehen, sofern weitere relevante Informationen zur Verfügung gestellt würden.
Gioia T. sieht jedoch davon ab. Das Verhalten des Fahrers im Uber sei irritierend gewesen, sagt sie.
«Aber gleichzeitig frage ich mich auch, ob ich gleich beunruhigt gewesen wäre, wenn der Fahrer eine Buddha-Figur geküsst hätte.» Ihre eigene Reaktion zeige einmal mehr, wie negativ oder vorurteilsbehaftet der Islam in unserer Gesellschaft besetzt sei.
*Name von der Redaktion geändert.

















