Import-Milch: Schweizer Turner bringen Bauern zum Schäumen
Die angeschlagene Schweizer Milchbranche reagiert betupft auf die neue Partnerschaft des Schweizerischen Turnverbands mit einer Milchfirma aus Island. Zu Recht?

Das Wichtigste in Kürze
- Schweizer Milchbauern stehen wegen Überschüssen unter Druck.
- In dieser Lage setzt der Schweizer Turnverband auf ausländische Milchprodukte.
- Die Partnerschaft zwischen den Turnern und einer isländischen Marke sorgt für Empörung.
- Die Turner wehren sich gegen die Vorwürfe.
Die Schweizer Milchbauern stehen unter Druck – und das ausgerechnet wegen ihres Erfolgs. Ihre Kühe geben mehr Milch als je zuvor. Der Grund: Besonders gutes Futter.
Was zunächst nach einer Erfolgsgeschichte klingt, hat eine bittere Kehrseite. Das Angebot übersteigt die Nachfrage – Die Preise geraten unter Druck.
Und die Folgen sind drastisch: Tonnenweise Magermilch müssen vernichtet werden. Nur das wertvolle Milchfett lässt sich noch retten.
Gleichzeitig importiert die Schweiz munter weiter Milch – etwa für die Schokoladenproduktion.
In der Branche sorgt das für Unverständnis. Stimmen werden laut, die einen Import-Stopp für Milchprodukte fordern.
Partnerschaft stösst Milchwirtschaft vor den Kopf
In diese ohnehin angespannte Lage platzt nun eine Partnerschaft, die für zusätzlichen Zündstoff sorgt. Seit Anfang März spannt der Schweizerische Turnverband (STV) mit Isey Skyr zusammen.
Skyr – ein eiweissreiches Milchprodukt, das an Quark erinnert – stammt traditionell aus Island.
Und genau von dort kommen auch die Produkte von Isey Skyr. Heisst: Es wird Milch aus dem Ausland importiert, konkret aus dem 3000 Kilometer entfernten Island.
Dafür hagelt es Kritik aus der Schweizer Landwirtschaft. Besonders deutliche Worte findet Agronomin Sabrina Schlegel in einer Kolumne in der Fachzeitung «Schweizer Bauer».
«Dass ausgerechnet eine traditionsreiche Institution wie der STV, die fest im Schweizer Vereinswesen verankert ist, zur Werbebühne für ausländische Milchprodukte wird, sorgt für berechtigtes Stirnrunzeln», schreibt sie.
Für sie ist der Widerspruch offensichtlich: «Während der Verband stolz seine Athletinnen und Athleten als Aushängeschild des Schweizer Sports präsentiert, stösst er gleichzeitig die einheimischen Landwirtinnen und Landwirte vor den Kopf.»
Markus Ritter schmeckt Island-Skyr nicht
Mit ihrer Kritik trifft sie einen Nerv. Auf LinkedIn erhält sie prominenten Zuspruch – unter anderem vom obersten Bauern der Schweiz, Markus Ritter.

Er weist darauf hin: «Vor allem gäbe es auch Skyr aus Schweizer Milch zum Beispiel bei der Migros-Gruppe oder in der Bio-Version bei Coop.»
Und er legt nach: «Es gibt also keine Not, ein isländisches Milchprodukt zu importieren ... Hoffentlich machen es dann die Mitglieder besser und kaufen die Schweizer Variante.»
«Schweiz hat genug Milch»
Der Schweizer Bauernverband bekräftigt die Kritik. Sprecherin Sandra Helfenstein sagt auf Anfrage von Nau.ch: «Wir bedauern dies. Aus Sicht der Schweizer Landwirtschaft ist die Wahl generell und in Anbetracht der aktuellen Lage auf dem Milchmarkt im Speziellen äusserst unglücklich.»
Denn: Milch gibt es hierzulande mehr als genug. «Es macht wenig Sinn – auch ökologisch gesehen – ein Milchprodukt aus Island zu importieren, das es auch aus Schweizer Herkunft und mit einheimischer Milch gibt.»
Zwar sei der Turnverband frei in seiner Partnerwahl, betont sie. Doch: «Wir hätten uns mehr Sensibilität erwünscht. Landauf und landab stellen ja Landwirtschaftsbetriebe jedes Jahr jeweils auch Flächen für STV-Turnfeste zur Verfügung.»
Schweizer Milchunternehmen wollten gar keine Partnerschaft
Der STV selbst nimmt die Kritik ernst – und zeigt Bedauern.
Sprecherin Silvia Zwygart betont gegenüber Nau.ch: «Die Förderung von Schweizer Produkten und regionaler Wertschöpfung ist für den STV zentral. Dies zeigt sich auch darin, dass die grosse Mehrheit unserer Partner aus der Schweiz stammt.»
Tatsächlich: Über 80 Prozent der Partner sind Schweizer Unternehmen. Warum also kein Deal mit einem einheimischen Milchproduzenten?
Die Antwort ist so simpel wie überraschend: Es wollte offenbar niemand.
«Auch im Bereich Milchprodukte haben wir den Austausch gesucht und Kontakt zum Schweizer Produzenten Emmi aufgenommen», erklärt Zwygart. «Leider bestand dort kein Interesse an einer Zusammenarbeit.»
Proteine aus Island überzeugen Schweizer Turner
Isey Skyr hingegen sei mit einer konkreten Idee auf den Verband zugekommen – und habe inhaltlich überzeugt.
«Skyr ist ein proteinreiches Produkt, das im Leistungs- wie im Breitensport beliebt ist. Da in diesem Bereich keine bestehende Partnerschaft mit einem Schweizer Hersteller bestand, passte das Engagement gut zum Turnsport und zu unseren Bedürfnissen als Non-Profit-Organisation.»
Entscheidend sei der Mehrwert für die Mitglieder durch «innovative Produkte und Partnerschaften», die den Turnsport «sinnvoll» unterstützten.

Somit bleibt die Hoffnung des Verbands, dass die hitzige Debatte keine negativen Folgen für die Turnerinnen und Turner hat.
Und Zwygart stellt klar: «Die Turnfeste – mit Ausnahme des Eidgenössischen Turnfests – werden nicht vom Verband organisiert.»
Heisst: Dass Bauern ihre Felder zum Turnen zur Verfügung stellen, hat weder mit dem Turnverband noch mit dessen Partnerschaften zu tun.
Isey Skyr wird in der Schweiz von der Ice-co GmbH mit Sitz in Brugg AG importiert und vertrieben. Die Partnerschaft mit dem STV basiere auf einem «starken, inhaltlichen Fit zwischen Bewegung, Leistungsfähigkeit und ausgewogener Ernährung».
Für die Firma sei es wichtig gewesen, einen Partner zu finden, der schweizweit verankert ist und alle Altersgruppen erreicht. Dabei.
«Skyr wird bewusst in Island hergestellt»
Die Ice-co GmbH betont aber, sie habe Verständnis für die aktuelle Situation der Schweizer Milchwirtschaft.
Sprecher Felix Michel gibt gegenüber Nau.ch aber zu bedenken: «Gleichzeitig ist Isey Skyr ein traditionelles Produkt mit klarer geografischer und kultureller Herkunft, das bewusst in Island hergestellt wird.»

Die isländische Herkunft sei integraler Bestandteil des Produkts und dessen Qualität. «Diese klare Verankerung unterscheidet Isey Skyr von lokal produzierten Alternativen.»
Die Skyr-Kulturen hätten sich über lange Zeit entwickelt, was dem Produkt seinen charakterlichen Geschmack und Textur gebe. Auch die Milch dafür sei anders zusammengesetzt als bei uns, weil sie von einer genetisch isolierten Rinderrasse stammt.
Die Firma betont: Welche Milchprodukte im Körbli landen, aus der Schweiz oder Island, entscheiden letztlich die Konsumentinnen und Konsumenten.
Die Kolumne von Sabrina Schlegel findet denn auch eine versöhnliche Note im Skyr-Abgang. «Einen positiven Aspekt sehe ich bei Isey Skyr: Es belebt den Markt», schreibt sie.
Dadurch seien die Schweizer Verarbeiter gefordert, innovativ zu bleiben. Sollte Island den steigenden Milchbedarf für die Skyr-Produktion nicht mehr decken können, könnte man auf Schweizer Milch umstellen.
Schweizer stehen immer mehr auf Bio
Und bei der Kaufentscheidung zeigt sich ein klarer Trend Richtung Bio. Im Detailhandel liegt der Bioanteil bei Trinkmilch bereits bei 43 Prozent.
Auch verarbeitete Milchprodukte wie Joghurt, Butter oder Käse sind immer häufiger Bio. Je nach Kategorie von wenigen bis über 20 Prozent.
Derzeit kann die Nachfrage gedeckt werden. Doch schon bald könnten Bio-Engpässe drohen.
Grund: Immer weniger Schweizer Milchbauern stellen die Produktion auf Bio um.















