«Donald Trump zu dolmetschen, ist der reinste Frust»

Bettina Zanni
Bettina Zanni

Zürich,

Dana Widmer hängt an den Lippen von US-Präsident Donald Trump. Das kostet die Dolmetscherin viel Energie.

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Für SRF dolmetschte Dana Widmer US-Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris, Elizabeth Banks, Regisseurin der Horrorkomödie «Cocaine Bear», oder Oscarpreisträgerin Michelle Yeoh. - SRF

Das Wichtigste in Kürze

  • Dana Widmer übersetzt als Dolmetscherin auch Reden von US-Präsident Donald Trump.
  • «Ich sass schon in der Kabine und fragte mich: ‹what?›», sagt sie.
  • Ein gutes Kurzzeitgedächtnis sei im Fall Trump nur von Vorteil, so die Dolmetscherin.

Nau.ch: US-Präsident Donald Trump hielt am WEF in Davos eine 70 Minuten lange Rede, übersetzt von einer Dolmetscherin. Viele Menschen hörten gebannt zu. Beneiden Sie die Dolmetscherin um ihren Einsatz?

Dana Widmer: Ich freue mich immer, wenn ich an einem Anlass dolmetschen darf, weil ich meinen Job liebe. Aber in diesem Fall bin ich ausnahmsweise nicht traurig um den Job.

Nau.ch: Warum nicht?

Widmer: Donald Trump zu dolmetschen, ist der reinste Frust. Und das meine ich jetzt nicht nur, weil ich seine Ideologie nicht teile.

Das Problem ist, dass man regelmässig am eigenen Gehör und Sprachverständnis zu zweifeln beginnt. Ich sass schon in der Kabine und fragte mich: «What? Hat er das wirklich so gesagt oder mache ich mich jetzt zum Affen

Die Plausibilitätskontrolle, die bei uns Dolmetscherinnen und Dolmetschern im Kopf ständig läuft, versagt da total. Aber wenn er sagt, dass Immigranten Hunde essen, dann muss man es halt genau so übersetzen. Sei es noch so absurd. Ich selbst erlebte eine solche Situation, als er Anfang Januar den Angriff auf Venezuela verkündigte.

Nau.ch: Was ist passiert?

Widmer: Ich habe die Rede von Donald Trump für den Online-Livestream von SRF übersetzt. Er sagte, die USA wollten Venezuela vorerst selbst regieren. Da fragte ich mich: «Hat er das wirklich gesagt?» Es war ohnehin alles schon so haarsträubend in dieser Rede.

Verfolgst du englische Reden mit Originalton oder Simultanübersetzung?

Nau.ch: Wie können Sie mitten in einer Live-Simultanübersetzung an den Worten von Donald Trump herumstudieren, ohne den Faden zu verlieren?

Widmer: Beim Dolmetschen eignen wir uns unter anderem einen Mechanismus an, bei dem wir das Gehörte im Kopf nachhallen lassen. Wir spielen die Tonspur aus unserem Kurzzeitgedächtnis gedanklich also nochmals ab. Das passiert in Sekundenbruchteilen.

Dadurch wird der Abstand zwischen dem Originalton und der Übersetzung etwas grösser. Ich bin aber eigentlich jemand, der gerne eher nahe am Originalton übersetzt.

Nau.ch: Warum?

Widmer: Weil mein Kurzzeitgedächtnis zu wenig gut für eine lange Décalage ist (lacht). So nennen wir den Abstand zwischen Originalton und unserer Verdolmetschung in der Fachsprache. Es gibt Dolmetscherinnen und Dolmetscher, die viel mehr Abstand lassen könnten als ich, weil sie ein wahnsinniges Kurzzeitgedächtnis haben.

Für die Simultanübersetzung von Donald Trumps Reden ist ein gutes Kurzzeitgedächtnis eigentlich nur von Vorteil. Trump zu übersetzen, kostet aber auch abgesehen von der Plausibilitätskontrolle viel Energie.

Nau.ch: Was macht es so anstrengend?

Widmer: Donald Trump spricht auch nicht kohärent. Seine Reden haben oft keinen roten Faden. Er erzählt etwas zu einem bestimmten Thema und schweift dazwischen ab.

Dann sagt er zum Beispiel mittendrin plötzlich: «Diesen Typen kenne ich auch» und zeigt dabei auf jemanden im Publikum. So wird das Dolmetschen extrem schwierig.

Dazu kommt, dass er sich sehr salopp ausdrückt. Je umgangssprachlicher und salopper jemand spricht, desto herausfordernder wird oft das Dolmetschen.

Bei Donald Trump läuft man tendenziell Gefahr, eine zu gestelzte Übersetzung abzuliefern. Denn viele Dolmetscherinnen und Dolmetscher fühlen sich bei schludrigen Ausdrucksweisen unwohl.

Hörst du gerne Donald Trump zu?

Und es ist schlicht etwas, was eher selten vorkommt. Daher fehlt teilweise etwas die Übung. Aber Trump will man ja eigentlich nicht zu viel Eloquenz unterstellen (lacht).

Nau.ch: Gibt es «Schmerzensgeld» für Trump-Einsätze?

Widmer: Leider nicht (lacht). Die Honorare sind bei Donald Trump gleich wie bei anderen Dolmetschaufträgen. Pro Einsatz liegen sie in der Grössenordnung von circa 1300 Franken, Vorbereitung inklusive.

Nau.ch: Als Frau dürften Sie aber wenig Anfragen für Trump-Übersetzungen erhalten?

Widmer: Ja, denn fürs Fernsehen ist es grundsätzlich so, dass Frauen Frauen dolmetschen und Männer Männer. Ich übersetzte Trump im April für SRF aber bereits schon einmal, als er die Zollerhöhungen ankündigte. Wie im Fall der Venezuela-Rede wurde ich ausnahmsweise dafür angefragt. Die beiden Dolmetscher, die sonst meist für SRF im Einsatz sind, waren an diesen Tagen verhindert.

Donald Trump WEF
Am WEF 2026 hielt Donald Trump eine rund 70-minütige Rede. - keystone

Nau.ch: Überlegten Sie es sich zweimal, bevor Sie zusagten?

Widmer: Ich dachte kurz «seid ihr sicher?», als ich die Anfrage erhielt. Die Anfrage kam sehr kurzfristig, lediglich ein paar Stunden vorher.

Aber am Schluss ist es ein Auftrag und kein Wunschkonzert. Darum lehne ich auch Trump-Einsätze nicht ab. Auch bin ich eine der wenigen Dolmetscherinnen in der Deutschschweiz, die sehr amerikanisch orientiert sind. Wegen meiner Affinität zu den USA war ich zum Beispiel auch für die Übertragung der Oscars gefragt.

Nau.ch: Dort blühten Sie dafür richtig auf?

Widmer: Ja. Als absoluter Serienjunkie ist das Dolmetschen der Reden an den Oscars natürlich ein Highlight. Ich verstehe alle Anspielungen und Insider-Witze.

Seit 2025 überträgt das SRF die Show aber nicht mehr mit deutscher Verdolmetschung. Darum fallen diese Einsätze für mich nun leider weg.

Nau.ch: Von welchem Auftrag träumen Sie noch?

Dana Widmer

Dana Widmer (41) arbeitet seit 2013 hauptberuflich als Konferenzdolmetscherin und Übersetzerin. Ihre Arbeitssprachen sind Deutsch, Englisch, Spanisch und Französisch. Nebenbei ist sie als Texterin und Sprecherin tätig, sowie in der Untertitelung und Audiodeskription.
2009 schloss sie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) das Übersetzerdiplom ab. 2013 folgte der Abschluss des Studiums zur Konferenzdolmetscherin mit dem Titel Master of Arts. Sie ist Tochter eines Schweizers und einer Mexikanerin und wuchs in Bern auf. Seit 20 Jahren lebt sie in Zürich.

Widmer: Ich habe keinen Traum-Auftrag in dem Sinne. Dolmetsch-Engagements sind für meine Sprachkombination – ich arbeite mehrheitlich mit Deutsch und Englisch – immer weniger selbstverständlich geworden. Viele Veranstalter sparen sich die Dolmetscherinnen und Dolmetscher.

Sie gehen davon aus, dass heute sowieso alle Englisch können. Oder sie weichen auf Billig-Agenturen aus. All das geht auf Kosten der Qualität.

Kann KI Dolmetscherinnen und Dolmetscher ersetzen?

Mein Traum wäre, dass dieser Beruf bestehen bleibt und nicht KI zum Opfer fällt. Denn die menschliche Komponente halte ich in der Kommunikation aus verschiedenen Gründen für unerlässlich.

Aktuell bietet KI noch keine wirklich brauchbaren Simultanübersetzungen. Aber der technologische Fortschritt ist unaufhaltbar. Daher bereitet uns das schon etwas Sorgen. Was sicher ist: Ich werde diesen wunderbaren Traumberuf noch so lange ausüben, wie irgend möglich.

Kommentare

User #5879 (nicht angemeldet)

Nau versucht uns bereits täglich kramphaft bei zu bringen, dass es bei der Demokratie um minderheiten geht.

User #6284 (nicht angemeldet)

An einer solchen Konferenz sollte man sich entsprechend stylen und kleiden. Etwas Seriösität sollte schon vorhanden sein.

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