Gewalt

Darum triggern Gewalt-Vorwürfe viele Männer

Rowena Goebel
Rowena Goebel

Bern,

Die meisten Männer haben nie etwas getan wie das, was Collien Fernandes ihrem Ex-Mann vorwirft. Trotzdem fühlen sich viele von der Gewalt-Kritik angegriffen.

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Christian Ulmen soll mit Fake-Profilen seiner Ex-Frau Collien Fernandes Sex-Chats geführt haben. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Christian Ulmen soll sexuelle Bilder von seiner Ex-Frau erstellt und geteilt haben.
  • Collien Fernandes machte die Vorwürfe öffentlich. Nun kommt ihr auch viel Hass entgegen.
  • An einer Demo konnte sie nur mit kugelsicherer Weste und unter Polizeischutz auftreten.
  • Eine Expertin und ein Experte erklären, warum viele Männer so heftig reagieren.

Er soll es getan haben, weil es ihn erregte, sie zu erniedrigen: Moderatorin Collien Fernandes wirft ihrem Ex-Mann vor, jahrelang mit Fake-Accounts in ihrem Namen Sex-Chats geführt zu haben.

Es ist eine Geschichte über persönliche Abgründe – und doch hat sie mit uns allen zu tun. Das zeigen auch die Reaktionen auf die Veröffentlichung der Vorwürfe.

Neben Solidarität erfährt Fernandes derart viel Hass, dass sie sich nur unter Polizeischutz mit kugelsicherer Weste an Demos traut.

Sie erhält Morddrohungen, wird im Netz beschimpft, ins Lächerliche gezogen und angezweifelt. «Wir beobachten derzeit eine deutliche Gegenreaktion», sagt Geschlechterforscherin Fabienne Amlinger von der Universität Bern zu Nau.ch.

Ulmen selbst kommentiert die Vorwürfe bislang nicht. In einer Mail an einen Strafverteidiger erklärte er aber, «einen sexuellen Fetisch» entwickelt zu haben.

Natürlich gilt im konkreten Fall die Unschuldsvermutung, solange kein Urteil gefällt ist.

Aber warum reagieren so viele mit Wut und Zweifel auf die Vorwürfe? Warum fühlen sich so viele Männer angegriffen, wenn eine Frau sexualisierte Gewalt anprangert?

Wer sich angegriffen fühlt, macht einen Denkfehler

«Die Reaktionen lassen sich nur verstehen, wenn man Männergewalt als strukturelles, gesellschaftliches Phänomen betrachtet. Nicht als Summe individueller Einzelfälle», sagt Amlinger.

Eine einfache Antwort gibt es nicht. Die Forscherin sieht jedoch vier Faktoren, die eine Rolle spielen.

«Erstens ist die Dominanz von Männern gegenüber Frauen historisch und kulturell stark in unserer Gesellschaft verankert. Dass Männer Macht über Frauen ausüben, auch gewaltförmig, ist in den letzten Jahrzehnten gesellschaftlich zunehmend als illegitim erachtet und bekämpft worden.»

Es gibt also immer mehr Gegenwehr.

«Ein Teil der Männer fühlt sich durch diese Entwicklung angegriffen oder stellt sich ihr aktiv entgegen.»

Dass Männer deutlich öfter Gewalt ausüben als Frauen, ist ein Fakt, betont Amlinger. «Fälle wie Ulmen oder Epstein erzeugen grosse Aufmerksamkeit für geschlechtsspezifische Gewalt.»

Die Expertin erklärt: «Männer fühlen sich dadurch unter Verdacht gestellt. Bei einigen ist das berechtigt, bei anderen nicht.»

Gleichberechtigung fühlt sich für gewisse Männer an wie «Statusverlust»

Der zweite Faktor ist die Tatsache, «dass Männer in einer gleichgestellten Gesellschaft ihre Vorrangposition verlieren», wie Amlinger sagt.

Männern standen gewisse Dinge lange einfach zu, weil sie Männer waren. Ein erschreckendes Beispiel dafür: Eine Vergewaltigung in der Ehe wurde bis 1992 nicht als solche anerkannt.

Gesetzlich sind die meisten Ungleichheiten verschwunden, erklärt die Expertin. Auch gesellschaftlich werden sie immer weniger toleriert. «Für gewisse Männer fühlt sich das an wie ein Statusverlust.»

andrew tate
Andrew Tate wird unter anderem Menschenhandel und Vergewaltigung vorgeworfen. - Alexandru Dobre/AP/dpa

«Das wird in der Regel sehr diffus wahrgenommen.» Die wenigsten hätten ein konkretes Beispiel erlebt, wie: «Eine Frau hat den Job bekommen, den ich wollte.»

Doch «das Gefühl, Macht zu verlieren, löst bei einigen Männern Verlustängste aus», sagt die Expertin. Kritik an Männergewalt werde dann zusätzlich als Angriff auf die eigene Machtposition gelesen.

Scheinbarer Widerspruch sorgt für Spannungen

Der dritte Faktor: «Identitätsbedrohung», erklärt Amlinger.

Unser Geschlecht ist für viele von uns ein wichtiger Teil unserer Identität. In den meisten Fällen beeinflusst es, wie wir uns kleiden, wie wir heissen, wie wir angesprochen werden.

Wie nimmst du es wahr: Wie weit fortgeschritten ist die Gleichberechtigung?

«Wird strafrechtlich relevantes Verhalten eines Mannes geahndet, nehmen das gewisse Männer als Angriff auf ihre persönliche Identität wahr.»

Der Gedankengang: «Ich bin doch ein moralischer Mensch, aber die Gruppe, zu der ich gehöre, wird mit Gewalt-Mustern in Verbindung gebracht.» Dieser scheinbare Widerspruch sorgt für Spannungen, erklärt die Expertin.

«Viele fühlen sich einfach überführt»

Faktor vier: «Letztlich fühlen sich viele Männer auch einfach überführt», sagt die Geschlechterforscherin.

«Längst nicht jeder Mann ist ein Epstein oder ein Ulmen. Aber viele kennen Situationen, in denen sie entweder selbst Grenzen überschritten oder bei anderen nicht interveniert haben. Diese Nähe zum Problem kann Abwehr auslösen, weil das eigene Verhalten infrage gestellt wird.»

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Jeffrey Epstein missbrauchte zahlreiche Frauen und Mädchen. - picture alliance

Sie erinnert daran, dass in der Schweiz rund jede vierte Frau sexualisierte Gewalt erlebt hat. In den allermeisten Fällen waren die Täter männlich.

«Die hohe Betroffenenzahl zeigt, dass es sich nicht um isolierte Einzelfälle handelt, sondern um ein verbreitetes Phänomen. Es muss also auch sehr viele Täter geben», sagt Amlinger.

Dass es einen derartigen Aufschrei gibt wie im Fall Collien Fernandes, ist für Mittäter und Komplizen unangenehm.

«Ihr Verhalten wird nicht mehr bagatellisiert oder gar akzeptiert. Für sie fühlt es sich an, wie wenn ihnen etwas, das ihnen früher angeblich zustand, weggenommen wird.»

Männerhass-Sprüche feuern Wut an

Klar: Auch die Kritik an Männergewalt allgemein oder an mutmasslichen Tätern wie Ulmen ist nicht immer sachlich. Einige bezeichnen sich auf Social Media gar provokant als «Männerhasserin».

Das hilft der Sache nicht, sagt Roland Limacher, Gewaltberater bei der Luzerner Fachstelle Agredis Krisen-, Konflikt- und Gewaltberatung, zu Nau.ch: «Solche Zuspitzungen können selbst bei Männern, die Gleichberechtigung unterstützen, Abwehrreaktionen auslösen.»

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Auch die Kritik an Männergewalt allgemein oder an mutmasslichen Tätern wie Ulmen ist nicht immer sachlich. - keystone

In der Beratung hat er schon erlebt, dass sich «Männer persönlich angegriffen fühlen», wenn pauschal über Männergewalt oder Feminismus gesprochen wird.

«Dahinter stehen häufig Ängste, Unsicherheit oder Scham, nicht zwingend eigene Gewalthandlungen.»

Dass sich all diese Gefühle bei einigen in Wut entladen, erklärt der Gewaltberater so: «Oft spielen gesellschaftliche Erwartungen mit, dass Männer stark sein und Kontrolle behalten sollen.»

Fällt es dir leicht, dich verletzlich zu zeigen?

Zudem sei der Zugang zu Wut für viele einfacher als zu verletzlichen Gefühlen wie Ohnmacht, Angst oder Scham.

Destruktive und unreflektierte Wut führt zu Gewalt, zeigt aber keine Stärke, betont Limacher. Damit vermeide man bloss, sich selbst zu hinterfragen.

In der Beratung arbeitet Limacher mit den Männern darauf hin, Verantwortung für ihr Verhalten zu übernehmen, statt die Schuld abzuschieben. Es gehe darum, zu lernen, die eigenen Emotionen und Bedürfnisse wahrzunehmen und zu formulieren. «Mit dem Ziel, Gewalt zu verhindern.»

Kommentare

User #6010 (nicht angemeldet)

Wer mag es schon in Sippenhaft genommen zu werden? Darum ist der Widerstand gefen die alte feministischen Leier Männer = Täter zwingend. Ein destrukives Machtinstrument muss bekämpft werden. Se es das Fakebilder, um Mach gegen die Ex aus zu üben wie feministsche Pauschalisierungen.

User #2035 (nicht angemeldet)

Wer etwas Lebenserfahrung hat, der weiss, wie viele Männer ticken und Venus und Mars nun mal nicht auf demselben Planeten wohnen. Aber man darf, egal ob Mann oder Frau nie alle in denselben Topf werfen. Es gibt gute Männer, wie es ungute Frauen gibt. Als Frau ist man ja heutzutage zum Glück unabhängig, weil gut ausgebildet, und kann sich trennen. Das ist etwas, das die Männer zuallererst geschätzt haben an der Emanzipation, dass sie gehen können und das nutzen sie ja auch rege. Aber was im Netz abgeht, das ist nun mal eine Explosion an kruden Männerfantasieen und ein so gut wie rechtsfreier Raum.

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