Kriminologe: Fall Fernandes-Ulmen – «Männer sehen Frauen als Besitz»
Collien Fernandes macht ihrem Ex Christian Ulmen schwere Vorwürfe. Doch was genau motiviert zu solchen Taten? Experten ordnen ein.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Fall Fernandes-Ulmen sorgt für Erschütterung und Aufsehen.
- Kriminologe Dirk Baier spricht von patriarchalen Haltungen, die dahinterstecken.
- «Männer sehen Frauen als Besitz an», sagt er auf Anfrage von Nau.ch.
Diese Vorwürfe wiegen schwer.
Collien Fernandes (44) hat Anzeige gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen (50) erstattet. Sie wirft ihm «virtuelle Vergewaltigung» vor.
Die Fernsehmoderatorin hat auf Instagram mittlerweile Stellung bezogen. Jahrelang seien unter ihrem Namen Fake-Profile erstellt worden, die vor allem Männer kontaktierten, schreibt sie.
Hunderten Personen seien falsche Nacktbilder und Sexvideos von ihr zugestellt worden. Diese sollten so wirken, als hätte sie sich selbst nackt fotografiert und heimlich beim Sex gefilmt. «Das ganze Spiel wurde über 10 Jahre lang (!) durchgezogen», so Fernandes.
Ex-Mann soll hinter den Taten stecken
Lange suchte sie nach dem Täter. Und das, obwohl er ihr die ganze Zeit über ziemlich nah war. «Sein Name: Christian Ulmen», heisst es in dem Statement.
Nur aufgrund ihrer damaligen Anzeige gegen Unbekannt habe er ihr alles gestanden. In der Hoffnung, dass Collien die Ermittlungen stoppt.
Ein harmloser Beziehungskonflikt ist das längst nicht mehr. Doch ab wann spricht man von digitaler oder psychischer Gewalt?

«Zentral ist natürlich erstens die Einwilligung; Taten, die ohne Wissen und Einwilligung geschehen sowie das Verbreiten von Bildern oder Videos sind potenziell strafbar», erklärt Kriminologe Dirk Baier von der ZHAW auf Anfrage.
Selbst wenn eine Einwilligung vorläge, könnte ein Verhalten als Gewalt klassifiziert werden, wenn es schwere psychische Belastungen auslöst. Heisst: Die Folgen für das Opfer sind ebenfalls mitzudenken.
Bei KI-Deepfakes sei die Gesetzlage zwar nicht ganz so klar, erklärt Baier.
Doch: Wenn eine Person auf den Inhalten eindeutig als diese erkennbar ist, Material gegen den Willen verbreitet wird und der Person schädigt, dürfte eine Strafbarkeit des Verhaltens ausser Frage stehen.
«Es sind die patriarchalen Haltungen»
Laut des Kriminologen ist das Hauptmotiv bei Gewalt an Frauen vor allem eines: Macht.
«Männer sehen Frauen als Besitz an; und über Besitz darf man verfügen. Heisst, man darf mit der Frau machen, was man will», so Baier.
«Es sind die patriarchalen Haltungen, die zentrale Triebfeder für solche abscheulichen Taten sind.»

Digitale Grenzverletzungen würden heute zwar nicht mehr verharmlost. Aber: «Es gibt noch immer – häufig auch von männlicher Seite – die Ansicht, dass das Teilen von Fotos und Videos normal ist, keinen Schaden anrichtet und die Frauen so etwas sogar gutheissen.»
Auch hier gelte insofern: «Männer müssen solche verharmlosenden Sichtweisen möglichst schnell ablegen.»
Schädigung gleich wie bei physischen Übergriffen
Der Kriminologe mahnt vor Gewalt im digitalen Raum, denn die sei mehrfach entgrenzt. «Es gibt viele Personen, die die Fotos und Videos sehen, heisst, das Wissen darum bleibt nicht im kleinen sozialen Kreis.»
Fotos und Videos bleiben gegebenenfalls für immer im Netz. Für die Opfer bedeutet das: Sie werden immer wieder damit konfrontiert.

All das könne psychisch nachhaltig schädigend sein. Baier erklärt: «Wir wissen aus Forschungen, dass die psychische Konstitution Betroffener dadurch mindestens genauso geschädigt wird wie beispielsweise bei physischen Übergriffen.»
Es gebe also keinen Grund, diese Form der digitalen Gewalt in irgendeiner Weise zu bagatellisieren. «Die Opfer brauchen genauso Unterstützung wie Opfer von Körperverletzungen und anderen Tätlichkeiten.»
«Gefühle der Zurückweisung und Unsicherheit»
Dass im Fall von Collien Fernandes ausgerechnet der Ehemann hinter den Taten stecken soll, erschüttert zusätzlich.
Es stellt sich die Frage: Warum tut man das seiner Partnerin oder seinem Partner an?
Es sei grundsätzlich vorstellbar, dass Macht eine Rolle spielt, meint Dominik Schöbi, Psychologieprofessor an der Universität Freiburg, auf Anfrage von Nau.ch.
«Solches Verhalten kann auch durch Gefühle der Zurückweisung und Unsicherheit in einer bestehenden Beziehung entstehen, und sich zum Beispiel in sexuellen Interessen manifestieren, die zu solchem Verhalten führen.»
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Auch die Suche nach Kontrolle könne dabei eine Rolle spielen. Was im konkreten Fall zum Verhalten motiviert hat, sei schwierig einzuschätzen.
Doch: «Dass dies ein Vertrauensmissbrauch darstellt, der tief greift, ist klar.»
Schoebi erklärt: Bei den Betroffenen kann das zu einer starken Verunsicherung führen, die sich auch langfristig auswirkt in zukünftigen Beziehungen.
Vorermittlungen eingeleitet
Das Bezirksgericht in Palma de Mallorca hat aufgrund der Beschuldigungen von Collien Fernandes Vorermittlungen eingeleitet. Ob Anklage erhoben wird, ist derzeit offen. Für Christian Ulmen gilt die Unschuldsvermutung.












