Bundesrat Berset sorgt mit seiner Impfoffensive zum Coronavirus bei den Kantonen für rote Köpfe. Experten sind sich bei den jüngsten Massnahmen nicht einig.
Bundesrat Berset Coronavirus
Bundesrat Alain Berset spricht an einer Medienkonferenz über die neusten Entscheide des Bundesrates zur Coronavirus-Pandemie, am Mittwoch, 13. Oktober 2021, im Medienzentrum Bundeshaus in Bern. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Ungeimpfte sollen durch persönliche Beratungsgespräche von der Impfung überzeugt werden.
  • Bei den Kantonen kommt die Massnahme des Bundesrats nicht gut an.
  • Die Meinungen von Experten dazu sind unterschiedlich.

«Im Kanton Bern ist die Rekrutierung von Beratungspersonen nicht vorgesehen. Wir halten diese Massnahme nicht für zielführend.» Die Aussage von Naomi Brunner von der Gesundheitsdirektion Bern ist klar und deutlich. Der Kanton Bern pfeift auf die Impfoffensive des Bundesrats.

Impfung
Eine Frau wird in der Europaalle Apotheke in Zürich geimpft.
Berset
Der Bundesrat definiert, dass 93 Prozent der über 65-Jährigen und 80 der 18 bis 65-Jährigen geimpft sein sollen, damit die Massnahmen fallen gelassen werden können
Impfung
Mit einer Impfoffensive, die verschiedene Massnahmen beinhaltet, soll dieses Ziel erreicht werden.
Impfung
So sollen Ungeimpfte unter anderem durch persönliche Beratung von einer Impfung überzeugt werden. (Symboldbild)
Bern Pierre Alain Schnegg
Die Berner Gesundheitsdirektion um Pierre Alain Schnegg erteilt dem Vorhaben aus dem Bundeshaus eine klare Absage.

Dieser hat am Mittwoch eine neue Strategie angekündigt, um der Pandemie ein Ende zu setzen. Dabei setzt Alain Berset unter anderem auf Beratungsgespräche mit Ungeimpften durch Fachpersonal.

Soziologe haltet Beratungsgespräche für sinnvoll

Im Gegensatz zum Kanton Bern betrachtet Soziologe Ueli Mäder die jüngsten Massnahmen als geeignet. «Ich halte Beratungsgespräche für sinnvoll, sie greifen inhaltliche Fragen und emotionale Widerstände auf», sagt er gegenüber Nau.ch. Dies sei zielführender, als auf finanzielle Anreize zu setzen.

Ueli Mäder
Soziologe Ueli Mäder betrachtet die Impfoffensive des Bundes als sinnvoll. - keystone

Die Gegenwehr aus der Hauptstadt könne er nicht nachvollziehen. «Die Kantone können ja eigene Akzente setzen. Und so lernen alle von unterschiedlichen Zugängen», sagt Ueli Mäder.

Der zunehmende Druck des Bundes werde die Spaltung der Gesellschaft nicht fördern. «Die Spaltung hält sich ohnehin in Grenzen, intensive Auseinandersetzungen gehören zur Demokratie.» Viel problematischer seien die sozialen Ungleichheiten, so Mäder.

Halten Sie die Impfoffensive des Bundesrats für sinnvoll und zielführend?

Der Druck bestehe durch die Pandemie ohnehin. «Da hilft mehr psychische Entlastung. Sonst reagieren Menschen irrational. Und dann verengen sich die Debatten noch mehr», bekräftigt der 70-Jährige.

Ethik-Expertin: «Druck erzeugt oft Gegendruck»

Anders sieht das Ruth Baumann-Hölzle. Laut der Leiterin von Dialog Ethik birgt die Impfoffensive des Bundes Gefahren. «Druck erzeugt oft Gegendruck», sagt sie gegenüber Nau.ch.

Die Aufhebung der Massnahmen von der Impfquote abhängig zu machen, könne die Spaltung der Gesellschaft weiter vertiefen. «Denn dadurch werden diejenigen, die sich nicht impfen lassen wollen, für die Massnahmen verantwortlich gemacht», so Baumann-Hölzle.

Coronavirus
Die Zürcher Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle ist Institutsleiterin der Stiftung Dialog Ethik und beschäftigt sich mit dem Coronavirus. - zvg

Die Ethik-Expertin verweist zudem auf eine kürzlich publizierte, brisante Studie der Harvard Universität.

Diese besagt, dass es im Vergleich von 68 Ländern keinen erkennbaren Zusammenhang zwischen dem Prozentsatz der vollständig geimpften Bevölkerung und neuen Covid-Ansteckungen gebe. Diese neuen Erkenntnisse müssten nun genau geprüft und dann die Strategien darauf abgestimmt werden.

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