Angst um Job: Angestellte zünden den KI-Turbo absichtlich nicht
KI ist allgegenwärtig, doch Regeln zum Gebrauch und Umgang am Arbeitsplatz fehlen oft. Das sorgt für Unsicherheit.

Das Wichtigste in Kürze
- Kein anderes Thema beschäftigt Gewerkschaften derzeit so stark wie Künstliche Intelligenz.
- Sie fordern, dass Mitarbeiter an den Gewinnen durch KI beteiligt werden.
- Die grosse Frage sei zudem, für was die Zeitgewinne genutzt würden.
Macht mich KI produktiver oder macht sie mich überflüssig?
Diese Frage und die Sorge um die Jobsicherheit umtreibt aktuell viele Angestellte. «Kaum ein anderes Thema beschäftigt uns als Gewerkschaft derzeit so stark wie KI.» Das bestätigt Salim Staubli von der Gewerkschaft Syndicom zu Nau.ch.
Unter anderem wegen den neusten Entlassungswellen bei Sunrise und Tamedia. Dort wurden Stellen «auch unter dem Vorwand des verstärkten Einsatzes neuer Technologien, darunter KI, begründet», so Staubli.

Diverse Branchen, welche die Gewerkschaft Syndicom vertritt, sind vom Abbau betroffen. So etwa die Kreativ- und die Medienbranche. «Aber auch in den ICT-Branchen ist die Unsicherheit gross», so Staubli. Also alles, was mit Computern, IT und Kommunikation zu tun hat.
Dies zeige nebst Sunrise auch die diesjährige Entlassungswelle beim Schweizer Flugsicherheitsunternehmen Skyguide.
Wofür wird Zeitgewinn genutzt?
In der Industrie hält die KI ebenfalls Einzug. «Etwa in der Produktionsplanung, Qualitätssicherung und Logistik», sagt Nico Fröhli, Branchenleiter bei der Gewerkschaft Syna.
Besonders betroffen seien aber Büro- und Verwaltungstätigkeiten, von der Sachbearbeitung über HR und Finanzen bis zu Kaderfunktionen, so Fröhli.
Per se negativ ist das nicht. «Chance und Gefahr geben sich bekanntlich gerne die Klinke in die Hand. Die Frage ist, wofür der Zeitgewinn genutzt wird», erläutert Jasmin Chalendi von der Gewerkschaft VPOD.
KI habe in der Arbeitswelt in erster Linie eine entlastende und unterstützende Wirkung, sagt Staubli von Syndicom. «Das gilt insbesondere für repetitive oder simple Tätigkeiten, darunter auch das Verfassen von Protokollen.»
So würden gerade Mitglieder aus den ICT-Branchen berichten, dass sie klare Vorteile in der Anwendung von KI am Arbeitsplatz sehen. «Weil sie dadurch etwa Zeit für interessantere, kreativere oder anspruchsvollere Tätigkeiten gewinnen.»
Gleichzeitig stelle Syndicom fest, dass der zunehmende Einsatz von KI durchaus auch eine belastende Wirkung auf die Arbeitnehmenden habe.
Dies könne sein: Zusätzlicher Aufwand für neue Tätigkeiten, höhere Anforderungen, höhere Arbeitsintensität sowie die Unsicherheiten über Fehler.
Belastend sei auch, wenn «Quantität aus betriebswirtschaftlichen Gründen plötzlich mehr Wert hat als Qualität», so Salim Staubli.
Behalten Mitarbeiter Fortschritt für sich?
Nico Fröhli von der Gewerkschaft Syna betont: «Entscheidend ist, wie die Produktivitätsgewinne genutzt und verteilt werden.»
Führt jede eingesparte Minute dazu, dass Mitarbeiter noch mehr Arbeit erhalten oder Stellen abgebaut werden: Dann werde «aus einer Chance eine Bedrohung.»
Werde der Zeitgewinn hingegen für Entlastung, Weiterbildung oder qualitativ bessere Arbeit genutzt, würden Unternehmen und Beschäftigte gleichermassen profitieren. Fröhli betont: «Wer den KI-Turbo zündet, darf nicht dafür bestraft werden.»
Dass aber Angestellte mitunter den KI-Turbo absichtlich nicht zünden aus Angst, den Job zu verlieren, sei «nachvollziehbar», so Fröhli. So können Angestellte etwa Programme, die ihre Arbeit vereinfachen und schneller fertigstellen würden, einfach nicht einsetzen. Aus Angst, sich selbst dadurch überflüssig zu machen.

Das wiederum rächt sich für den Arbeitgeber, denn: «Wer befürchten muss, dass jede eingesparte Stunde am Ende gegen ihn verwendet wird, wird die Möglichkeiten von KI kaum vollständig ausschöpfen.»
KI brauche Vertrauen. «Ohne soziale Spielregeln bleibt viel Potenzial ungenutzt», warnt der Syna-Branchenleiter.
Die Effizienz sollte sich folglich auch auf den Lohn auswirken: «Wer mit KI die Produktivität steigert, muss die Arbeitnehmenden an diesem Gewinn beteiligen.»
Das sieht auch die Gewerkschaft Unia so. Es sei zentral, dass die Beschäftigten von allfälligen Effizienzgewinnen profitieren. Und dass sich Produktivitätssteigerungen in steigenden Löhnen oder mehr Freizeit niederschlagen.
«Und nicht einfach in einer Zunahme der Profite oder im Wegrationalisieren menschlicher Arbeit», so Janine Rey, Fachsekretärin Digitalisierung bei der Unia.
Wer haftet für KI-Fehler?
Doch auch die handwerklichen Spielregeln würden fehlen.
«Die Beschäftigten müssen wissen, wofür KI eingesetzt wird und mit welchen Vorgaben sie selber KI einsetzen können», so Jasmin Chalendi vom VPOD.
Ebenfalls müssten sie darüber informiert werden, welche Rechte und Weiterbildungsmöglichkeiten sie in diesem Zusammenhang hätten.
Fragen wie «wer haftet für Fehler, die durch KI verursacht werden?», können gemäss Salim Staubli derzeit kaum eindeutig beantwortet werden. Er betont: «Die Verantwortung für KI-Fehler darf nicht einseitig auf die Arbeitnehmenden abgewälzt werden.»

















