Angst

    Kickboxer Til von Steiger: «Ich habe keine Angst vor Schlägen»

    Andrea Bauer
    Andrea Bauer

    Bern Nord,

    Til von Steiger ist mit 18 bereits Kickbox-Weltmeister. Ein Besuch im Gym zeigt, wie hart der Berner für seinen Traum vom K-1 in Japan arbeitet.

    Kickbox
    Der erst 18-jährige Berner Til von Steiger ist bereits Kickbox-Weltmeister. - Daniel Zaugg

    Sorgfältig wickelt Til von Steiger die Bandagen um seine Hände. Zug um Zug, ohne Hast. Erst wenn alles sitzt, schlüpft er in die Boxhandschuhe. Dann geht es los: Schlagkombinationen, Schritte, Ausweichbewegungen. Wieder und wieder. Til ist konzentriert, seine Bewegungen sind präzise. Jeder Handgriff muss stimmen.

    Der 18-Jährige aus Ortschwaben BE weiss, worauf es ankommt. Wer im Ring bestehen will, muss lange vorher bereit sein. Im September 2026, im selben Monat, in welchem er volljährig wurde, gewann er in Bregenz den WMAC-Elite-Weltmeistertitel.

    Doch auf seinen Lorbeeren ausruhen will er sich nicht. Neben seiner KV-Lehre bei der RBS und dem Unterricht an der BWD-Bern trainiert er sechsmal pro Woche im Gladiators Fighting Gym in Ostermundigen BE. Nur der Sonntag bleibt frei.

    Den Gegner lesen

    Wer meint, Kickboxen sei einfach ein blosser Schlagabtausch, irrt. Denn es geht vielmehr um Distanz, Timing und die Fähigkeit, den Gegner zu lesen.

    Im K-1 sind Faustschläge, Fusstritte und Kniestösse erlaubt. «Ich habe keine Angst vor Schlägen», sagt Til.

    Kickboxen
    Til von Steiger: «Im Kickboxen geht es vor allem um Distanz, Timing und die Fähigkeit, den Gegner zu lesen.» - Daniel Zaugg

    Mit der Zeit gewöhne man sich bis zu einem gewissen Grad an die Treffer und werde abgehärteter. Möglichst viel einzustecken, sei aber auch gar nicht das Ziel.

    «Vielmehr geht es darum, die Schläge des Gegners gar nicht erst abzubekommen. Ausweichen, blocken, die Distanz richtig einschätzen und im passenden Moment selbst angreifen.»

    Wann Druck machen, wann zurücknehmen? Diese Entscheidungen müssen im Ring oft innert Sekundenbruchteilen fallen. Was von aussen wie ein schneller Schlagabtausch aussieht, verlangt viel vorausschauendes Denken und Kontrolle.

    Vom Fussball zum Kickboxen

    Zum Kickboxen kam Til mit zwölf Jahren. Zu jener Zeit spielte er Fussball und begleitete für einmal seine Stiefschwester in ihr Kickbox-Training. «Da hat es mir den Ärmel reingezogen», erzählt der junge Mann. Besonders reizte ihn, dass er im Ring für seine Leistung selbst verantwortlich ist.

    Es gibt keine Mitspieler, die einen Fehler ausbügeln. «Das war es, was mich faszinierte.» Ganz auf sich allein gestellt ist er aber trotzdem nicht. Hinter ihm steht ein ganzes Team, allen voran sein Trainer Nicolas Beck. Dieser weiss, dass Talent und Trainingsfleiss allein nicht genügen.

    Denn jeder Gegner bringe einen anderen Kampfstil mit, auf den sich Til einstellen müsse. Beck analysiert deshalb die kommenden Gegner genau: Wie bewegen sie sich? Welche Techniken setzen sie ein? Wo liegen ihre Stärken, wo mögliche Schwächen? Daraus entwickelt er eine Strategie.

    «Wichtiger als der Gürtel, den es zu gewinnen gibt, ist letztlich, gegen wen man ihn gewonnen hat», lautet die Überzeugung des Trainers. Ein Titel allein sage wenig aus, wenn die Qualität des Gegners und die eigene Leistung nicht dazu passten.

    Zum Kickboxen kam Til mit zwölf Jahren.
    Zum Kickboxen kam Til mit zwölf Jahren. - Daniel Zaugg

    Til muss sich dabei aber auch auf diese Vorbereitung einlassen und die Anweisungen umsetzen können. Und das gelingt ihm bisher mit Bravour, sagt sein Trainer nicht ohne Stolz. «Seine Bilanz darf sich sehen lassen: 15 Siege stehen zwei Niederlagen gegenüber.»

    Lehrlingslohn für den Sport

    Für seinen Sport ist Til bereit, alles zu investieren. Nach der Arbeit oder der Schule geht es ins Gym, daneben müssen Ernährung und Erholung stimmen. Auch auf Alkohol verzichtet Til fast gänzlich.

    «Vielleicht mal auf einen Geburtstag anstossen, liegt schon drin», sagt er mit einem Schmunzeln. Auch finanziell ist sein Traum mit Verzicht verbunden. Training, Wettkämpfe und Reisen kosten Geld. Til trägt diese Ausgaben selbst und investiert seinen gesamten Lehrlingslohn in den Sport.

    Für andere Wünsche bleibt entsprechend wenig übrig. Allerdings hilft ihm der Sport auch im Alltag. «Früher habe ich oft zu viel Energie gehabt, bin beinahe hyperaktiv gewesen und habe mich in der Schule nur schwer konzentrieren können.»

    Heute lebe er diese Energie im Training aus und finde danach im Unterricht leichter zur Konzentration. Was ihn körperlich fordert, hilft ihm offenbar gleichzeitig, zur Ruhe zu kommen. Wichtig ist ihm, dass seine Familie ihn auf diesem Weg unterstützt.

    Auch seine Kollegen haben Verständnis dafür, dass er nicht jederzeit verfügbar ist. «Einer meiner besten Freunde, Lasse, kam sogar einmal direkt von einer Hochzeit, noch im Anzug, um mich bei einem Kampf anzufeuern.»

    Für den jungen Sportler sind solche Zeichen wichtig. Denn auch wenn er im Ring allein kämpft, spürt er die Unterstützung durch sein Umfeld.

    Das Ziel heisst Japan

    Die Disziplin zahlt sich aus, Til hat für sein Alter bereits Beachtliches erreicht. 2025 wurde er Schweizermeister, im September 2026 folgte der Weltmeistertitel in Bregenz. Anfang Oktober gewann er an der MFC 55 in Würzburg gegen einen Kämpfer aus dem renommierten Mike‘s Gym in den Niederlanden.

    Doch der Berner denkt weiter. Sein grosser Traum ist es, eines Tages bei K-1 in Japan und bei GLORY zu kämpfen. Denn Japan hat für ihn eine besondere Bedeutung. Dort schrieb bereits einmal ein Schweizer Kampfsportler Geschichte: Andy Hug. Der 2000 verstorbene Hug wurde in Japan zur Legende.

    Für seinen Sport ist Til bereit, alles zu investieren.
    Für seinen Sport ist Til bereit, alles zu investieren. - Daniel Zaugg

    Mit seiner aussergewöhnlichen Technik und spektakulären Fusstritten begeisterte er das Publikum. 1996 gewann er den K-1 World Grand Prix, einen der bedeutendsten Titel im damaligen internationalen K-1-Kampfsport. Til bewundert Hug für seine Technik und seine Erfolge.

    Gleichzeitig weiss er, dass sich eine solche Karriere nicht einfach wiederholen lässt. «Andy Hug ist ein einzigartiger Sportler gewesen», ist sich Til bewusst. Ihn als Vorbild zu sehen, bedeute für ihn deshalb nicht, sich mit einer Legende gleichsetzen zu wollen.

    Vielmehr zeige Andy Hugs Geschichte, was ein Schweizer Kämpfer auf internationaler Bühne erreichen kann. Bis dahin wartet allerdings noch viel Arbeit. Til muss Erfahrungen sammeln, sich gegen stärkere Gegner behaupten und sich laufend weiterentwickeln.

    Jeder Schritt zählt

    Am 31. Oktober wartet mit der Fight Night «All 4 One» in Wil SG die nächste Herausforderung. Til kämpft dort um den Schweizermeistertitel.

    Für den jungen Berner ist es eine weitere Gelegenheit, sich gegen einen starken Gegner zu behaupten und zu zeigen, wie weit ihn sein bisheriger Weg gebracht hat.

    Hast du schon mal einen Kickboxkampf live gesehen?

    Ob er es eines Tages tatsächlich bis nach Japan schafft, kann niemand voraussagen. Klar ist aber, wie ernst er sein Ziel verfolgt. Wer neben der Ausbildung sechsmal pro Woche trainiert und den gesamten Lehrlingslohn in seine sportliche Zukunft steckt, setzt Prioritäten.

    Für den nächsten Schritt könnte Til dennoch Unterstützung gebrauchen. Wer einen jungen, ehrgeizigen Sportler fördern möchte, darf sich gerne angesprochen fühlen und sich bei ihm melden: [email protected].

    Im Gym geht derweil das Training weiter. Die internationalen Kämpfe und die grossen Titel liegen in der Zukunft. Im Moment zählt nur der nächste Bewegungsablauf.

    Am Anfang stehen weder der Gong noch der ersehnte Gürtel, sondern zwei sorgfältig bandagierte Hände. Zug um Zug, mit voller Konzentration. Und mit dem Willen, für das nächste Ziel bereit zu sein.

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