Grindelwald: Wie eine Après-Ski-Bar zum Social-Media-Star wird
Der «Bus Stop» in Grindelwald ist dank TikTok Kult bei US-Studentinnen. Für eine Handvoll Selfies reisen sie aus ganz Europa an – fast alle im gleichen Outfit.

Das Wichtigste in Kürze
- Der «Bus Stop» in Grindelwald ist dank TikTok Kult bei US-Studentinnen.
- Sie reisen für Selfies aus ganz Europa an.
- Die Betreiber haben die Chance erkannt und freuen sich über die neue Gästegruppe.
Wer am Wochenende in Grindelwald aus dem Zug stieg, rieb sich erstmal die Augen: Schuld daran war für einmal nicht das berühmte Bergpanorama – sondern ein ganz anderes Spektakel.
Rund um den Bahnhof tummelten sich Dutzende junge Amerikanerinnen. Outfit-technisch ziemlich einheitlich unterwegs: dunkle Leggings, Kunstpelzjacken und flauschige Hüte.
Statt Richtung Jungfraujoch oder auf die Skipisten drängen sich die jungen Frauen in den Bus 121 Richtung «Oberer Gletscher». Begleitet von leicht verwirrten Blicken der Wintersportler.
Bei der Haltestelle «Stählisboden» leert sich der Bus und es wird klar, wohin es die Gruppe zieht. In die kultige Après-Ski-Bar «Bus Stop» an der Talabfahrt Grindelwald-First.
Dort fand am Wochenende auch das Event «Grindelwald les bains» statt – eine Poolparty im Schnee. Ein Fakt, der den Zusturm dieses Wochenende sicher noch verstärkte.
Alles begann mit TikTok
Bar-Betreiber Erlend Gass schaut dem Treiben amüsiert, aber nicht überrascht zu. Wobei er zugeben muss, dass er selbst auch verwirrt war, als vor drei Jahren plötzlich immer mehr junge Amerikanerinnen auftauchten.
Zumal keine der jungen Frauen in Skiausrüstung vor Ort war. Zu Beginn waren es fünf bis 20, die jeweils am Freitag und am Samstag kamen.
Er forschte nach und fand schnell eine Erklärung: Ein TikTok-Video einer US-Touristin, die zufällig in der Bar gelandet war.
Das Video ging viral – und machte den «Bus Stop» zum Pflichtstopp für viele US-Studentinnen in Europa.

Viele der Frauen studieren aktuell in Italien – aber auch in Frankreich und Spanien. Während ihres Europa-Aufenthalts steht ein Trip in die Alpen fast immer auf dem Programm. In der Regel mit Interlaken als Basecamp.
Und auf der winterlichen To-do-Liste der amerikanischen Community ganz oben? Ein Besuch im «Bus Stop».
Laut Gass sind die Studentinnen stark untereinander vernetzt. Sie geben sich Tipps weiter, vor allem innerhalb ihrer eigenen Community. Viele hätten zwar zahlreiche Follower, ihre Konten seien aber meist privat. Gleichzeitig würden sie sich im Vorfeld über verschiedenste Kanäle sehr genau informieren.
Auffällig sei auch: «Sehr wenige fahren Ski», sagt Gass.
Betreiber plant schon voraus
Der Hype läuft an Winterwochenenden mittlerweile fast dauerhaft und Erlend Gass hat sich auf den Ansturm eingestellt. Er ruft regelmässig bei den Reiseunternehmen an, um abzuschätzen, wie viele Gäste kommen könnten.
An Spitzentagen gehören laut Gass fast 50 Prozent der Gäste zur TikTok-Fraktion. Entsprechend braucht es mehr Personal – und natürlich genug Drinks und Snacks.
Die Gruppen seien leicht zu erkennen: «Einerseits wegen dem klaren Tenü. Man erkennt sie sofort.»
Selbst seine Familie sei darauf aufmerksam geworden. «Meine sechsjährige Tochter sagte plötzlich auf der Skipiste: ‹Schau, da hat es auch mega viele Amis›.»

Typisch sei auch der Ablauf. Die Studentinnen kämen oft in Gruppen von fünf bis 30 Personen an. Sie liefen gemeinsam Richtung Bus Stop, machten unterwegs Selfies – vom Bus, beim «Gondeli» und natürlich mit der Bergkulisse.
«Dann kommen sie an die Bar – Berg, Bar, Party. Alles sehr instagrammable. Das trifft den Zeitgeist.»
Besonders beliebt: Das Kafi Motorenöl. «Ein schönes Tassli und Rahm – und dann wird ein Selfie gemacht.» Für viele gehöre das zum Storyboard ihres Trips.
Angebot angepasst – Swissness im Fokus
Der Hype hat auch das Angebot verändert. «Wir haben Swissness noch stärker in den Fokus gestellt», sagt Gass. So etwa mit Tessiner Gazosa mit Schweizerkreuz auf der Flasche. «Wir nennen die Sorten «Lemonazing» oder «Berrylicious» – ein Angebot, das den Nerv der neuen Gäste trifft.»

Für Erlend Gass ist es spannend, sich auf die neue Zielgruppe einzustellen. Früher sei vieles stark vom Wetter und von den Skipisten abhängig gewesen. «Plötzlich haben wir eine neue Dynamik.»
Man wolle solche Trends aufnehmen und etwas Cooles daraus machen – statt sich darüber zu beschweren.
Etwas irritierend sei die Entwicklung für das Team aber dennoch gewesen. «Wir sind alles angefressene Wintersportler. Für uns war es schon auch komisch, dass plötzlich so viele Gäste nichts mehr mit Wintersport am Hut haben.»
Und was hat es mit dem Dresscode auf sich? «Auf Social Media wirkt Winter-Glam wahrscheinlich besser als Skianzug und Helm…», lacht Gass.












