Trotz Krieg: Aus der Ukraine werden Päckli in die Schweiz geliefert
Seit Jahren tobt in der Ukraine der Krieg gegen Aggressor Russland. Doch Päckli werden noch immer ausgeliefert. Und das sogar bis in die Schweiz.

Das Wichtigste in Kürze
- In der Ukraine tobt seit mehr als vier Jahren der Krieg gegen Aggressor Russland.
- Dennoch ist man um einen möglichst normalen Alltag bemüht.
- Auch die Post funktioniert noch – und schickt Päckli bis in die Schweiz.
Am 24. Februar 2022 startete Russland seinen brutalen Angriffskrieg auf die Ukraine.
Bis zum heutigen Tag hält dieser an. Zum einen hält Russland ukrainische Gebiete besetzt. Zum anderen greift Russland die Ukraine weiterhin täglich mit Drohnen und Raketen an.
Das führt zu vielen Toten und Verletzten in der Zivilbevölkerung und zermürbt die Ukraine zusehends.
Nau.ch-Leserin kauft auf Ebay Ware aus der Ukraine
Nichts desto trotz ist man im Land bemüht, einen gewissen Alltag aufrecht zu erhalten. Das hat auch Nau.ch-Leserin Daria M.* erfahren.
Denn: Sie findet auf der Wiederverkaufsplattform eBay ein Kleidungsstück, das sie schon lange sucht. Und das trotz Versandkosten zu einem unschlagbaren Preis angeboten wird.
«Ich habe sofort zugeschlagen, da es genau meine Grösse und der Preis wirklich super war», berichtet sie. Erst dann habe sie bemerkt, dass das Kleidungsstück von einem Account aus der Ukraine inseriert worden war.
Päckli nach zwei Wochen schon im Briefkasten
Sie habe Zweifel daran gehabt, dass das Päckli tatsächlich geliefert werden könne, meint Daria. Doch: «Bei dem Preis wäre es auch nicht tragisch gewesen, wenn das Päckli nie angekommen wäre.»
«Am Ende war ich aber ganz schön baff», erzählt sie.
Denn: «Ich konnte das Päckli tracken. Es reiste zügig nach Kiew, kurz darauf landete es bereits in Zürich. Nach nicht einmal zwei Wochen hatte ich es in meinem Milchkästli.»
Ein Einzelfall? Mitnichten, denn Nau.ch weiss: Auch andere Lesende kauften auf eBay Waren, die aus der Ukraine geliefert wurden. Auch bei ihnen verlief alles reibungslos und die Wartezeit war kurz.
Doch wie ist das möglich? Wie kann ein Land, welches seit mehr als vier Jahren im Kriegszustand ist, so gute Lieferketten garantieren?
Ukrainische Bevölkerung hat sich den «schrecklichen Bedingungen» angepasst
Osteuropa-Experte Marcel Hirsiger von der Fachhochschule Nordwestschweiz erklärt gegenüber Nau.ch: «Die ukrainische Bevölkerung zeigt eine erstaunliche Resilienz.»
Sie habe sich den «schrecklichen Bedingungen» soweit möglich angepasst. Und versuche zumindest, ein «normales» Leben zu führen, so Hirsiger.

«Dazu zählen alltägliche Aktivitäten wie Arbeit, Einkaufen oder auch Theaterbesuche oder Partys. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das ganze Land immer wieder von Luftalarmen betroffen ist.»
Denn: Gerade Mitte Mai habe Russland die Ukraine an einem einzigen Tag mit 1600 Drohnen und Raketen angegriffen. «Dabei wurden auch Städte beschossen, die bis jetzt vom Krieg verschont geblieben waren.»
Krieg zermürbt die Bevölkerung
Von Normalität könne daher keine Rede sein, erklärt der Osteuropa-Experte. «Auch wenn die Bevölkerung inzwischen darin geübt ist, unter diesen Bedingungen eine Form von Alltag zu pflegen.»
Ähnlich klingt es bei Nau.ch-Kolumnist Daniel Koch, dessen Ehefrau Natalia aus der Ukraine stammt und dort noch Verwandte hat. Auch er spricht von einem Versuch, trotz Krieg einen Alltag zu leben.

Doch: «Die ukrainische Bevölkerung ist müde, die ständigen Luftalarme sind zermürbend. Die Leute schaffen es teilweise nicht einmal mehr, sich bei jedem nächtlichen Alarm in Sicherheit zu bringen. Die Kraft fehlt einfach.»
«Die Wirtschaft leidet massiv unter den russischen Angriffen»
Zudem sei für einen gewissen Alltag auch entscheidend, wo in der Ukraine man lebe, berichtet Koch. «Ich war erst vor einigen Monaten in der Ukraine. Aber meine Familie nahe an der russischen Grenze besuche ich nicht mehr. Es ist zu gefährlich.»
Die Leute dort würden kaum mehr rausgehen, nicht mal mehr in den eigenen Garten. Koch schildert: «Oftmals sind die Menschen froh um schlechtes Wetter. Dann können die russischen Drohnen nicht fliegen.»

Auch der Wirtschaft gehe es wegen dem Krieg grösstenteils schlecht, erzählt Koch. Dem pflichtet auch Osteuropa-Experte Marcel Hirsiger bei: «Die Wirtschaft leidet weiterhin massiv unter den russischen Angriffen, zumeist indirekt.»
Die Energiepreise seien in die Höhe geschossen, die Energieversorgung sei «schwierig geworden». Zudem gebe es Personalmangel. Viele Menschen würden an der Front kämpfen oder seien ins sichere Ausland geflüchtet. Ein Problem für die ukrainische Wirtschaft.
«Innerhalb der Ukraine funktioniert die Post sehr gut»
«Dennoch wird weiterhin produziert, wenn auch mit entsprechenden Einschränkungen. Zudem hat die Ukraine in den vergangenen vier Jahren die Rüstungsindustrie ausgebaut. Und hat sich zu einem weltweit führenden Anbieter – etwa in Drohnentechnologie – entwickelt.»
Doch zurück zum Ebay-Kauf von Daria M., der via Päckli rasch in die Schweiz geliefert wurde.

Wie steht es um die ukrainische Post? Funktioniert sie im Inland, aber auch bei Sendungen aus dem oder ins Ausland immer zuverlässig? Oder hatte die Nau.ch-Leserin einfach nur Glück?
«Innerhalb der Ukraine funktioniert die Post sehr gut», berichtet Daniel Koch. Auch das sei ein Bestreben, den Alltag ein Stück weit aufrecht zu erhalten.
Postweg ins Ausland verläuft nicht immer reibungslos
Sobald ein Päckli ins Ausland verschickt werde, laufe viel über das Nachbarland Polen, so Koch. Von dort aus würden die Päckli via Flugzeug weitergeschickt.
Marcel Hirsiger erklärt zudem: «Natürlich werden auch Güter über den Seeweg transportiert, da die Ukraine weiterhin einige Häfen am Schwarzen Meer kontrolliert.»
Reibungslos laufe die Ausfuhr von Waren – insbesondere über den Landweg – jedoch nicht immer, mahnt Daniel Koch. «Dabei kommt es meiner Erfahrung nach stark auf den jeweiligen Grenzübergang und die aktuelle Lage an.»
Das kenne er von seinen eigenen Reisen in die Ukraine nur zu gut. «An einigen Grenzübergängen gegen Westen läuft alles glatt. An anderen jedoch steht man bei der Ausreise stundenlang, ehe man die Grenze passieren kann.»
*Name geändert



















