Was riskiert Netanjahu, wenn er sich Donald Trump widersetzt?

Stephan Felder
Stephan Felder

Israel,

Trotz Warnungen von Donald Trump hat Israel Raketen auf den Iran abgefeuert. Nahostexperte Hans-Jakob Schindler erklärt, was Benjamin Netanjahu damit riskiert.

Donald Trump
Trotz der Warnung von Donald Trump hat Benjamin Netanjahu mit Vergeltungsschlägen auf die iranischen Angriffe reagiert. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Israel greift den Iran trotz Warnungen von US-Präsident Donald Trump mit Luftschlägen an.
  • Experte Hans-Jakob Schindler sieht darin keinen Bruch mit den USA, sondern einen Test.
  • Militärisch ist Iran unterlegen, politisch nutzt das Regime den Spielraum geschickt aus.

Der Konflikt zwischen Israel und dem Iran ist erneut eskaliert.

Nachdem Teheran mehrere Raketen auf israelisches Staatsgebiet abgefeuert hatte, reagierte Israel noch in derselben Nacht.

Die israelische Luftwaffe griff militärische Ziele im Westen und Zentrum des Irans an. Wenige Stunden später folgte eine weitere iranische Raketensalve.

Brisant ist die jüngste Entwicklung auch wegen der Rolle der USA. US-Präsident Donald Trump hatte Israels Premierminister Benjamin Netanjahu zuvor ausdrücklich zur Zurückhaltung aufgefordert.

Trump soll sogar persönlich interveniert haben, um Gegenschläge zu verhindern und laufende Verhandlungen mit Teheran nicht zu gefährden.

Trump: «Ich habe das Sagen»

Kurz nach den iranischen Angriffen sagte Donald Trump bei der «Financial Times»: Netanjahu müsse ein künftiges Abkommen zwischen den USA und dem Iran akzeptieren.

«Er wird keine Wahl haben», sagte er.

Und betonte, er gebe die Bedingungen vor: «Ich habe das Sagen. Ich habe absolut das Sagen. Er hat nicht das Sagen.»

Trotzdem griff Israel an. Stellt sich die Frage: Wie viel Risiko geht Netanjahu ein, wenn er sich über die Wünsche seines wichtigsten Verbündeten hinwegsetzt?

«Der Iran testet nicht Israel, sondern die USA»

Terrorismus- und Nahostexperte Hans-Jakob Schindler sieht die Angriffe vor allem als Teil einer Machtprobe zwischen dem Iran und den USA.

Das iranische Regime befinde sich derzeit in einer schwierigen Lage, erklärt Schindler bei Nau.ch.

Im Innern stehe es wegen der schlechten Wirtschaftslage unter Druck. Gleichzeitig sei es nach den militärischen Rückschlägen der vergangenen Monate aussenpolitisch geschwächt.

Dennoch versuche Teheran, aus der Situation möglichst viel herauszuholen. Unter anderem wolle der Iran erreichen, dass die internationale Aufmerksamkeit von den Angriffen der Hisbollah auf Israel abgelenkt werde.

«Mit dem Angriff auf Israel testet der Iran tatsächlich nicht Israel, sondern die USA», sagt Schindler. Die Führung in Teheran wolle herausfinden, wie weit Donald Trump bereit sei, zu gehen, um eine weitere Eskalation zu verhindern.

Dabei hat der Iran durchaus einen Ansatzpunkt erkannt, sagt er: «Donald Trump ist der Krieg verleidet. Er will die Israelis zurückhalten.»

Gleichzeitig hält der US-Präsident aber weiterhin an seinem Ziel fest, ein Abkommen mit dem Iran zu erreichen.

Kein Bruch zwischen Donald Trump und Netanjahu

Auf den ersten Blick wirken die israelischen Vergeltungsschläge wie eine direkte Missachtung der Forderungen von Donald Trump.

Aber: Für Schindler bedeutet das keineswegs, dass das Bündnis zwischen Washington und Jerusalem ins Wanken gerät.

Man müsse zwischen taktischen und strategischen Fragen unterscheiden, sagt der Experte. «Politisch ist es nicht möglich, dass die USA Israel fallen lassen.»

In den Vereinigten Staaten gebe es dafür keine Mehrheit. Zudem würden die USA keinen besseren Verbündeten in der Region finden.

Wird das Bündnis zwischen den USA und Israel den Iran-Krieg überleben?

Trotz der engen Partnerschaft mit Washington versucht Israel laut Schindler zunehmend, strategisch unabhängiger zu werden.

Ein Grund: Das Verhältnis zu vielen Staaten in der Region hat sich verändert, erklärt der Experte. Viele Länder hatten nach der Gründung von Israel 1948 die sofortige Auslöschung des Juden-Staates zum Ziel. Inzwischen haben sie sich mit dem Land arrangiert.

Das Risiko für Israel ist also kleiner geworden – und so erlaubt es sich mehr Unabhängigkeit von den USA.

Zudem seien es nicht die Staaten selbst, die Israel angreifen würden. Schindler: «Israel wird ja nicht vom Libanon oder vom Jemen angegriffen, sondern von Terrorgruppen, die auch ihre eigenen Länder terrorisieren.»

Kommt dazu: Die grösste Bedrohung gehe aus Sicht vieler Golfstaaten inzwischen nicht von Israel, sondern vom Iran aus. Kuwait oder Bahrain litten unter den gefühlt planlosen iranischen Raketenangriffen.

Das eigentliche Ziel: Das iranische Regime

Nach Einschätzung des Experten verfolgt Israel inzwischen deutlich ambitioniertere Ziele als noch vor einem Jahr.

Lange sei man vor der Wahl gestanden, die iranischen Atomanlagen regelmässig militärisch anzugreifen oder das Regime selbst massiv zu schwächen. «Man hat sich im Februar für die zweite Option entschieden», sagt Schindler.

Militärisch sei die Ausgangslage eindeutig. Die USA könnten den Iran bei Bedarf mit massiven Luftschlägen überziehen. «Militärisch ist gar keine Frage, wer stärker ist.»

Donald Trump
Militärisch hat der Iran den USA nur wenig entgegenzusetzen. - keystone

Politisch verstehe es Teheran allerdings seit Jahren, aus einer schwachen Position möglichst viel herauszuholen.

Dabei spielt auch der Faktor Zeit eine Rolle, sagt Schindler. Mit den israelischen Wahlen im Oktober und den US-Midterms kurz darauf näherten sich wichtige politische Termine.

Das iranische Regime wisse das genau und hoffe, trotz seiner militärischen Schwäche seine Verhandlungsposition verbessern zu können.

Folgen für Ölpreise und Welthandel

Die jüngste Eskalation sorgt auch an den Energiemärkten für Nervosität. Schindler erwartet jedoch keine dramatische Veränderung der Lage.

Eine direkte militärische Intervention der USA hält er derzeit für eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher sei, dass Washington Israel zunächst gewähren lasse und die weitere Entwicklung beobachte.

Ökonomisch würde eine neue militärische Eskalation zunächst wenig verändern, meint der Experte. Entscheidend sei vielmehr die psychologische Wirkung auf die Märkte.

Donald Trump
In der Strasse von Hormus entscheidet sich die mittelfristige Entwicklung des Ölpreises. - keystone

Eine längere Unsicherheit über die Zukunft wichtiger Handelsrouten könnte die Ölpreise weiter steigen lassen. Selbst dann, wenn sich die tatsächliche Lage vor Ort kaum verändert. Denn: «Die Strasse von Hormus ist ja schon geschlossen.»

Für Netanjahu bedeutet das: Kurzfristig mag sein Vorgehen wie ein Affront gegenüber Donald Trump wirken. Einen Bruch zwischen den beiden Verbündeten erwartet Schindler jedoch nicht.

Vielmehr nutzte der Iran die politische Zurückhaltung der USA aus. Und testete damit die Grenzen amerikanischer Geduld.

Zusammengefasst: Für Netanjahu ist das Risiko kleiner, wenn er sich den USA widersetzt, als noch vor ein paar Jahren.

Kommentare

User #3983 (nicht angemeldet)

Aus zwei halben Schuhen wird nie ein ganzes Paar.

User #5053 (nicht angemeldet)

Die Schweiz nimmt gern alle Flüchtlinge auf.

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