Auch in Tibet greift die chinesische Regierung gegen das Coronavirus durch. In der Hauptstadt Lhasa klagen Bewohner über ein Riesenchaos – und das seit Wochen.
Coronavirus
Tibeter veröffentlichen auf den sozialen Medien Bilder von den Quarantäne-Bedingungen, die sie wegen der restriktiven Politik Chinas im Kampf gegen das Coronavirus erleiden müssen. - Twitter/Weibo
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Das Wichtigste in Kürze

  • Chinas Behörden verhängten über Tibets Hauptstadt vor über sechs Wochen den Lockdown.
  • Die Einwohner prangern im Internet die Bedingungen in den Isolationszentren an.
  • Bilder und Videos zeigen die prekären Bedingungen der Lager.

Die strenge Politik Chinas im Kampf gegen das Coronavirus ist bekannt: Kaum wird ein Cluster mit mehreren Infektionen erfasst, werden ganze Stadtteile oder Städte abgeriegelt. Dabei werden schnell mal mehrere Millionen Menschen über Wochen in den Lockdown geschickt.

Coronavirus China
In letzter Zeit hatte China mit einer Reihe an lokalen Lockdowns versucht, Corona-Ausbrüche einzudämmen.
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Behördenmitarbeiter in Schutzanzügen in Schanghai.
lockdown schanghai
Lockdown in Schanghai wird gelockert.
Peking
Arbeiter des Gesundheitswesens sind auf dem Weg zu einem abgesperrten Wohnkomplex in Peking. Viele Millionen Menschen vor allem im Nordosten Chinas sind seit mehr als einem Monat im Lockdown
Bewohner von Shanghai schauen im Lockdown aus Fenstern
Bewohner von Shanghai schauen im Lockdown aus Fenstern

Seit über sechs Wochen befinden sich auch fast eine Million Tibeter in der Hauptstadt Lhasa im Lockdown. Über 54'000 Personen sind isoliert und unter Beobachtung, wie die Behörden mitteilen. Anders als etwa in der Schweiz müssen die Betroffenen dazu in ein Isolationszentrum.

Videos zeigen prekäre Zustände in Tibeter Isolationszentren

Immer wieder werden Videos auf den sozialen Medien verbreitet, die Missstände in den abgeriegelten Regionen anprangern. Hungernde Menschen schreien aus den Fenstern, Bürger lehnen sich gegen die Quarantäne-Polizisten auf oder kaufen panisch Läden wegen Lockdown-Gerüchten leer. Nun versuchen die Tibeter den Fokus per Weibo – Chinas Pendant zu Twitter – auf ihre Situation zu lenken.

Die Einwohner Lhasas sprechen von einem «Riesenchaos» und untermauern dies mit Videos und Bildern. Die Menschen werden in Bussen zu den Isolationszentren gefahren und müssten teilweise über fünf Stunden darin verharren. Positiv und negativ getestete Personen sollen weder während der Fahrt noch im Zentrum voneinander getrennt werden.

Die Bilder zeigen, dass sich die Lager teilweise in Rohbauten befinden. Vor allem die Hygienesituation sei prekär, da sogar die Wasseranschlüsse fehlten.

Tibeter in Quarantäne müssen hungern

Aus einem anderen Isolationszentrum berichten verschiedene User, dass das Essen kaum ausreiche. Die Isolierten erhielten nur eine Mahlzeit am Tag. Für die am Coronavirus Erkrankten fehle jede medizinische Betreuung. Und trotz der ganzen Massnahmen, die die Tibeter seit 45 Tagen ertragen müssen, habe sich die epidemiologische Lage nicht verbessert.

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Ein Mitarbeiter untersucht ein Fahrzeug am Zham-Pass im Autonomen Gebiet Tibet. Foto: Sun Fei/XinHua/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ - dpa

Die Behörden der tibetischen Hauptstadt haben auf die Kommentare in Weibo reagiert. Der Vizebürgermeister Zhandui hat sich für die Umsetzung des Lockdowns öffentlich entschuldigt: «Im Namen der Stadtregierung möchte ich mich bei den Menschen aller ethnischen Gruppen zutiefst entschuldigen.» Die Beschwerden hätten die Unzulänglichkeiten und Schwächen der Stadtverwaltung aufgezeigt.

Coronavirus verschwindet nach Tod der Queen auf Weibo

Gleichzeitig wurden auf Weibo ähnliche Vorwürfe aus der Provinz Xinjiang heiss diskutiert. In dieser Region leben zahlreiche ethnische Minderheiten, darunter die turksprachigen Uiguren. Die Plattform-Betreiber reagierten auf den nicht gewollten Trend mit einer ungewöhnlichen Zensurmethode. Plötzlich wurde die Timeline der User mit Rezepten und Tourismustipps zu Xinjiang überschwemmt, um das Thema Coronavirus zu verdrängen.

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Der Tod der Queen kam der Plattform in dieser Hinsicht sehr gelegen. Als Königin Elisabeth II. starb, drehten sich acht von zehn der Top-Themen auf Xinjiang um das britische Königshaus. «Die Königin hat Weibo gerettet», twitterte der China-Forscher und Journalist Chu Yang.

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