WM 2026: Das passiert im Gehirn der Spieler!
Neurowissenschaftlerin Maria Brasser erklärt, was bei den Spielern an der WM im Gehirn abgeht. Die eigentliche Show findet im Kopf statt, schreibt sie.

Das Wichtigste in Kürze
- Neurowissenschaftlerin Dr. Maria Brasser schreibt auf Nau.ch Kolumnen.
- Heute schreibt Brasser über die Fussball-WM.
- Wer beim Penalty zu viel überlegt, der verliert!
Ich gebe es ja zu: Ich bin kein leidenschaftlicher Fussballfan. Aber bei Grossanlässen wie jetzt der Fussball-Weltmeisterschaft mache ich eine Ausnahme.
Gerade als Neurowissenschaftlerin sitze ich an der WM vor dem TV-Bildschirm und stelle mir wohl etwas anderes als die meisten Menschen vor. «Wow, was passiert da gerade in all diesen Gehirnen», überlege ich mir.
Eines ist dabei klar: Was diese Fussballer-Gehirne in 90 Minuten an einer WM leisten, ist schlicht unglaublich.
0,5 Sekunden für die richtige Entscheidung
Wenn ein Spieler den Ball erhält, hat er durchschnittlich 0,5 Sekunden Zeit für eine Entscheidung. In dieser halben Sekunde verarbeitet sein Gehirn die Positionen von bis zu 20 Mitspielern und Gegnern. Es berechnet Laufwege, schätzt Distanzen ein – und wählt die optimale Handlung. Und das tatsächlich alles gleichzeitig!
Ist das nun Multitasking? Das wäre aus neurowissenschaftlicher Sicht übrigens eine Illusion. Denn: Das Gehirn kann nicht wirklich mehrere Dinge gleichzeitig tun. Es springt einfach schnell zwischen Aufgaben hin und her, was uns Energie kostet und Fehler produziert.
Bei einem Fussball-Profi sieht das täuschend ähnlich aus. Aber: Es ist trotzdem etwas grundlegend anderes.
Durch jahrelanges Training sind komplexe Abläufe so tief im Gehirn verankert, dass sie kaum noch bewusste Aufmerksamkeit brauchen.
In der Neurowissenschaft nennen wir das «Chunking». Das Gehirn fasst dabei ganze Bewegungs- und Entscheidungsmuster zu einem einzigen mentalen «Paket» zusammen. Es wird wie auf Knopfdruck abgerufen, fast ohne nachzudenken.
Das Gehirn macht den Unterschied
Was also wie Multitasking aussieht, ist in Wirklichkeit hocheffizientes, automatisiertes Denken.
Der Unterschied zwischen einem Fussball-Profi und einem Amateur liegt somit übrigens weniger in den Muskeln per se, als im Gehirn.
Jahrelanges Training formt buchstäblich neue neuronale Bahnen. Der Profi denkt nicht mehr. Er erkennt Muster blitzschnell – und handelt fast automatisch.
Der Penalty-Test für das Gehirn
Und dann ist da der Penalty. Für mich der faszinierendste Moment im Fussball. Er zeigt so schonungslos, was Druck mit unserem Gehirn macht.
Der Spieler steht am Punkt. Stille. 60'000 Augenpaare auf ihn gerichtet. In diesem Moment schüttet sein Körper Cortisol und Adrenalin aus, ein riesiger Stresscocktail. Das Blut fliesst in die Muskeln, der Herzschlag steigt, die Sinne schärfen sich.

So weit, so nützlich. Denn Stress muss überhaupt nicht negativ bewertet sein. Aber gleichzeitig beginnt der präfrontale Kortex, unser Zentrum für rationales Denken und Kontrolle, unter Hochdruck zu arbeiten. Und genau das wird teils zum Problem.
Wer beim Penalty zu viel denkt, verliert!
Studien zeigen: Spieler, die beim Punkt länger als eine Sekunde zögern, schiessen häufiger daneben. Das Gehirn übersteuert den Körper.
Die automatisierten Bewegungsabläufe, die im Training tausendmal geübt wurden, werden durch bewusstes Nachdenken gestört.

Auf Englisch nennt man das «paralysis by analysis», also Lähmung durch Überanalyse.
Die besten Elfmeterschützen der Welt haben eine Gemeinsamkeit: Sie entscheiden die Ecke bereits vor dem Anlauf – und denken danach nicht mehr. Sie schalten den Kopf aus. Was wie Kaltblütigkeit wirkt, ist in Wirklichkeit trainierte Gehirnkontrolle.
Warum die Nationalhymne Gänsehaut auslöst
Noch etwas lässt mich bei jeder WM staunen: die Nationalhymne. Spieler, die sonst keine Miene verziehen, kämpfen plötzlich mit den Tränen (unsere Nati zugegebenermassen etwas weniger). Warum passiert das?
Musik aktiviert das limbische System, also jene Hirnregionen, die speziell mit Emotionen verknüpft sind, auf eine Weise, die nur wenige andere Reize erreichen.
Kommen dann noch das Gefühl von Zugehörigkeit, gemeinsames Singen und dem Wissen «jetzt ist es ernst» dazu, entsteht ein neurochemischer Cocktail aus Oxytocin, Dopamin und Endorphinen.
Das Ergebnis: Gänsehaut, feuchte Augen und maximale Motivation. Die Hymne ist, neurobiologisch gesehen, kein Ritual, sondern eher eine mentale Einstimmung. Ein einmaliger kollektiver Gehirn-Boost kurz vor dem Anpfiff.
Die eigentliche Show findet im Kopf statt
Theoretisch könnte man sagen: Fussball ist verblüffend einfach. Der Ball muss ins Tor, dann gewinnt man das Spiel.
Doch gerade Fussball gehört zu den komplexesten Zusammenspielen von Kognition (Denken), Emotion und Motorik, die wir kennen.
Hinzu kommen die permanente Abstimmung mit den Mitspielern, das Lesen des Gegners – und die emotionale Synchronisation mit tausenden Fans. Genau diese Mischung fasziniert mich jedes Mal aufs Neue, besonders an einer WM.
Also: Verfolgen Sie die WM 2026 ruhig mit einem extra Staunen. Nicht nur auf den Ball, sondern auf das, was hinter den Augen der Spieler passiert. Da läuft die eigentliche Show!
Zur Autorin
Dr. Maria Brasser ist Neurowissenschaftlerin, Lehrerin und Mitgründerin von Hirncoach, dem führenden Spezialisten für die Hirngesundheit. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelt sie Programme für Eltern, Schulen und Unternehmen – unter anderem zur Stärkung der mentalen Gesundheit und Leistungsfähigkeit sowie zu einem klugen, hirngerechten Umgang mit digitalen Medien und Künstlicher Intelligenz. Interessiert? Infos unter hirncoach.ch.












