Maria Brasser: «Wegen Handys gehen wir wieder wie Kleinkinder!»

Maria Brasser
Maria Brasser

Zürich,

Eigentlich sind wir ja Erwachsene, und doch gleichen viele Menschen wegen dem Handy Kleinkindern. Das hat seine Gründe. Eine Kolumne von Maria Brasser.

Dr. Maria Brasser
Dr. Maria Brasser erklärt auf Nau.ch, was mit unserem Gehirn passiert. - zVg

Das Wichtigste in Kürze

  • Neurowissenschaftlerin Dr. Maria Brasser schreibt auf Nau.ch Kolumnen.
  • In ihrer heutigen Kolumne schreibt sie über Informationsüberflutung und «News Fatigue».
  • Und weshalb viele Erwachsene wie Kleinkinder im «Eiertanz» rumlaufen.

Seit Kurzem gehe ich (nach längerer Babypause mit drei Kindern) wieder ins Gym. Und ganz ehrlich: Manchmal frage ich mich dort, was eigentlich mehr trainiert wird. Unsere Muskeln – oder doch unsere neurologischen Suchtsysteme?

Ich sitze zum Aufwärmen auf dem Velo. Neben mir jemand auf dem Laufband. Sie joggt. Theoretisch. Praktisch scrollt sie auf dem Handy seit zehn Minuten. Geschwindigkeit runter, Blick nach unten, Daumen in Dauerbewegung. Der Körper ist zwar im Training, das Gehirn aber ganz offensichtlich woanders.

«Eiertanz» am HB Zürich

Szenenwechsel an den Zürcher Hauptbahnhof. Es ist Rushhour. Der Zug fährt in drei Minuten. Vor mir steht jemand mit gesenktem Kopf, dieser ist fixiert auf das Smartphone.

Ich versuche, die Person zu überholen. Rechts, links, wieder rechts. Doch die Person vor mir bewegt sich in kleinen, unvorhersehbaren Schlenkern. Ein Stopp, ein Richtungswechsel, wieder zurück. Es gleicht absolut einem «Eiertanz», was es neurobiologisch betrachtet auch tatsächlich ist.

Läufst du auch im «Eiertanz» durch die Gegend?

Kleinkinder zeigen zu Beginn einen unsicheren «eiernden» Gang. In der Literatur wird es als «Kleinkindgang» («toddling gait») beschrieben. Daher kommt der Begriff «Toddler».

Mit zunehmender Erfahrung werden die Schritte länger, schmaler und schneller.

Bewegung macht Spass und sie trainiert exzessiv (rund 2400 Schritte pro Stunde, oder gegen 700 Meter). Die Motorik wird effizienter, stabiler, ökonomischer.

Gehparameter entwickeln sich wieder zurück

Dann werden wir plötzlich erwachsen. Und was passiert? Unsere Gehparameter entwickeln sich wieder zurück, denn: Die Nutzung von Smartphones verändert nachweislich wieder unser Gehen – und unsere Gangparameter.

Die Geschwindigkeit sinkt. Die Schrittlänge nimmt ab, die Schrittbreite nimmt zu. Und die Zeit, in der beide Füsse gleichzeitig am Boden sind, verlängert sich.

Kurz gesagt: Die Parameter, die sich bei «Toddlern» mit Entwicklung verbessern, verschlechtern sich unter mentaler Zusatzbelastung wieder. Wir fallen motorisch zurück.

Der Grund ist simpel: Unsere Aufmerksamkeit ist begrenzt. Wenn der Präfrontalkortex, sozusagen unser «Manager» im Stirnhirn, mit Lesen, Bewerten, Reagieren beschäftigt ist, fehlt Kapazität für die Feinabstimmung motorischer Prozesse.

Diese Dual-Task-Kosten sind kein Gefühl, sie sind messbar.

Unfallwahrscheinlichkeit steigt

Es bleibt aber nicht beim «Eiertanz» und der mentalen Belastung. Auch die Unfallwahrscheinlichkeit steigt deutlich: Beim Gehen erhöht Smartphone-Nutzung das Unfallrisiko um etwa das Vierfache.

Und wer im Auto textet, steigert sein Unfallrisiko um bis zu 240 Prozent oder mehr. Je nach Studie sogar um ein Vielfaches darüber hinaus. Diese digitale Ablenkung verändert Gangmechanik, Reaktionszeit und Fahrverhalten. Sie kostet Stabilität körperlich wie mental.

Handy
Gehen mit dem Smartphone ist gar nicht so einfach. Es kommt zum Eiertanz. - zvg

Zurück ins Gym

Bewegung ist per se etwas enorm Wertvolles für unser Nervensystem. Sie reguliert unser Stresssystem, senkt Cortisol (Stresshormon), verbessert die Stimmung – und stärkt unsere mentalen Funktionen.

Gleichzeitig fördert sie die Neuroplastizität: Neue Nervenzellen entstehen, bestehende Netzwerke werden stabiler und effizienter verschaltet. Eigentlich ein wunderbares Gegengewicht zur täglichen Informationsflut.

Doch wenn wir in Satzpausen jedes Mal durch News-Feeds scrollen, Katastrophenmeldungen konsumieren oder uns im Multitasking verlieren, passiert neurobiologisch etwas anderes: Während der Körper in den Pausenmodus sollte (also in die so wichtige «Rest-and-Digest»-Aktivierung), feuert unser Warnsystem für emotionale Reize und potenzielle Gefahr («Amygdala») im Takt der Schlagzeilen.

Während Muskeln adaptieren sollen, bekommt das Gehirn also Mikrodosen Stress und Dopamin. Das passt nicht zusammen!

Dauerexposition von Reizen

Und genau dies steht auch in einem übergeordneten, immer aktueller werdenden Kontext: «News Fatigue».

Wir leben in einer Dauerexposition von Reizen: Push-Nachrichten, Eilmeldungen oder algorithmisch verstärkte Empörung. Unser neurologisches Suchtsystem reagiert auf die Neuheit. Jede Schlagzeile ist ein potenzieller Belohnungsreiz. Gleichzeitig aktiviert jede bedrohliche Nachricht unser Stresssystem.

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Diese Dauerexposition von Reizen ist bei Kindern sehr schädlich. Aber auch bei Erwachsenen. - Pixabay

Erschöpfung? Wir scrollen weiter

Früher war Bedrohung lokal, konkret und meist unmittelbar lösbar. Heute konsumieren wir Krieg, Klima, Wirtschaft, politische Extreme im Endlos-Feed. Alles gleichzeitig, alles dringend.

Das Resultat? Erschöpfung. Teils Zynismus. Und fast immer Rückzug. Paradoxerweise bleibt das unruhige Bedürfnis, trotzdem auf dem Handy weiter zu scrollen.

Das zeigt sich auch im Verhalten. Der jährlich erscheinende «Reuters Institute Digital News Report» zeigt einen deutlichen Anstieg der Nachrichtenvermeidung. Zuletzt waren es rund 39 Prozent. Eigentlich sollte «informiert-Sein» Orientierung geben. Stattdessen berichten viele von mentaler Erschöpfung.

Das Gehirn schützt sich

Und auch hier liefert die Hirnforschung spannende Hinweise: «Fatigue» ist mehr als «müde sein». In «fMRI»-Studien zeigen sich bei mentaler Erschöpfung veränderte Aktivierungsmuster. Unter anderem in der rechten Insula, die mit subjektiver Müdigkeit verknüpft ist. Und im dorsolateralen präfrontalen Kortex, zentral für Arbeitsgedächtnis und kognitive Kontrolle.

Je stärker die Ermüdung, desto eher reduzieren Menschen freiwillig kognitiven Aufwand. Ausser die Anreize sind besonders hoch. Mit anderen Worten: Das Gehirn schützt sich.

Kein reines Medienphänomen

«News Fatigue» ist damit kein reines Medienphänomen. Es ist ein neurobiologisches Warnsignal. Es ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Hinweis auf Überlastung.

Chronische Informationsüberflutung aktiviert dauerhaft das Stresssystem. Chronischer Stress schwächt mentale Funktionen und Ressourcen. Und digitale Plattformen verstärken diese Dynamik durch variable Belohnung und unvorhersehbare Reize.

Ein System, optimiert auf maximale Verweildauer, trifft auf ein Gehirn, das auf Neuheit und soziale Information programmiert ist.

Vielleicht ist der «eiernde Gang» tatsächlich eine treffende Metapher. Wenn wir geistig permanent zwischen Reizen schwanken, verlieren wir auch mental an Stabilität. Breitere Schritte. Weniger Tempo. Mehr Unsicherheit.

Maria Brasser
Dr. Maria Brasser ist neue Kolumnistin auf Nau.ch. - zvg

Training wieder als Training nutzen

Was hilft? Klare News-Zeitfenster statt Dauer-Checken. Keine Push-Meldungen. Bewusstes Gehen und Wahrnehmen von unserer Umgebung (inkl. Staunen). Und im Gym das Training wieder als Training nutzen. Satzpausen heisst Pause. Das Nervensystem darf dann wieder herunterfahren.

Zur Autorin

Dr. Maria Brasser ist Neurowissenschaftlerin, Lehrerin und Mitgründerin von Hirncoach, dem führenden Spezialisten für die Hirngesundheit. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelt sie Programme für Eltern, Schulen und Unternehmen – unter anderem zur Stärkung der mentalen Gesundheit und Leistungsfähigkeit sowie zu einem klugen, hirngerechten Umgang mit digitalen Medien und Künstlicher Intelligenz. Interessiert? Infos unter hirncoach.ch.

Unser Gehirn ist plastisch. Es passt sich an: An Überflutung oder an Fokus. Die Frage ist nicht, ob es sich verändert. Sondern in welche Richtung.

Kommentare

User #5407 (nicht angemeldet)

Sorry, das sind NICHT wegen denn Handys, sondern die IMPFUNGEN ! 👍

User #5037 (nicht angemeldet)

In der Schweiz leben eben noch Schweizerhennen die immer goldene Eier legen……allzeit und ewiglich!

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