Abnehmen

    Ozempic & Co.: So täuscht dich dein Gehirn beim Abnehmen

    Maria Brasser
    Maria Brasser

    Zürich,

    Gibt es die «Wunderpille» fürs Abnehmen? Neurowissenschaftlerin Maria Brasser erklärt, was im Gehirn abläuft. Und wann der Jojo-Effekt einsetzt.

    Frau mit Diabetes-Medikament
    Ozempic ist eigentlich ein Medikament gegen Typ-2-Diabetes. - Depositphotos

    Das Wichtigste in Kürze

    • Neurowissenschaftlerin Dr. Maria Brasser schreibt auf Nau.ch Kolumnen.
    • In ihrer Kolumne schreibt sie über die «Abnehmspritze».
    • Der Haken, nach der Spritze: Das Gewicht kehrt fast immer zurück.

    Plötzlich ist die «Abnehmspritze» überall. Medikamente wie Ozempic versprechen weniger Hunger und noch weniger Heisshunger. Und tatsächlich zeigen Studien: Sie wirken.

    Doch was passiert hier eigentlich wirklich? Und vor allem: Ist das die Lösung, auf die wir gewartet haben?

    Wenn das Gehirn plötzlich «ruhiger» wird

    Was viele nicht wissen: Diese Medikamente wirken nicht einfach im Körper, sondern insbesondere im Gehirn.

    Sie beeinflussen genau jene Netzwerke, die für Hunger, Belohnung und Motivation zuständig sind. Das Resultat: Essen verliert an Reiz und dieser innere «Food Noise» wird leiser. «Ich muss mich gar nicht mehr so zusammenreissen», beschreiben es viele.

    Neurobiologisch ist das hochspannend. Denn hier passiert etwas Entscheidendes: Nicht mehr nur Selbstkontrolle von oben (also «Ich sollte nicht…»), sondern eine direkte Veränderung im System darunter.

    Maria Brasser
    Dr. Maria Brasser ist Neurowissenschaftlerin, Lehrerin und Mitgründerin von Hirncoach. - zvg

    Wirkung beeindruckend

    Die Wirkung ist real – und irgendwie auch beeindruckend. Ja, diese Medikamente können das Hungergefühl reduzieren, das Essverhalten verändern – und sie können beim Abnehmen helfen.

    Für viele Menschen ist das eine enorme Entlastung. Gerade wenn sie jahrelang gegen sich selbst gekämpft haben. Und genau hier ist es wichtig, ehrlich zu bleiben: Diese Effekte sind nicht «Einbildung», Sie sind tatsächlich biologisch messbar.

    Was passiert genau im Gehirn?

    Der Wirkstoff Semaglutid ahmt ein körpereigenes Hormon («GLP-1») nach, das nicht nur im Darm wirkt, sondern auch direkt im Gehirn. Dort beeinflusst er drei zentrale Bereiche, die für Hunger, Sättigung und Belohnung zuständig sind.

    Im sogenannten Hypothalamus, einfach ausgedrückt, unserem «Regulationszentrum» für Hunger und Sättigung, verstärkt er die Sättigungssignale. Das bedeutet: Man fühlt sich schneller satt. Und bleibt es tatsächlich auch länger.

    Noch spannender ist aber die Wirkung auf das Belohnungssystem. Normalerweise reagieren wir stark auf Essen, besonders auf süsse oder fettige Lebensmittel. Sie aktivieren unser Dopaminsystem, also das, was uns Dinge als «lohnend» erscheinen lässt.

    Durch diesen Wirkmechanismen verliert das Essen ein Stück weit seine Anziehungskraft. Viele beschreiben es so, dass der ständige Gedanke ans Essen, dieser innere Wunsch, plötzlich viel leiser wird.

    Und schliesslich spielen vor allem emotionale Prozesse eine entscheidende Rolle. Diese Bereiche im Gehirn, vor allem «Insula» und «Amygdala», die mit Gefühlen und Körperwahrnehmung zu tun haben, reagieren weniger stark. Das kann helfen, impulsives oder stressbedingtes Essen zu reduzieren.

    Fuss auf Waage
    Der Kampf ums Abnehmen ist in vollem Gange. - Depositphotos

    Das Entscheidende an diesen Wirkmechanismen

    Diese Veränderung passiert nicht über Disziplin oder Willenskraft. Man muss sich weniger «zusammenreissen», weil das System selbst ruhiger wird.

    Und genau hier liegt auch die Grenze: Das Medikament verändert vor allem die Signale im Gehirn, aber nicht automatisch unseren Lifestyle, unsere Gewohnheiten – oder unseren Umgang mit Stress und Triggern.

    Der Haken, nach der Spritze: Gewicht kehrt fast immer zurück

    Sobald das Medikament abgesetzt wird, zeigt sich ein ernüchterndes Muster: Das Gewicht steigt wieder an.

    Längsschnittstudien belegen, dass Betroffene bereits im ersten Jahr rund 60 bis 80 Prozent des verlorenen Gewichts wieder zunehmen.

    Bist du zufrieden mit deinem Körpergewicht?

    Ein teurer Jo-Jo-Effekt

    Neurobiologisch ist das logisch: Die Spritze dämpft den Hunger im «System darunter» (dem Hypothalamus) nur künstlich. Fällt dieser Reiz weg, kehrt das Gehirn zu seinem alten biologischen Sollwert zurück. Der gefürchtete Jo-Jo-Effekt setzt ein.

    Warum? Weil sich zwar das Signal im Gehirn temporär verändert, aber Gewohnheiten, emotionale Muster und Lebensstil oft gleich bleiben.

    Oder anders gesagt: Das System wurde nur gedämpft, aber nicht «geheilt». Glaubt man den Längsschnittstudien, müsste man sich beim Griff zur Spritze direkt für eine lebenslange Anwendung entscheiden.

    Und das wäre auch eine Budgetfrage: Mit monatlichen Kosten von ca. 180 bis 300 Franken wird die Therapie ohne dauerhaftes Commitment zum teuren Jo-Jo-Effekt.

    Es gibt keine Abkürzung

    So verlockend die Idee auch ist: Eine Pille für einen gesunden Körper gibt es nicht. Gesundheit entsteht nicht durch kurzfristige Eingriffe, sondern durch das, was wir täglich tun. Entscheidend ist, wie wir essen, wie wir mit Stress und Triggern umgehen und wie gut wir unseren Körper und unser Gehirn verstehen.

    Medikamente können unterstützen. Aber sie ersetzen keine Selbstregulation.

    Kommt ein Medikament als Hilfe fürs Abnehmen für dich in Frage?

    Was wir daraus lernen können

    Vielleicht liegt die eigentliche Chance gar nicht im Medikament selbst, sondern in dem, was es uns zeigt: Wie stark unser Verhalten vom Gehirn gesteuert ist – oder wie wenig «Willenskraft» allein oft bringt.

    Genau hier setzt übrigens auch unsere Arbeit bei Hirncoach an: Menschen zu befähigen, ihr eigenes System zu verstehen und nachhaltig zu verändern. Nicht über Druck, sondern über Verständnis.

    Mein Fazit

    Ozempic & Co. sind kein Wundermittel, aber sie geben einen spannenden Einblick in unser Gehirn. Sie zeigen zwar, dass Veränderung möglich ist, aber dass diese erst nachhaltig wird, wenn wir selbst Teil davon werden.

    Oder ganz einfach: Es gibt keine Abkürzungen für einen gesunden Körper.

    Dr. Maria Brasser
    Dr. Maria Brasser schreibt auf Nau.ch regelmässig Kolumnen. - zvg

    Zur Autorin

    Dr. Maria Brasser ist Neurowissenschaftlerin, Lehrerin und Mitgründerin von Hirncoach, dem führenden Spezialisten für die Hirngesundheit. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelt sie Programme für Eltern, Schulen und Unternehmen – unter anderem zur Stärkung der mentalen Gesundheit und Leistungsfähigkeit sowie zu einem klugen, hirngerechten Umgang mit digitalen Medien und Künstlicher Intelligenz. Interessiert? Infos unter hirncoach.ch.

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    Kommentare

    User #2962 (nicht angemeldet)

    War massiv übergewichtig habe fast 150 Kilo gewogen. Die Schuld lag bei mir Stress Druck Angst um den Job Umsatzdruck u.s.w. Dann wurde ich krank. Die KI hat meinen Job nun überfällig gemacht dass heisst die Wirtschaft zahlt 2 Jahre für mich dann geht’s in Frührente. Da ich Zeit hatte fürs abnehmen und den Sport klappte dies wunderbar bin nun bei 111 Kilo ohne Spritze ohne Chemie.

    User #1780 (nicht angemeldet)

    Wie wäre es mit etwas Disziplin, gesunder Ernährung und Sport dann braucht man keine Chemie!

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