Trost in der Pandemie

Unser Kolumnist freut sich, dass die SchweizerInnen keine Wirtschafts-Eugeniker, Verschwörungstheoretiker oder Covidioten sind – über alle Parteien hinweg.

Gastautor bei Nau.ch: Reda El Arbi. - Nau.ch

Das Wichtigste in Kürze

  • Nau.ch-Kolumnist Reda schreibt über das Vertrauen der Schweizer während der Pandemie.
  • El Arbi erlangte als Blogger und Journalist Bekanntheit.
  • Bis 2011 war er Chefredaktor des Satiremagazins «Hauptstadt».
  • Er lebt mit Frau und zwei Hunden in Stein am Rhein SH.

Letzte Woche titelten verschiedene Zeitungen mit der Schlagzeile «Jeder fünfte Schweizer glaubt, Behörden übertreiben bei Corona-Toten». Eine überaus negative Schlagzeile, die dem Inhalt der Meldung nicht gerecht wird. Wie so oft werden die negativen Aspekte höher gewichtet.

In der zitierten Umfrage aus dem November wurde effektiv festgestellt, das 80 Prozent der Bevölkerung den statistischen Angaben des Bundes Glauben schenken, dass das Vertrauen in die Wissenschaft während der Corona-Pandemie auf ein Höchstmass gestiegen ist, dass die SchweizerInnen in die Medien mehr vertrauen, und dass es nur eine kleine Minderheit von Spinnern ist, die den Fake News der Anti-Corona-Populisten auf den Leim geht. Gestiegen ist vor allem das Vertrauen in ÄrztInnen, Pflegekräfte und ForscherInnen. Man merke hier an, dass es nicht das Vertrauen in die Wirtschaftslobbys ist. Das sinkt seit Jahren stetig.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat Vorbereitungen für einen umfassenden Corona-Schutz für den Herbst zugesichert. Die Sorge um eine erneute Corona-Welle im Herbst ist gross. - Keystone

Schade ist, dass in den Medien dieser Randgruppe faktenfeindlicher Intelligenzallergiker und den lobbyhörigen, rappenspaltenden Wirtschaft-Eugenikern so viel Raum gegeben wird. So entsteht das Gefühl, dass diejenigen, die am lautesten schreien, auch die Meisten wären.

Eine andere Umfrage, die ebenfalls im November durchgeführt wurde, zeigt, dass eine Mehrheit der SchweizerInnen schon damals für einen harten Lockdown oder für einen Circuitbreaker-Lockdown war. Das wird sich sogar noch verstärkt haben, wenn wir die Umfragen in den Nachbarländern anschauen. Entgegen der augenblicklichen Massnahmen, die dem Willen der Lobbys, und nicht dem Willen der Bevölkerung entsprechen, sind also die meisten Menschen hier nicht bereit, andere für ihre eigene Bequemlichkeit oder den eigenen Konsum sterben zu lassen. Vielleicht kann man darin auch den Grund erkennen, warum zurzeit keine solchen Umfragen gemacht werden. Wäre ja peinlich für die Exekutiven, wenn klar erkennbar wäre, dass sie gegen den Willen der Mehrheit täglich hunderte Menschen sterben lassen.

Die Bilder aus den Skigebieten und aus den Bars oder Weihnachtsverkauf-Innenstädten, die Menschenmassen zeigen, die sich idiotisch verhalten, zeigen nicht die Mehrheit der Bevölkerung, sondern nur Ansammlungen von egomanen Dumpfbacken, nicht mal böse, sondern einfach ignorant und egoistisch.

Skifahrer mit Schutzmaske gegen Corona, aufgenommen am Sonntag, 29. November 2020, beim «Hoernli» in Arosa. - Keystone

Aber zurück zum Positiven: Obwohl wir im Ausland inzwischen als menschenverachtende Barbaren dastehen, ist die Schweizer Bevölkerung keine empathiebefreite Masse von Egoisten. Die grosse Mehrheit der SchweizerInnen orientiert sich an Fakten und sorgt sich um die schwächeren Mitmenschen. Dabei kommt es nicht auf Links oder Rechts an. Im Unterschied zur Parteipolitik sind die einzelnen Menschen hier nicht nach dem üblichen Muster aufgeteilt. Ganz sicher, weil das Virus sich nicht für Parteizugehörigkeit interessiert, wenn es Menschen ins Spitalbett oder in den Tod schickt.

Bei mir hat dieser Bruch des klaren Links/Rechts-Schemas dazu geführt, dass ich plötzlich Mitstreiter in der SVP finde, deren sonstigen politischen Positionen ich zwar nicht unterstütze, die aber angesichts der Krise beweisen, dass ihnen das Gemeinwohl und die Schwächsten wichtiger sind als Konsum und Geld. Mein Freund, der ehemalige Grenzwächter, graue Eminenz der örtlichen SVP, und ich stehen hier Seite an Seite für das Gemeinwohl, für die Schwächeren ein. Auch die junge Frau aus einer anderen SVP-Regionalpartei setzt sich mit mir gemeinsam für den Schutz der Vulnerablen ein. Sowas ist nach dem Hickhack der letzten Jahre tröstlich. Der Bruch geht auch durch die Wähler der liberalen Parteien. Während deren Exponenten sich meist eher für die Wirtschaft als für die Menschen einsetzen, sieht man in ihrer Wählerschaft eine klare Tendenz zur Menschlichkeit. Die Krise scheint in der Mehrheit der SchweizerInnen das Gute und nicht das Egoistische zu wecken.

Auf der anderen Seite verliere ich Freunde, die ich als links einstufen würde, weil sie sich im Geschwurbel der Esoteriker und Impfgegner verlieren, weil sie sich als «Revoluzzer» das Ego nochmals aufblasen können. Leute, die denken, man müsse nur seine Chakras ausrichten und das Chi fliessen lassen, um gegen das Virus immun zu werden. Die das Recht auf Party über das Recht auf Leben stellen, und sich dabei vorkommen wie Che Guevara persönlich.

In den sozialen Medien, auf den Newsportalen und in den Kommentarspalten sind die Anti-Corona-Spinner lauter und stärker präsent, als es ihnen zustehen würde, auch wenn sie die ganze Zeit «Zensur» schreien. Die Mehrheit der SchweizerInnen findet durch die Krise zusammen. Die Rattenfänger, die sich mehr Sorgen um ihre Sonntagsgipfeli machen als um das Wohl der Schwächsten, haben zwar Schreihälse gefunden, die ihnen nachplappern, aber sie sind eine kleine, wenn auch nervige Minderheit.

Die Polizei hält im Berner Ryffligässchen die Kundgebungsteilnehmer gegen Corona-Massnahmen in Schach. - sda - RAINER SCHNEUWLY

Mich nimmts wunder, wie sich das über Zeit in Wahlen niederschlägt, wenn so klar ist, dass die Exekutiven und die Lobbyknechte in den Parlamenten so klar gegen den Willen der Bevölkerung handeln. Bei mir hats schon eine klare Tendenz. Im Kanton Zürich bekäme zurzeit gerade mal die SVP-Gesundheitsdirektorin Nathalie Rickli meine Stimme. Die linken Regierungsräte haben in dieser Krise schwer versagt.

Wir werden es sehen. Bis dahin bleibt uns der Trost, dass wir uns umeinander kümmern, egal, welche Partei wir bei den letzten Wahlen gewählt haben.

PS: Ziemlich sicher wird sich auch heute in dieser Kommentarspalte zeigen, dass die Anti-Corona-Schreihälse hysterischer sind als die vernünftigen Menschen. Also, ihr Schreihälse und Hasskommentatoren: Ihr seid die Minderheit :D