Tipp an Frauen – Wübbenhorst: «Ihr müsst keine besseren Männer sein»
Trainerin Imke Wübbenhorst holte mit den YB Frauen den 12. Meistertitel. Im BärnerBär-Interview spricht sie über Erfolg, Gleichberechtigung und Erfahrungen.

Sie ist laut, direkt, manchmal unbequem und genau damit erfolgreich. Unter ihrer Führung holten die YB Frauen ihren 12. Meistertitel. Kurz davor war sie Mutter geworden.
Imke Wübbenhorst über Ehrgeiz, Gelassenheit, Männerfloskeln und warum Gleichheit nicht automatisch gerecht ist.
BärnerBär: Zum Einstieg, Imke Wübbenhorst, erzählen Sie doch kurz, wer Sie sind!
Imke Wübbenhorst: Ich bin eine sehr emotionale Trainerin und eine sehr liebevolle Mama – was ich ehrlich gesagt früher nie gedacht hätte.
Und ich bin jemand, der sich aktiv gegen Stereotypen auflehnt. Ich hinterfrage meine eigenen Denkmuster und versuche, verallgemeinernde Bilder nicht einfach zu übernehmen.

BärnerBär: Kommt das daher, dass Sie sich früh in einer klassischen Männerdomäne durchsetzen mussten oder entspricht das grundsätzlich Ihrem Charakter?
Wübbenhorst: Vermutlich ist es eine Mischung aus beidem. Ich war als Kind immer mit meinem grösseren Bruder unterwegs. Wir waren gefühlt ständig draussen, sind Fahrrad gefahren und haben Fussball gespielt. Einerseits lernte ich, mich als Mädchen durchzusetzen.
Andererseits merkte ich schnell, dass ich schlicht die gleichen Interessen hatte wie die Jungs. Obwohl mir ein Pony gehörte und ich später sogar ein Fohlen selbst zureiten durfte – meine grosse Liebe war immer der Fussball.
BärnerBär: Gab es damals ein Mädchen-Team in Ihrer Nähe?
Wübbenhorst: Ja, es gab viele Mädchenteams, aber zur Förderung war ich bei den Jungs besser aufgehoben.
Mit 15 war ich bereits in der 2. Frauenfussball-Bundesliga bei SuS Timmel und mit 16 in der 1. Bundesliga beim HSV.
BärnerBär: War Fussballspielerin somit schon früh Ihr Traumjob?
Wübbenhorst: Nicht unbedingt. Ich wollte als Mädchen zur berittenen Polizei.
Später, inspiriert von Barbara Salesch im Fernsehen und beeindruckt von ihrer Eloquenz, hätte ich mir auch Richterin vorstellen können.
Deshalb habe ich in der Schule zusätzlich Latein gewählt. Aber irgendwann schrieb ich dann in ein Freundebuch: Mein Traumberuf sei Fussballspielerin im Fernsehen.
BärnerBär: Warum wurde es dann tatsächlich der Fussball?
Wübbenhorst: Vermutlich war die erste Nominierung zur U15 Nationalmannschaft ausschlaggebend. Die Trainer rieten mir dann zu einem Wechsel in die erste Liga und mit 16 bekam ich die Chance, zum Hamburger SV zu gehen. Das war zwar drei Stunden von meinen Eltern entfernt und bedeutete meine erste eigene Wohnung.
Die Bedingung meines Vaters war allerdings klar: Ich musste das Abitur an einer staatlichen Schule in Schleswig-Holstein machen. Wenn die Noten nicht stimmten, hätte ich nach Hause zurückkehren müssen.
Also habe ich Gas gegeben. Der Ehrgeiz lag aber immer ganz klar im Fussball. Da kann ich extrem schlecht verlieren.
BärnerBär: In anderen Bereichen weniger?
Wübbenhorst: Absolut. Sonst bin ich nicht so verbissen. Aber im Fussball habe ich mich immer komplett reingegeben. Wenn wir verloren haben, war für mich der ganze Abend gelaufen.
Ich habe mich über Fehler wahnsinnig geärgert, bin nie zurückgeschreckt, was halt auch einige Verletzungen zur Folge hatte. Aber ich wurde dafür belohnt, zweimal wurden wir U19 Europameisterinnen.
BärnerBär: Haben Sie danach alles auf die Karte Fussball gesetzt?
Wübbenhorst: Nicht ganz. Ich habe in Hamburg und Oldenburg Sport und Biologie auf Lehramt studiert und auch unterrichtet. Parallel machte ich zudem die A-Lizenz im Fussball.
Dabei merkte ich schnell: Im Fussball arbeiten die Menschen freiwillig mit dir. In der Schule musst du viele erst motivieren, die eigentlich gar nicht wollen.
BärnerBär: War das der Schritt ins Trainergeschäft?
Wübbenhorst: Auch Verletzungen, Ortswechsel und die unsichere Verdienstsituation als Spielerin spielten mit eine Rolle. Und ein bisschen der Zufall.
Beim BV Cloppenburg war ich Spielerin und Trainerin, was mich nicht erfüllte, weil ich nicht der Typ bin, der die Dinge nur zur Hälfte macht.
Aber ich hatte dort eine fantastische Mentorin, die mir zeigte, wie ich meinen Überehrgeiz als Trainerin besser steuern kann. Loszulassen und Verantwortung abzugeben, fiel mir anfangs schwer. Aber es ist grossartig zu sehen, wenn ein Plan aufgeht und Menschen über sich hinauswachsen.
BärnerBär: Wie würden Sie sich als Trainerin beschreiben?
Wübbenhorst: Direkt. Laut. Manchmal vermutlich auch etwas verletzend, wenn ich sehr emotional bin. Aber ich meine es nie böse und versuche, immer fair zu sein.

Fehler verzeihe ich sofort, Bequemlichkeit allerdings nicht. Wenn ich das Gefühl habe, jemand bleibt in seiner Komfortzone, macht mich das wütend. Zusammengefasst bin ich sicher keine «Streicheltrainerin»!
BärnerBär: Sie trainierten in Cloppenburg als eine der ersten Frauen eine Männermannschaft. Wie haben Sie das erlebt?
Wübbenhorst: Vorschusslorbeeren gab es da natürlich keine, eher das Gegenteil. Aber als ich am 27. Dezember ein erstes Meeting einberief, waren tatsächlich alle Spieler da, die Neugier war gross. Und dann ist es wie überall: Man muss gute Arbeit leisten und Vertrauen gewinnen.
In der täglichen Zusammenarbeit mit den Männern und den Clubverantwortlichen gab es diesbezüglich da auch nie Probleme. Die wurden eher von aussen kreiert.
BärnerBär: Aus dieser Zeit stammt auch Ihre berühmte schlagfertige Antwort auf die sexistische Frage eines Sponsors.
Wübbenhorst: Man kann sich über so etwas empören oder man kontert mit Humor. Solche Fragen sagen meist mehr über den Fragenden aus als über mich. Männer sind in solchen Dingen erstaunlich berechenbar.
Da hilft Gelassenheit. Und ein schneller Konter beendet die Diskussion oft viel effizienter als jede Empörung. Ich entscheide, ob ich mich beleidigen lasse und meistens entscheide ich mich dagegen.
BärnerBär: Die Vorbehalte gegenüber Trainerinnen im Männerfussball sind dennoch da.
Wübbenhorst: Ja, und teilweise kann ich das sogar nachvollziehen. Es hängt stark von der Vereinsstruktur ab, von Sponsoren, vielleicht älteren Patrons, die hohe Summen investieren. Wenn ein Trainer scheitert, ist das Teil des Geschäfts.
Bei einer Trainerin wird das Risiko oft anders bewertet. Zudem spielen kulturelle Hintergründe der Spieler eine Rolle. Als Trainer bietet man generell Angriffsfläche, als Trainerin im Männerfussball kommt eine zusätzliche Ebene hinzu.
BärnerBär: Unterscheiden sich männliche und weibliche Spieler stark?
Wübbenhorst: Mein Learning: Männer mögen es nicht, vor der ganzen Mannschaft kritisiert zu werden und sie wollen Beweise per Video. Unter vier Augen funktioniert das sehr gut.
Frauen reagieren hingegen schneller mit Selbstzweifeln. Gleichzeitig gehen sie oft noch eine Extrameile, auch wenn sie eigentlich am Limit sind. Männer steigen da eher einmal aus. Aber grundsätzlich geht es immer um Menschenführung.
BärnerBär: Wie formt man aus unterschiedlichen Charakteren ein funktionierendes Team?
Wübbenhorst: Ein Team ist ein Spiegel der Gesellschaft. Jeder will gesehen, wahrgenommen und wertgeschätzt werden, mit seinen Stärken und Schwächen. Als Trainer muss man spüren, wer wann was braucht. Einige brauchen mehr Druck, andere mehr Zuspruch.
Wichtig ist zu verstehen: Gleich behandeln heisst nicht gerecht behandeln, dennoch kann man fair sein. Fairness bedeutet also nicht Gleichheit, sondern nachvollziehbare Gerechtigkeit. Denn gute Führung ist kein Giesskannenprinzip.

BärnerBär: Wie entsteht aus Ihrer Sicht gute Leistung?
Wübbenhorst: Ich denke, dass man als Trainer ein guter «Menschenfänger» und zwar im positiven Sinn sein muss. Die Kunst besteht darin, zu erkennen, wer mit wem harmoniert, welche Fähigkeiten sich ergänzen, wie man die einzelnen Menschen motivieren kann.
Eine gute Führung ist kein Zufall, sondern viel Menschenkenntnis, ehrliche und offene Kommunikation und gerade deshalb so faszinierend.
BärnerBär: Warum sind Sie weg vom Männerfussball, weg von Deutschland und nach Bern zu einem Frauenteam gekommen?
Wübbenhorst: Die Anfrage aus Bern kam genau zur richtigen Zeit. Ich war auf der Suche nach etwas Neuem und sah bei den YB Frauen grosses Potenzial.
Denn der Frauenfussball in der Schweiz war noch nicht so präsent. Hier konnte man wirklich etwas aufbauen und bewegen, das hat mich gereizt.
BärnerBär: Erinnern Sie sich noch an den ersten Eindruck, den Sie von Ihrem neuen Team hatten?
Wübbenhorst: (schmunzelt) Oh ja! Beim ersten Training dachte ich: Spielen wir hier noch mit Corona-Abstand? Warum geht niemand kompromisslos rein? Warum entschuldigt man sich für Härte? Aber ich sah sofort auch die enormen Entwicklungsmöglichkeiten der einzelnen Spielerinnen.
Info zur Serie
Erfolgreiche Frauen in Bern:
In dieser Serie spricht der BärnerBär mit bekannten Frauen in Bern und will herausfinden, welche Menschen sich hinter den prominenten Namen verbergen, was ihnen wichtig ist, wer sie prägte und wie sie zu dem wurden, was sie heute sind.
BärnerBär: Mit Erfolg: Die YB Frauen holten unter Ihnen den 12. Meistertitel. Kurz davor kam Ihr Sohn zur Welt. Wäre eine Co-Trainerschaft denkbar gewesen?
Wübbenhorst: Nein. Denn wie gesagt: Wenn ich etwas mache, dann zu 100 Prozent. Ich habe ein starkes Umfeld und mit Urs Hirschi einen sehr supportenden Partner an meiner Seite.
Anfangs war meine Mutter noch zur Unterstützung da, inzwischen fühlt sich mein Sohn in der Kita sehr wohl.
BärnerBär: Sie sagten eingangs, Muttersein sei nie Ihr Lebensziel gewesen.
Wübbenhorst: (lacht) Nein, tatsächlich nicht. Vielleicht musste es gerade deshalb passieren. Und wie so oft erweist sich das Unerwartete, Ungeplante als grösstes Glück. Ich geniesse jede Minute mit meinem Sohn und bin eine extrem glückliche Mama.
BärnerBär: Auch nach schlaflosen Nächten?
Wübbenhorst: Oh ja. Gerade letzte Nacht hat der Kleine mich von zwei bis vier Uhr wachgehalten, er zahnt zurzeit und fand einfach keinen Schlaf. Ich hätte mich ja darüber furchtbar ärgern können, weil schliesslich heute ein strenger Tag anstand.
Stattdessen dachte ich einfach: Es ist nur eine Phase. Sie geht vorbei. Und es ist doch schön, dass ich für ihn da sein, ihn halten und beruhigen kann.
BärnerBär: Kann man daraus auf Ihre Grundhaltung schliessen?
Wübbenhorst: Absolut. Ich glaube an die Macht der Gedanken. Selbst in schwierigen Situationen steckt etwas Positives, auch wenn man das vielleicht erst später erkennt.
Ich bin fest davon überzeugt, dass am Ende immer alles gut kommt und man mit einer positiven Grundhaltung genau dazu extrem viel beitragen kann.
BärnerBär: Was geben Sie jungen Frauen mit auf den Weg?
Wübbenhorst: Traut euch mehr zu, seid laut, meldet euch zu Wort! Ihr müsst keine besseren Männer sein, ihr seid als Frauen gut genug. Aber steht für euch und euer Können ein.
Ausserdem finde ich, dass wir Frauen gelassener werden und sexistische Sprüche viel öfter mit Humor kontern sollten, statt diese immer gleich so persönlich zu nehmen.
BärnerBär: Zum Schluss: Welche Superkraft hätten Sie gerne?
Wübbenhorst: Hm… (denkt kurz nach) Ich würde gerne fliegen können. Wie ein Vogel, komplett CO2-neutral. Schnell nach Ostfriesland zur Familie, schnell mit meinem Sohn ans Meer. Das wäre wunderbar!












