Frauen Hockey-Nati: Mit Verzicht und Beharrlichkeit zu Bronze
Mit Bronze des Frauenteams endet Olympia 2026 für Swiss Ice Hockey versöhnlich. Der Werdegang dieser Equipe erzählt von Verzicht und Beharrlichkeit.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Hockey-Nati der Frauen holt Olympia-Bronze, die Männer gehen leer aus.
- Der Anti-Held Colin Muller passte als Cheftrainer zu diesem Kollektiv.
- Experte Nicola Berger blickt in der «Overtime» auf das olympische Hockey-Turnier zurück.
Irgendwann stand Colin Muller in Mailand da und gab ergriffen Interviews, die Augen feucht.
Vielleicht war dieses dramatische Bronzespiel, gewonnen mit 2:1 gegen Schweden nach Verlängerung dank einem Geistesblitz von Alina Müller, gleichbedeutend mit dem letzten Vorhang seiner Trainerkarriere.
Der Vertrag von Muller, 62, läuft nach sieben Jahren aus. Der mit Abstand grösste Erfolg seiner Ära wäre ein würdiger Schlusspunkt.

Muller hatte 2018 sehr zufällig zunächst als Assistenztrainer ausgeholfen. Gerade war er in Mannheim entlassen worden, an der Seite seines langjährigen Copains Sean Simpson.
Er wohnte zusammen mit Paul di Pietro und dessen Gemahlin Cyndy Kenyon in einer WG, weil er die eigene Wohnung untervermietet hatte.
Kenyon wurde angefragt, ob sie an der WM als Assistenztrainerin einspringen könnte. Sie konnte nicht, terminlich, aber Müller hatte Zeit.
Kurz darauf wurde er zum Cheftrainer befördert. In Mailand war Kenyon seine Assistentin, der Kreis hat sich geschlossen.
7000 Franken und ein Töffli zur Miete als Lohn für eine NLB-Saison
Es ist eine Wendung, die zu Mullers Vita passt. In die Schweiz hatte er in den frühen 1980er-Jahren gefunden, weil er in einer von seinem Vater abonnierten Zeitschrift auf eine Annonce gestossen war, in welcher ein Spieleragent nach Kanadiern mit Schweizer Vorfahren suchte.
Nach einem Probetraining in Montreal wechselte er in den Nachwuchs des HC Lugano und dann weiter nach Basel in die Nationalliga B, wo es 7000 Franken für die Saison gab, und dazu ein Töffli und eine Wohnung.

Seine Trainerkarriere begann im Jahr 2000 bei Gottéron über Nacht. Ueli Schwarz wurde entlassen, das Management entschied, dass Müller ihn ersetzen soll, weil der ja schon auf der Lohnliste stand.
Muller war eigentlich Spieler, acht Tore in 23 Partien, und hatte zwei Tage vor seinem unverhofften Seitenwechsel mit den Teamkollegen in der Fribourger Innenstadt die Nacht zum Tag gemacht.
Seine ersten Stunden als Coach verbrachte er in einer PTT-Filiale, so hiess die Post damals noch, er versuchte verzweifelt, den in München arbeitenden Simpson ans Telefon zu kriegen.
«Er war nicht zu Hause, es hat immer nur seine Frau das Telefon abgenommen. Ich habe gewartet. Lange gewartet. Er musste mir doch Übungen schicken. Ich habe ihn dann endlich erreicht und ihm gesagt, er solle mir 40 Trainingsübungen faxen. Das hat er dann glücklicherweise getan.»
Ferien opfern für die WM- und Olympiateilnahme
Muller blieb nicht lange bei Gottéron. Aber er gewann an der Seite Simpsons 2009 mit dem ZSC die Champions Hockey League. Und 2013 mit den Männern WM-Silber. Als Chefcoach hatte er wenig Fortune, in Olten und beim ZSC wurde er eilig entlassen.

Mailand 2026 war auch seine Versöhnung, unter seiner Anleitung spielten die Schweizerinnen ein nahezu perfektes Turnier und gingen in jener Rolle auf, die Muller in seiner Karriere oft genug bekleidete: Die des Aussenseiters.
Zu Beginn seiner Amtszeit sagte er einmal: «Ich habe den allergrössten Respekt davor, was diese Frauen leisten. Das ist einfach enorm. Es gibt Spielerinnen, die arbeiten von 8 bis 17 Uhr, dann fahren sie eine Stunde ins Training, trainieren zwei Stunden, sind kurz vor Mitternacht zu Hause und am nächsten Tag machen sie dasselbe wieder. Ohne Bezahlung. Und die meisten müssen fast alle ihre Ferientage opfern, um an die WM und die anderen Länderspiele reisen zu können. Da gibt es eine Leidenschaft, die eindrücklich ist. Und es macht viel Freude, mit so lernbegierigen Menschen arbeiten zu dürfen.»
Männer verspielen beste Ausgangslage
Es sind Entbehrungen, die sich nun gelohnt haben; für Müller und die Frauen endete das Turnier in einer Freinacht.
Während die Männer noch eine Weile mit der Verarbeitung der bitteren Enttäuschung des schmerzhaften Ausscheidens im Viertelfinal gegen Finnland trotz einer 2:0-Führung beschäftigt sein werden.

Zum Autor
Nicola Berger berichtet seit über einem Jahrzehnt über das Geschehen rund um das Eishockey. Seit neuestem schreibt er im Format «Overtime» über die National League und die Hockey-Nati.
Eine bessere Ausgangslage für die erste Olympia-Medaille seit 1948 dürfte sich den Schweizern so schnell nicht mehr bieten: Bei einem Turnier ohne den ewigen Mitfavoriten Russland.
Und mit den alternden Leitwölfen Leonardo Genoni (38) und Roman Josi (35) in beneidenswerter Verfassung. «Es tut weh», sagte Genoni, bestimmt auch im Wissen, dass das sein letztes olympisches Turnier war.
Für ihn, der einmal mehr brillierte, wird es keine Friedensschliessung mehr mit dieser Veranstaltung geben. Für die Eishockey-Schweiz aber dank dem ungleichen Duo Müller/Müller schon.
















