«Overtime»: Fischer und Weibel vergeben Chance auf Abschiedsgeste
Swiss Ice Hockey gibt sein Olympia-Aufgebot bekannt. Es gibt keine Überraschung – aber die Absenz des NHL-Verteidigers Lian Bichsel kommt einem Eigentor gleich.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Olympia-Kader im Eishockey steht – Patrick Fischer setzt auf bewährte Kräfte.
- Weiter wird auf Lian Bichsel verzichtet, bei Reto Berra ist Fischer weniger konsequent.
- Dabei wäre eine Versöhnung mit dem NHL-Verteidiger eine Chance gewesen.
25 Spieler hat Swiss Ice Hockey für das am 11. Februar in Mailand beginnende Olympia-Turnier nominiert. Es ist ein Aufgebot ohne grosse Überraschungen. Für die kontroversesten Diskussionen dürfte die Berücksichtigung von Reto Berra sorgen.
Der Gottéron-Goalie ist vor wenigen Tagen 39 geworden, man tritt ihm nicht zu nahe, wenn man sagt, dass er auf Sicht nicht den grossen Hoffnungsträger des Schweizer Eishockey verkörpert – auch wenn er in Kloten mindestens zwei Winter weiterspielen wird.
Ablösung von Berra/Genoni erneut vertagt
Berra erhielt den Vorzug vor Stéphane Charlin, letztes Jahr bei den SCL Tigers der gefeierte Überflieger und nun bei Servette hinter einer sehr launischen Equipe noch immer überdurchschnittlich. Charlin ist 14 Jahre jünger als Berra. Er gilt als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge des Duos Reto Berra/Leonardo Genoni.

Über diese Nachfolge wird seit Jahren debattiert. Aufgrund der Unverwüstlichkeit des noch immer famos aufspielenden Tandems wurde diese aber so oft verschoben, als handle es sich um einen Flughafen in Berlin.
Patrick Fischer setzt auf Bewährtes
Es ist Trainer Patrick Fischer nicht vorzuwerfen, dass er sich für Berra und gegen Charlin entschieden hat. Fischer wird bald von Bord gehen, es ist nachvollziehbar, dass er auf jene Männer setzt, die in seiner langen Ära als Nationaltrainer an seiner Seite standen.

Die Zukunft des Nationalteams muss Fischer wenig kümmern, für ihn geht es um einen versöhnlichen Abschluss. Zunächst bei Olympia, nach den wenig berauschenden Auftritten von 2018 in Pyeongchang (Platz 10) und 2022 in Peking (8.).
Keine Konsequenzen für Berra
Und doch verwirrt Berras Präsenz. Für die WM 2025 in Dänemark hatte er mit der Begründung abgesagt, dass er sich ausgelaugt fühle und eine Pause brauche.

Das ist eine legitime Argumentation, die in der Vergangenheit für etliche andere Akteure (Denis Malgin, Dean Kukan, etc.) aber zur Konsequenz hatte, dass sie für mehrere Turniere nicht mehr berücksichtigt wurden.
Besonders stossend ist der Umgang mit Berra im Vergleich mit der Behandlung des NHL-Verteidigers Lian Bichsel, der weiterhin nicht aufgeboten wird.
NHL-Star Bichsel weiter aussen vor
Der Verband um den Sportdirektor Lars Weibel hatte sich daran aufgerieben, dass Bichsel sich 2022 nach einem intensiven Sommer individuell auf die ausnahmsweise im August stattfindende WM vorbereiten wollte.
Und 2023 einem Aufgebot für das gleiche Turnier nicht Folge leistete, um seinen Stammplatz beim schwedischen Spitzenteam Rögle nicht zu gefährden. Beides ist legitim, und die Resultate geben Bichsel recht, was die Wahl des Karrierepfads angeht.

Bei den Dallas Stars reifte er zur Stammkraft mit durchschnittlich knapp 17 Minuten Eiszeit pro Abend, ehe er sich Anfang Dezember verletzte.
Fischer hat mit Bichsel-Verzicht Chance vergeben
Es gibt in der Schweiz kein Überangebot an Spielern mit NHL-Format, schon gar nicht in der Defensive, wo sich das Exporttrio aus der Lichtgestalt Roman Josi (Nashville Predators), dem aufstrebenden Ex-Biel-Captain Janis Moser (Tampa Bay Lightning) und Jonas Siegenthaler (New Jersey Devils) beschränkt.
Aus verletztem Stolz auf Bichsel zu verzichten, ist eine groteske Entscheidung. Zumal die Mandate des Trainers Patrick Fischer (Zukunft unklar) und des Sportdirektors Lars Weibel (wird Sportchef in Ambri) nach der WM im Mai enden.

Den beiden bot sich die Chance, zum Abschied mit einer grossen, versöhnlichen Geste das vielleicht verheissungsvollste Talent im Schweizer Eishockey zu begnadigen. Sie haben sie einigermassen ungeschickt vergeben.
Nun müssen sie hoffen, dass die gegnerischen Stürmer vor dem Tor von Berra oder Genoni ähnlich viel Unvermögen an den Tag legen werden, wenn Lian Bichsel sie schon nicht stören wird.
Zum Autor
Nicola Berger berichtet seit über einem Jahrzehnt über das Geschehen rund um das Eishockey. Seit neuestem schreibt er im Format «Overtime» über die National League und die Hockey-Nati.
















