Thomas Fuchs (SVP): «Das ist doch geistesgestört!»

Yves Schott
Yves Schott

Bern,

Der SVP-Grossrat Thomas Fuchs spricht im Interview mit dem BärnerBär über den Knatsch in seiner Partei und ob er in vier Jahren wieder antreten will.

Thomas Fuchs
SVP-Grossrat Thomas Fuchs. - Daniel Zaugg

Nach seiner Wiederwahl nimmt Thomas Fuchs seine insgesamt sechste Amtszeit als SVP-Grossrat in Angriff.

Der bald 60-Jährige spricht über den Knatsch in seiner Partei, bürgerliches Versagen und ob er in vier Jahren nochmals antreten will.

BärnerBär: Thomas Fuchs, Sie waren erstmals 2002 Grossrat, dann folgte ein Unterbruch von 2018 bis 2022. Seit 2022 sind Sie wieder im Grossen Rat und kandidierten nun erneut. Was war die Motivation, nach so vielen Jahren in der Politik erneut anzutreten?

Thomas Fuchs: Ich sehe mich als eine Art Frühwarnsystem für die Stadt Bern, das auf den Kanton wirkt. In der Fraktion kann ich aufzeigen, worauf zu achten ist. Was in der Stadt beschlossen wird, erreicht früher oder später den Kanton.

Die SVP hatte einmal eine Amtszeitbeschränkung von 16 Jahren eingeführt, damit Ältere Platz für Jüngere machen.

Bei mir hat die «Guillotine» so früh gegriffen, dass ich noch nicht in einem Alter bin, in dem ein Rücktritt zwingend wäre.

Thomas Fuchs
Thomas Fuchs nimmt seine insgesamt sechste Amtszeit als SVP-Grossrat in Angriff. - Daniel Zaugg

BärnerBär: Es ist also durchaus möglich, dass Sie in vier Jahren wieder antreten?

Fuchs: Stand heute gehe ich davon aus, ja.

BärnerBär: Die SP und die SVP haben bei den Grossratswahlen zugelegt, Mitte, GLP und FDP verloren. Die Pole gewinnen an Stärke.

Fuchs: Eindeutig. Die SVP hat in sämtlichen Gemeinden des Kantons zugelegt – ausser in der Stadt Bern. Hier kommen FDP und SVP zusammen gerade einmal auf 16 Prozent, ein miserables Resultat.

Darin liegt auch die Ursache, weshalb der fünfte bürgerliche Regierungssitz verpasst wurde.

BärnerBär: Ist es für Ihre SVP-Kollegen im Stadtrat manchmal frustrierend, unter solchen Mehrheitsverhältnissen überhaupt Politik zu betreiben?

Fuchs: Sicher. Das zeigt sich bereits bei der Kandidatensuche. Viele sagen: «Das brauche ich nicht, mich jeden zweiten Donnerstag demütigen und für dumm verkaufen zu lassen.»

Und das aus rein ideologischen Gründen. Solange diese extremen Mehrheiten bestehen, wird sich daran wenig ändern.

Ich sage jeweils: Das wird so weitergehen, bis der letzte Parkplatz verschwunden ist und der letzte Gewerbler aufgegeben hat.

Die Linke verkennt, dass sie von den Steuereinnahmen der Gewerbler und Liegenschaftsbesitzer profitiert.

BärnerBär: Immerhin wurden für das Gewerbe separate Fahrspuren eingeführt.

Fuchs: Das ist aus meiner Sicht ein guter Ansatz. Trotzdem wird die Stadtpräsidentin intern dafür kritisiert. Ob dieses Provisorium langfristig tragfähig ist, bleibt fraglich.

Meines Erachtens sollten Taxis ebenfalls zum öffentlichen Verkehr gezählt werden. Der Verkehr wird zunehmen. Ungeachtet der 10-Millionen-Initiative werden etliche Menschen nach Bern ziehen, und immer mehr besitzen ein Auto. Gleichzeitig sollen erneut Parkplätze aufgehoben werden.

Zahlreiche Camper gehören übrigens weniger den Bürgerlichen, sondern Linken.

Lebst du in der Stadt Bern?

Nun wird kritisiert, dass diese nicht mehr in der Länggasse oder in der Lorraine abgestellt werden dürfen. Mit jener Massnahme trifft man somit die eigenen Leute.

BärnerBär: Sie haben die 10-Millionen-Initiative angesprochen. Was würde sich bei einem Ja für die Bernerinnen und Berner ändern?

Fuchs: Kurzfristig nichts. Die Initiative ist ein Zukunftsprojekt und soll das ungebremste Wachstum stoppen.

Die Massenzuwanderung findet bereits statt, trotzdem fehlen Fachkräfte. Aus meiner Sicht kommen oft die Falschen: Menschen, die aus wirtschaftlich nachvollziehbaren Gründen hierherziehen.

Deshalb hoffe ich, dass die Initiative gute Chancen hat und die Bevölkerung sagt: Irgendwann ist genug. Andernfalls braucht es mehr Wohnungen, Strassen, Züge und Pflegepersonal.

Die Frage ist berechtigt, wo all diese Menschen leben sollen. Die meisten wollen möglichst stadtnah wohnen und nicht nach Guggisberg. Dabei stehen dort Wohnungen leer.

Selbst die Fahrenden von Riedbach zieht es dahin, wo alle drei Minuten ein Tram oder Bus fährt. Irgendwann kollabiert das System – oder es wird so teuer, dass es sich kaum noch jemand leisten kann.

Gleichzeitig verhindern genau diese Kreise den Autobahnausbau oder fordern Zufahrtsbeschränkungen für den Privatverkehr, etwa beim Bauhaus in Niederwangen – direkt neben der Autobahn. Das ist doch geistesgestört!

BärnerBär: Kurz nach den Wahlen machte die «Plattform J» einen Streit in Ihrer Partei publik. Alexander Feuz, Co-Fraktionschef der Stadtberner SVP, warf Ihnen unter anderem vor, sein Postulat als Ihr eigenes ausgegeben zu haben. Zudem hätten Sie sich stärker für sich selbst und Ihre Lieblinge eingesetzt als für die Partei.

Fuchs: Das ist wohl aus den Emotionen unmittelbar nach den Resultaten entstanden.

Janosch Weyermann erhielt neun Stimmen mehr als Alex Feuz – ein Zufallsresultat. Ich selbst ging davon aus, dass Erich Hess mehr Stimmen erhalten würde als ich.

Thomas Fuchs
Thomas Fuchs war erstmals 2002 Grossrat. - Daniel Zaugg

Schade ist, wenn solche Differenzen über die Medien ausgetragen werden. Ich habe davon nämlich erst erfahren, als die Geschichte in der Zeitung erschien.

Wir werden jetzt intern einen runden Tisch durchführen, um eine Auslegeordnung zu schaffen. Ich bin zuversichtlich, eine Lösung zu finden. Es geht um persönliche Differenzen, nicht um inhaltliche Meinungsverschiedenheiten.

BärnerBär: Und was ist mit dem Vorwurf, Sie hätten Feuz’ Postulat im Grossen Rat als Ihr eigenes ausgegeben? Haben Sie sich mit fremden Federn geschmückt?

Fuchs: Nein, das würde mir ja nichts bringen. Dieser Vorstoss – die Prüfung einer Gastgewerbebewilligung für die Reitschule – läuft weiterhin unter seinem Namen.

Unser Ziel war lediglich, dass er im Parlament nicht abgeschrieben wird. Die Regierung wollte das Thema beenden.

BärnerBär: Sie haben den Vorstoss im Rat also lediglich vorgetragen?

Fuchs: Genau. Von «Klau» kann keine Rede sein.

BärnerBär: Wie würden Sie das Verhältnis zwischen Ihnen beiden derzeit beschreiben?

Fuchs: Wir trafen uns an der Hauptversammlung von Pro Libertate, Alex war ebenfalls anwesend. Wir haben ganz normal miteinander gesprochen.

Eines möchte ich aber schon festhalten: Wenn ich Flyer und Plakate für andere Kandidaten gestalte, entscheide ich selbst, für wen ich eigenes Geld einsetze. Daran werde ich festhalten. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich die anderen hasse.

BärnerBär: Janosch Weyermann wird oft als Ihr politischer Ziehsohn bezeichnet.

Fuchs: Die Bezeichnung stört mich nicht. Ich fördere ihn aktiv, insofern passt das. Früher hiess es, Erich Hess sei mein Ziehsohn. In ein paar Jahren werden die Medien wieder andere Namen gefunden haben (lacht).

Interessierst du dich für Lokal-Politik?

BärnerBär: Sie waren in den 1990er-Jahren einer der ersten offen homosexuellen Politiker in der SVP. Ist die Partei gegenüber Schwulen, Lesben und der queeren Community offener geworden?

Fuchs: Die Haltung ist insgesamt toleranter geworden – nicht zuletzt, weil von vielen bekannt ist, dass sie homosexuell sind.

Extreme Debatten schaden hingegen der Sache. Wenn ich etwa an «Queers for Palestine» denke: In jener Region wären sie wohl die Ersten, die umgebracht würden. Damit habe ich Mühe.

Grundsätzlich hat sich die Situation verbessert, auch wenn wir noch nicht dort sind, wo wir sein sollten. Es gibt weiterhin versteckte homophobe Angriffe oder die Verwendung entsprechender Begriffe als Schimpfworte, auch von Zugewanderten.

BärnerBär: Eigentlich müssten gerade Sie bei Themen wie Toleranz und Diskriminierung auf Linie der Linken sein.

Fuchs: In den Grundsätzen – keine Diskriminierung und Förderung bestimmter Gruppen – besteht Einigkeit. Wenn es jedoch darum geht, etwa im Lorrainebad spezielle Zonen nur für Transgender-Personen einzurichten, halte ich das für den falschen Weg.

Diese Menschen sollen sich frei bewegen dürfen und nicht in separate Bereiche gedrängt werden. Und klar nehme ich an Veranstaltungen wie der Pride teil. Daran haben wiederum einige Linke keine Freude (lacht).

Sie bezeichnen sich als besonders tolerant, haben aber Mühe, wenn ein SVPler an solchen Anlässen teilnimmt. Hier können beide Seiten wohl noch viel dazulernen.

INFO

«Sie wussten, dass dies täuschend war»

Das sagt Alexander Feuz, Co-Fraktionspräsident SVP Stadt Bern

«Vor den Wahlen wollten wir jede Eskalation vermeiden, um den Wahlerfolg im Kanton nicht zu gefährden. Ich bin ersucht worden, für Unzufriedene zu sprechen. Wir bieten selbstverständlich Hand für Aussprache. Politisch haben Thomas Fuchs, Janosch Weyermann und wir keine Differenzen. Bereits im Herbst wurde mit «Janosch Weyermann und Thomas Fuchs wieder in den Grossrat» Geld gesammelt. Obwohl die Loubegaffer (BZ) diese Flunkerei kritisierten, wurde die unwahre Kampagne auf Inseraten, Plakaten und Social Media konsequent fortgesetzt. Als Parteipräsident und Grossrat sowie Mitglieder-Parteivorstand der SVP Schweiz mussten Thomas Fuchs und Janosch Weyermann wissen, dass dies täuschend war. Dieser falsche Eindruck wurde noch verstärkt, da auf der Facebookseite von Thomas Fuchs ausdrücklich für die Nichtabschreibung der Reithallen-Motion mit den Worten «mein Vorstoss» geworben wurde.»

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