Jean Ziegler war als Jugendlicher Thuner Kadettenhauptmann

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Bern,

Der mit 92 Jahren am Mittwoch verstorbene Soziologieprofessor Jean Ziegler stammt ursprünglich aus Thun. Jean, der damals noch Hans hiess, wuchs in einer gutbürgerlichen Familie auf. 1949 wurde er Hauptmann der Thuner Kadetten – und das will in Thun schon etwas heissen.

Der Genfer Soziologe Jean Ziegler stammt ursprünglich aus Thun, wo er seine Kindheit verbrachte. (Archivbild)
Der Genfer Soziologe Jean Ziegler stammt ursprünglich aus Thun, wo er seine Kindheit verbrachte. (Archivbild) - KEYSTONE/SALVATORE DI NOLFI

Die Kadetten sind in der Garnisonsstadt Thun seit Generationen eine Institution. Ursprünglich diente die Organisation dazu, den Buben im Progymnasium eine Art militärische Vorbildung angedeihen zu lassen. Ein Sprungbrett für eine spätere militärische Karriere.

Kadettenhauptmann wird man nicht einfach so: das Ehrenamt war und ist den Neuntklässlern vorbehalten, gute Leistungen in Schule und Sport sind Voraussetzung. Wer Hauptmann werden will, muss sich gegen Mitkonkurrenten durchsetzen.

Primarschüler und Mädchen waren von den Kadetten zunächst ausgeschlossen. Heute ist das längst anders und aus dem elitären Korps ist eine Jugendorganisation geworden, in der Kinder Sport, Blasmusik, Armbrustschiessen und weitere Freizeitaktivitäten pflegen können. Die militärischen Ränge und Bezeichnungen und die blaue Uniform sind bis heute aber geblieben.

1949 marschierte Ziegler also am Ausschiesset-Umzug in Uniform und mit Fahne vor seinem Kadettenkorps durch die Stadt, beklatscht von der Thuner Bevölkerung. Noch deutete nicht viel darauf hin, dass der Jugendliche aus dem wohlhabenden Lauenenquartier ein weltbekannter und streitbarer Genfer Soziologe werden könnte, der die Schweizer Linke über Jahrzehnte mitprägte.

Er habe seine Kadettenzeit «in ausserordentlich guter Erinnerung», sagte Jean Ziegler 2013 im «Thuner Tagblatt». Er sei ja «ein absoluter Antimilitarist, aber beim Kadettenwesen, bei welchem ich ja im obersten Jahrgang sogar Hauptmann war, geht es um etwas ganz anderes: Es geht um die kollektive Verbundenheit mit einer Thuner Tradition.»

Das Armbrustschiessen beispielsweise habe er nicht als kriegerisch erlebt, sondern vielmehr als eine mittelalterliche Kunst. «Und geschossen wird ja auf Gessler. Wenn man das Bild dieses Tyrannen auf die heutige Zeit beziehen würde, dann würden die Kadetten heute auf einen Bankhalunken der UBS zielen», sagte Ziegler damals in gewohnt markigen Worten.

In der Familie Ziegler wurde früh politisiert, wie sich Jeans Schwester, Barbara König-Ziegler, in einem 2019 publizierten Artikel der Plattform J erinnerte. «Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der immer politisiert wurde. Vor allem habe ich einen Bruder, der Bewegung in die Familie gebracht hat.»

Vater Ziegler gehörte dem Freisinn an, ebenso Tochter Barbara. 1971, als die Schweizer Frauen das erste Mal wählen durften, schaffte sie die Wahl in den Thuner Stadtrat auf Anhieb. 1980 bekleidete sie auch als erste Frau das Stadtratspräsidium.

Die Stadt Thun ehrte Jean Ziegler 2009 mit dem Thunpreis und würdigte das Engagement des früheren UNO-Sonderberichterstatters und SP-Nationalrats.

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