SP-Wasserfallen über Frauenfussball: «Musste paarmal Kopf schütteln»

Yves Schott
Yves Schott

Bern,

Die Women’s Euro sorgte für Begeisterung. Flavia Wasserfallen erklärt, was sich seither im Frauenfussball verändert hat. Sie ist nicht nur zufrieden.

Flavia Wasserfallen
SP-Ständerätin Flavia Wasserfallen. - Daniel Zaugg

Die Women’s Euro in der Schweiz vor einem Jahr begeisterte Hunderttausende. Was hat sich seither im Frauenfussball getan?

SP-Ständerätin Flavia Wasserfallen über absurde Anspielzeiten, FIFA-Abnicker und das Direktduell mit AfD-Politikerinnen.

BärnerBär: Flavia Wasserfallen, vor einigen Tagen ist die WM in Nordamerika losgegangen. Sind Sie im Fussballfieber?

Flavia Wasserfallen: Vielleicht kommt das noch, wenn die Schweizer-Nati besser ins Turnier kommt, denn der Start ist ja nicht so geglückt. Aber hoffen darf man immer.

Und leider überschatten abseits vom Rasen zahlreiche Faktoren diese WM. Das ist schade, denn ein Grossturnier sollte ja in erster Linie begeistern.

BärnerBär: Tatsächlich scheint die grosse Euphorie noch nicht ausgebrochen zu sein.

Wasserfallen: Nein, es wurde und wird intensiv über FIFA-Alleinherrscher Gianni Infantino diskutiert, der sich in einem Machtrausch befindet, sich bei Autokraten wie Trump anbiedert und den Fussball kommerziell ins Unerträgliche drückt.

Wasserfallen
Flavia Wasserfallen: «Die Hockey-Männer hingegen gingen hin – und rissen gemeinsam mit ihm erst noch sexistische Witze.» - Daniel Zaugg

Mit immer neuen Wettbewerben, horrenden Ticketpreisen, zusätzlichen Trinkpausen, um einige Minuten Werbung zu schalten oder einer Final-Halbzeitshow im Stil des Super Bowl. Das alles hat einen sehr bitteren Beigeschmack.

BärnerBär: Trotzdem lehnt sich kein Land, kein Verband gegen die FIFA auf. Alle machen brav den Bückling und reisen nach Nordamerika.

Wasserfallen: Infantino hat sich in den letzten Jahren ein System aufgebaut, in welchem er sich mit Geld Unterstützung der Verbände erkauft. Gleichzeitig wurden interne Kontrollorgane praktisch ausgehöhlt und kritische Köpfe mit Abnickern ersetzt.

Vielleicht kollabiert dieses Gebilde irgendwann einmal. Andererseits darf man von den Spielern auch nicht erwarten, dass sie politisch entgegenhalten. Immerhin: Zeichen gegen Machtexzesse wurden schon mehrfach gesetzt.

BärnerBär: Inwiefern?

Wasserfallen: Unvergessen bleibt Alain Sutters berühmte Bettlaken-Aktion «Stop it Chirac» gegen Frankreichs Atomtests. Die US-Fussballerinnen schlugen nach ihrem WM-Titel 2019 eine Einladung Trumps aus, das amerikanische Eishockey-Team der Frauen tat es ihnen nach Olympia-Gold in diesem Jahr gleich.

Die Hockey-Männer hingegen gingen hin – und rissen gemeinsam mit ihm erst noch sexistische Witze.

BärnerBär: Bloss hat die Geste der Soccer-Frauen aktuell wohl nach wie vor deutlich weniger Gewicht als jene der Männer.

Wasserfallen: Frauenfussball in den USA sollte nicht unterschätzt werden, er hat eine riesige Bedeutung. Die Einschaltquoten sind bei grossen Turnieren höher als diejenigen der Männer. In Europa und damit auch in der Schweiz sieht das allerdings etwas anders aus.

BärnerBär: Vor rund einem Jahr war die Schweiz ebenfalls im Fussballfieber: Sie engagierten sich damals im Parlament für den Euro-Kredit, als Teil des Steering Committees der UEFA sowie im Ausschuss der Host City Bern. Was ist Ihnen von der Women’s Euro geblieben?

Wasserfallen: Unvergessliche Erinnerungen, an die ich noch in zehn oder zwanzig Jahren zurückdenken werde. Es wurden etliche Rekorde in Bezug auf Fanmärsche oder Ticketverkäufe gebrochen.

Zudem war die Stimmung durchs Band friedlich und freudig. Ich hatte nie Stress, wenn ich meinen Jüngsten in der Fanzone mal kurz aus den Augen verlor. Und natürlich gab es in den Stadien fantastische Spiele zu sehen.

WEURO 2025 Schweizer Nati
Die Schweizer Frauen-Nati sorgte an der Heim-EM vor einem Jahr für Begeisterung. - keystone

BärnerBär: Sind Sie mit der Entwicklung des Frauenfussballs in den letzten zwölf Monaten zufrieden?

Wasserfallen: Als Fan und Beirätin der YB-Frauen bin ich wahnsinnig stolz auf dieses Team, darauf, was es im Cup und in der Women’s Super League erreicht hat. Mit einer Truppe notabene, die harte Abgänge und eine verletzte Captain zu verkraften hatte.

Richtig ist ausserdem, dass sich der Verein für einen nachhaltigen Aufbau im Nachwuchs und beim Kader entschieden hat, anstatt einfach zu klotzen und teure Spielerinnen einzukaufen.

Schliesslich erreichten die YB-Frauen einen unglaublichen Zuschauendenrekord; sie lockten in dieser Saison über 43’000 Fans an, mehr als Basel und Servette zusammen. Doch natürlich gibt es weiterhin Nachholbedarf.

BärnerBär: In welchen Bereichen?

Wasserfallen: Was den Breitensport anbetrifft, geht in vielen Vereinen einiges. Trotzdem fehlt es vielerorts an Rasenflächen, Staff oder Schiedsrichterinnen. Und ich finde es schade, dass Wartelisten existieren für Kinder, die kicken möchten.

Im Profibereich braucht es im Frauenfussball eine Liga mit einer eigenständigen Struktur, die nicht einfach den Männern angehängt ist. Der Schweizerische Fussballverband hat entsprechende Schritte angekündigt, nun muss das mit Nachdruck umgesetzt werden.

Ausserdem kann der allergrösste Teil der Spielerinnen nicht einmal ansatzweise vom Lohn leben. Aber es gäbe auch Dinge, die leicht verbessert werden könnten. Ich musste ein paarmal den Kopf schütteln.

BärnerBär: Erzählen Sie.

Wasserfallen: Zum Beispiel, wieso der Cupfinal in Winterthur ausgetragen wurde. Er gehört nach Bern. Und weshalb fand das Rückspiel des Playoff-Finals zwischen Servette und YB an einem Freitagabend um 19 Uhr in Genf statt?

Wer aus Bern anreiste, musste einen halben Tag freinehmen und war erst um 1 Uhr nachts wieder zu Hause. Da würde ich mir schon attraktivere Rahmenbedingungen wünschen.

BärnerBär: Was wollen Sie als Ständerätin tun, um die Zustände zu verbessern?

Wasserfallen: Für die Integration und die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen gibt es nichts Besseres als funktionierender Breitensport. Genau dafür haben wir auf Bundesebene das geniale Programm Jugend und Sport und Förderinstrumente für nationale Sportanlagen.

Ausserdem unterstützt der Bund internationale Sportanlässe und kann so kleineren Sportarten wie Judo, Rudern oder Eiskunstlauf mehr Sichtbarkeit verleihen. Diese wichtigen Beiträge dürfen nicht dem Kürzungswahn zum Opfer fallen. Dafür setze ich mich ein.

Wasserfallen
Wasserfallen: «Frauenfussball in den USA sollte nicht unterschätzt werden, er hat eine riesige Bedeutung.» - Daniel Zaugg

BärnerBär: Sind Ihre meist bürgerlichen Kollegen im Stöckli ebenfalls so begeistert oder existieren nach wie vor Vorurteile gegenüber dem Frauenfussball?

Wasserfallen: Die Women’s Euro hat geholfen, unzählige Vorurteile abzubauen. Zahlreiche Kollegen glaubten zuvor nicht daran, dass sich die Stadien tatsächlich füllen würden und ein Turnier so viele Menschen mitreisst.

BärnerBär: Sie mussten sich im Parlament keinen einzigen despektierlichen Spruch mehr zum Thema Frauenfussball anhören?

Wasserfallen: Seit der EM im letzten Jahr nicht mehr, nein. Übrigens gibt es im Parlament seit sieben Jahren den FC Helvetia, ein überparteiliches Frauenteam. In unserer Equipe herrscht nach wie vor riesige Begeisterung für Frauenfussball – und diese wollen wir jetzt weitertragen.

Wir sind daran, einen Match gegen die Frauen des deutschen Bundestags einzufädeln, da dort in drei Jahren die nächste EM ausgetragen wird.

BärnerBär: Vielleicht werden Sie dann vor und nach Matchbeginn einer AfD-Abgeordneten die Hand schütteln.

Wasserfallen: (lacht) Wir werden sehen. Im Sport geht es auch darum, Grenzen zu überwinden und Gegnerinnen die Hand zu reichen.

Verfolgst du den Frauenfussball?

BärnerBär: Als bekennender YB-Fan durften Sie sich in der abgelaufenen Saison zwar über etliche Siege der Frauen freuen – die Männer hingegen haben nur selten Freude bereitet.

Wasserfallen: Zum Glück gab es die YB-Frauen, ja (schmunzelt). Die Männer durchleben gerade eine Baisse, was für langjährige YB-Anhängerinnen und -Anhänger ja nichts Unbekanntes ist.

Ich hoffe auf eine baldige Trendwende. Dennoch ist beeindruckend, wie viele Menschen trotz alledem die Partien im Wankdorf verfolgen.

BärnerBär: Als Letztes die politische Frage: Nächstes Jahr sind nationale Wahlen, treten Sie als Ständerätin wieder an?

Wasserfallen: Ich bin dazu in Gesprächen mit meiner Kantonalpartei. Das Mandat macht mir grosse Freude und ich bin grundsätzlich sehr motiviert.

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