Berner SP-Politikerin: So entkam ich knapp einem Femizid
Sieben Jahre lang befand sich Dominique Hodel in einem «Überlebens-Modus». Die heutige SP-Politikerin wäre mehrmals beinahe von ihrem Ex-Partner getötet worden.
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Das Wichtigste in Kürze
- Die Berner SP-Stadträtin Dominique Hodel überlebte mehrere Femizidversuche.
- Mit Nau.ch spricht sie über ihre gewaltvolle Beziehung – und wie sie einen Ausweg fand.
- In einem neuen Vorstoss fordert sie ein Mahnmal für Femizid-Opfer in der Schweiz.
Blumen, Geschenke, spontane Reisen: Als sich die damals 20-jährige Dominique Hodel verliebte, schien sie ihr Glück vermeintlich gefunden zu haben. Ihr Partner überschüttete sie mit Aufmerksamkeit und Zuneigung.
«Love Bombing» lautet der Fachbegriff dafür. Dabei wird eine Person gezielt mit Liebesbekundungen, Komplimenten und Aufmerksamkeit überhäuft, um rasch emotionale Abhängigkeit zu schaffen.

«Ich liess mich davon völlig blenden», sagt Hodel im Gespräch mit Nau.ch. Denn schon bald begann ihr Partner, sie zunehmend zu kontrollieren.
Den Kontakt zu Freundinnen und Freunden brach sie auf seinen Wunsch hin ab. Auch ihr politisches Engagement stellte sie zurück.
Femizid-Überlebende engagiert sich in der Politik
Ihre Stimme als zuvor aktives Mitglied der Juso verstummte. «Ihm gefiel es nicht, dass ich so links war.»
Damit hatte ihr Partner erreicht, was er wollte: Hodel war von ihrem Umfeld isoliert und verbrachte nur noch Zeit mit ihm.

Was folgte, waren sieben Jahre Beziehung voller Gewalt. «Mehrere Male versuchte er, mich umzubringen.»
Heute ist Dominique Hodel 36 Jahre alt und lebt in Bern. Acht Jahre ist es her, seit sie sich von ihrem gewalttätigen Partner getrennt hat.
Bern soll ein Femizid-Mahnmal erhalten
Ihre Erfahrungen prägen die gelernte Gärtnerin und Detailhandelsfachfrau bis heute. Als SP-Politikerin im Berner Stadtparlament engagiert sie sich für den Kampf gegen geschlechterspezifische Gewalt.
Ihre Mission: «Die Öffentlichkeit auf die alarmierende Realität der Gewalt gegen Frauen und weiblich gelesene Personen aufmerksam zu machen.»
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Den neuesten Vorstoss reichte sie letzte Woche ein: In Bern soll es künftig ein Mahnmal gegen Femizide und geschlechterspezifische Gewalt geben. Der Begriff Femizid beschreibt die Tötung einer Frau, weil sie eine Frau ist.
Inspiriert ist die Idee von den «Walls of Dolls» in italienischen Städten: An einem Metallgitter hängen Puppen, die an Frauen erinnern, die Opfer von Gewalt wurden.
Unterstützung für ihre Motion gibt es aus allen Parteien: Von links bis rechts.
Die Politikerin beschreibt den angedachten Ort als «Platz zum Reflektieren, zum Trauern, zum Zusammensein».
Überlebende sollen beim Mahnmal Kraft schöpfen
Dieser soll Sichtbarkeit schaffen und Solidarität ausstrahlen. «Betroffene und Überlebende sollen wissen, dass man hinter ihnen steht.»
Ein Mahnmal sei ein wichtiges Symbol, aber «keine Symbolpolitik», betont sie. «Solange es häusliche Gewalt und Femizide gibt, muss das Thema immer wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden.»

Gerade betroffene Frauen könnten dort Kraft schöpfen. Etwa, indem sie eine Zeichnung oder ein Gedicht aufhängen und so «abschliessen können».
Dominique Hodel ist Überlebende eines Femizids. Und ist damit nicht alleine.
Femizid ist in der Schweiz kein eigener Straftatbestand und wird daher nicht separat erfasst.
Zahl der Femizide in der Schweiz steigt
Das Rechercheprojekt «Stop Femizid» dokumentiert für das vergangene Jahr 27 Tötungen von Frauen und Mädchen. In diesem Jahr waren es bereits 12.
Die polizeiliche Kriminalstatistik zeigt für das Jahr 2025: 59 Personen überlebten im vergangenen Jahr ein Tötungsdelikt im häuslichen Bereich.
Vollendet wurden weitere 34, in 74 Prozent der Fälle waren die Opfer weiblich.
Die Täter bei Femiziden sind meist aktuelle oder ehemalige Partner, teilweise auch Brüder oder Söhne. In vielen Fällen geht einem Femizid häusliche Gewalt in einer Beziehung voraus. Fachleute sprechen von einer Eskalationsspirale.
Das erste Mal, als Dominique Hodel physische Gewalt erlebte, beschreibt sie so: «Ich kam nach Hause, war müde von der Arbeit und mochte nicht mehr abwaschen. Also fragte ich ihn, ob er mir helfen kann.»
Daraufhin wurde er gewalttätig. «Ich wehrte mich. Ich schrie ihn an.»
Doch das hielt ihn nicht davon ab. Immer wieder kam es zu Gewalt. Und: «Die Gewalt wurde immer schlimmer.»
Ex-Partner sperrte sie nächtelang auf den Balkon
Hodel resignierte und setzte sich nicht mehr zur Wehr. Denn: «Je mehr ich mich wehrte, desto gefährlicher wurde es für mich.»
Der «Überlebens-Modus» setzte ein. «Je weniger ich mir anmerken liess, desto schneller ging es vorbei.»
Ihr Partner spielte seine Macht immer weiter aus. Er sperrte sie im Winter nächtelang auf den Balkon aus. «In dieser Zeit erlitt ich viele Lungenentzündungen.»
Femizid mehrmals nur knapp überlebt
Und immer gab er ihr die Schuld für die Gewalt. Das begann sie zunehmend zu verinnerlichen. «Ich gab mir selbst die Schuld dafür», sagt sie. «Ich dachte, ich würde seine Gewalt auslösen und könnte ihn deshalb ändern.»
Er versuchte, sie aus dem Fenster zu werfen, würgte sie bis zur Bewusstlosigkeit. Beim letzten Vorfall, bei dem sie beinahe starb, kam ein Messer zum Einsatz.
Hinzu kam sein militärischer Hintergrund: Die Waffe lag immer unter dem Bett. Als konstante Drohung.
Arzt redete ihr ins Gewissen
Auch im Spital übernahm sie zunächst die Verantwortung für das Geschehen. Sie sagte, sie habe sich die Verletzungen selbst zugefügt.
Der Arzt redete ihr dann ins Gewissen: Entweder sie verlasse den Partner jetzt, oder er, der Arzt, werde sie beim nächsten Mal nicht mehr im Spital sehen. Weil sie dann tot sein könnte.
Dieser Satz blieb ihr hängen.
Schliesslich gelang ihr dank der Hilfe der Ärzte die Trennung. Kurzzeitig war sie auch im Frauenhaus, bevor sie zu ihrer Sicherheit in eine andere Stadt zog, nach Bern.
Sie war 27 Jahre alt, als sie diesen Schritt vollzog.
«Fehlte die Kraft für Anzeige»
Eine Anzeige wegen der häuslichen Gewalt erstattete sie damals nicht. «Mir fehlte damals die Kraft dazu», sagt sie. Allerdings hat sie bei der Polizei den Namen ihres gewalttätigen Ex-Partners deponiert.
Heute würde sie ihn sofort anzeigen. Doch die Taten ihres Ex-Partners sind inzwischen verjährt.

Die Trennung gilt als einer der gefährlichsten Momente für Betroffene von häuslicher Gewalt. Auch Hodels Ex-Partner liess danach nicht los.
Nach der Trennung fand ihr Ex-Partner schnell ihre neue Adresse heraus. Er schrieb ihr Briefe und stalkte sie.
An ihrer Wohnung gab es Einbruchsspuren, ihr Auto wurde verkratzt.
Ex-Partner passt ihr nach Trennung beim Joggen ab – und droht
Bei der letzten gemeinsamen Begegnung nach der Trennung passte er ihr bei einer Joggingrunde ab.
Dabei sagte ihr einen Satz, der sie bis heute schaudern lässt: «Eines Tages werde ich wieder dastehen und dann werde ich das beenden, was ich angefangen habe.» Eine klare Morddrohung.
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Von da an dauerte es Jahre, bis Dominique Hodel sich wieder traute, Sport zu treiben.
Abends ging sie kaum noch aus dem Haus. Sie hatte Angst, die Post zu holen. Und sie besorgte sich eine eigene Waschmaschine, weil sie nicht mehr in die Waschküche traute.
Diese Angst begleitete sie jahrelang. Geholfen haben ihr die psychologische Aufarbeitung und Therapie.
«Nächste Generation soll weniger leiden»
Ebenso wichtig war der Austausch mit anderen Betroffenen beim Verein «Sisters Domestic Violence and Abuse». Dabei handelt es sich um einen Safe Space für Betroffene von Partnergewalt.
Seit 2023 ist sie Präsidentin des Vereins. Aus der Zusammenarbeit mit der Vereinsgründerin Anne-Lea Portmann ist auch die Idee für ein Mahnmal in der Bundesstadt entstanden.
Gerade auch dass sie als Politikerin etwas verändern kann, gibt ihr Kraft. «Nur wenn wir uns engagieren, können wir dafür sorgen, dass die nächste Generation weniger unter geschlechterspezifischer Gewalt leidet.»
Trotz der widrigen Umstände: Inzwischen hat sie sich Dominique Hodel Schritt für Schritt ihre Freiheit zurück erkämpft. Die Angst vor ihrem Ex-Partner bestimmt ihren Alltag nicht mehr. «Mein Umfeld gibt mir heute Sicherheit.»
Brauchst du Hilfe?
Bist du von Gewalt betroffen oder hast du Gewalt erlebt?
Unterstützung findest du anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter der Opferhilfe-Nummer 142.
Bei der Opferhilfe Schweiz erhältst du du kostenlose und vertrauliche Beratung sowie Informationen zu deinen Rechten und möglichen nächsten Schritten:
--> https://www.opferhilfe-schweiz.ch
Wenn du kurzfristig Schutz brauchst, kannst du dich an ein Frauenhaus in deiner Region wenden. Eine Übersicht der Frauenhäuser in der Schweiz findest du hier:
--> https://www.frauenhaeuser.ch
Mehr Infos zum Thema findest du bei der Präventionskampagne des Bundes:















