FDP-Fraktionschef Nik Eugster: «Bern braucht mehr Mut und Ehrgeiz»
Der FDP-Fraktionschef Nik Eugster verrät im BärnerBär-Politik-Fragebogen, was laut ihm das grösste Tabu in Berns Stadtpolitik ist.

Der Stadtrat müsse zur Realität zurückfinden, meint FDP-Fraktionschef Nik Eugster. Im BärnerBär-Politik-Fragebogen erklärt er auch, was er für das grösste Tabu in Berns Stadtpolitik hält.
BärnerBär: Was haben Sie sich für 2026 persönlich vorgenommen?
Nik Eugster: Ich will mir mehr Raum für die wichtigen Momente im Leben nehmen. Gleichzeitig bedeutet das politisch, Prioritäten zu setzen und dort anzupacken, wo Wirkung entsteht.
BärnerBär: Welche politische Überzeugung haben Sie im Lauf der Jahre revidiert?
Eugster: Gerade, weil ich die Bildungslandschaft aus eigener Erfahrung kenne, habe ich meine Meinung zu integrativen Schulmodellen geändert. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht: In der aktuellen Form verlieren sowohl Kinder mit besonderem Förderbedarf als auch jene mit grossem Potenzial. Das System überfordert zudem Lehrpersonen und Eltern gleichermassen. Hier braucht es einen Kurswechsel.
BärnerBär: Was muss Bern 2026 endlich besser machen?
Eugster: Bern braucht mehr Mut und Ehrgeiz. Wir müssen verkehrspolitisch wieder grösser denken und nicht einfach nur den Bund kritisieren. Architektonisch müssen wir mutiger werden, statt primär zu verhindern.
Zudem sollten wir unsere hohe Lebensqualität auch mit attraktiven Rahmenbedingungen für grössere Arbeitgeber verbinden.
BärnerBär: Welche Entscheidung des Gemeinderats hätten Sie ganz anders gefällt?
Eugster: Beim Wohnungsmarkt hätte ich andere Prioritäten gesetzt. Bevor die Stadt weitere Liegenschaften kauft, sollte sie endlich sicherstellen, dass subventionierte Wohnungen korrekt vergeben sind.
Gleichzeitig braucht es mehr Neubau und weniger Auflagen, weil nur zusätzliche Wohnungen langfristig Druck vom Markt nehmen.
BärnerBär: Welche Stadtratsdebatte wurde 2025 völlig überbewertet?
Eugster: Nach der Debatte zur Überwindung des Kapitalismus im Wahljahr 2024 hätte man hoffen können, dass der Stadtrat 2025 wieder stärker zur Realität zurückfindet.
Leider gab es auch im vergangenen Jahr zahlreiche Diskussionen, die wenig mit den tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten der Stadt zu tun hatten. Symbolpolitik blieb ein zu grosses Thema.
BärnerBär: Welche Abstimmung ist Ihnen dieses Jahr am wichtigsten?
Eugster: Wir werden womöglich über die Finanzierung des Neubaus für das Kunstmuseum Bern abstimmen müssen. Der Kanton beteiligt sich nur in der Höhe einer ohnehin nötigen Renovation, die Mehrkosten werden privat getragen. Für die Stadt ist das eine einmalige Chance, die man nicht verstreichen lassen sollte.

Und auf nationaler Ebene liegt mir vor allem am Herzen, dass die Individualbesteuerung endlich umgesetzt und die SRG nicht geschwächt wird. Die direkte Demokratie braucht starke und unabhängige Medien.
BärnerBär: Mit wem müssen Sie sich 2026 im Rathaus dringend unterhalten?
Eugster: Ich will 2026 gezielt den Austausch mit jenen Kräften suchen, die kompromissfähig sind und über Parteigrenzen hinaus denken.
In der SP gibt es davon einige, das hat man zum Beispiel bei der Budgetdebatte oder dem Plakatierungsverbot gesehen. So bringen wir die Stadt weiter – nicht in ideologischen Nischen.
BärnerBär: Sagen Sie bitte kurz etwas zur neuen Stadtratspräsidentin Jelena Filipovic.
Eugster: Jelena Filipovic bringt viel Engagement und Persönlichkeit mit. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass sie ihre Rolle als Ratspräsidentin stärker als vermittelnde Instanz versteht und sich weniger inhaltlich positioniert. Gerade die Antrittsrede wurde von vielen im Rat unterschiedlich aufgenommen.

BärnerBär: Was würden Sie als Erstes tun, wenn Sie Stadtpräsident wären?
Eugster: Ich würde den Dialog mit Wirtschaft, Gastronomie und lokalem Detailhandel intensivieren. Sie sind eine tragende Säule des städtischen Wohlstands, sorgen für lebendige Quartiere und eine attraktive Innenstadt. Dafür verdienen sie mehr Gehör in der Stadtpolitik.
BärnerBär: Welchen Ihrer politischen Widersacher schätzen Sie besonders? Und warum?
Eugster: Ich schätze viele Kolleginnen und Kollegen, gerade auch aus anderen politischen Lagern. Gute Argumente können meine eigene Haltung hinterfragen oder sie im Gegenteil noch schärfen. Beides ist für eine funktionierende parlamentarische Arbeit wertvoll.
BärnerBär: Und wen gar nicht?
Eugster: Auch hier möchte ich keine Namen nennen. Aber es gibt leider auch Mitglieder im Stadtrat, welche nicht aus ihren dogmatischen Ecken herauskommen, andere Meinungen nicht akzeptieren und sogar angriffig werden, wenn man anderer Meinung ist.
Ein Tiefpunkt diesbezüglich war die Dampfzentrale-Debatte, in der üble Vorwürfe gemacht wurden, nur weil man die Situation kritisch hinterfragte.
BärnerBär: Über welche Partei nerven Sie sich am häufigsten?
Eugster: Anecken gehört insbesondere bei jungen oder stark profilierten Parteien dazu, damit kann ich gut umgehen.
Bei grossen Parteien wie dem Grünen Bündnis hingegen fehlt mir oft der konstruktive Ansatz. Das kostet unnötig Energie im politischen Prozess.
BärnerBär: Was machen Sie besser als alle anderen Parteien?
Eugster: Wir bleiben nahe an der Realität des politischen Alltags. Probleme werden nicht beschönigt, aber auch nicht ideologisch überhöht. Wir liefern umsetzbare Lösungen, statt Utopien nachzujagen.
BärnerBär: Was ist das grösste Tabu in der Berner Stadtpolitik?
Eugster: Die Aufblähung der Verwaltung ist eines der grössten Tabus der Berner Stadtpolitik, über das die politischen Gegner nur ungern sprechen.
Erst kürzlich haben wir nachgefragt und herausgefunden, dass die Berner Stadtverwaltung knapp 27 Vollzeitstellen für Kommunikation und Marketing beschäftigt. Das ist doch Wahnsinn.
BärnerBär: Was ärgert Sie am Politbetrieb Bern am meisten?
Eugster: Mich ärgert, dass Politik zunehmend für das eigene Wählerklientel gemacht wird. Subventionierte Wohnungen, immer neue Verwaltungsstellen oder Sonderlösungen bedienen oft einzelne Gruppen. So entsteht schleichend ein ungerechtes System, das sich selbst alimentiert.
BärnerBär: Wenn Bern ein Tier wäre: Welches wäre es und wie würden Sie seinen Charakter beschreiben?
Eugster: Bern wäre für mich eine Eule. Sie steht für Ruhe, Übersicht und geistige Präsenz – nicht verschlafen, sondern bewusst wach. Genau so erlebe ich den Charakter dieser Stadt.
Serie
Zum Jahresauftakt befragt der BärnerBär die Fraktionspräsidentinnen und Fraktionspräsidenten der grössten Berner Parteien zu deren Zielen und Wünschen 2026. Bereits erschienen sind die Interviews mit den Verantwortlichen der SVP, des GB, der Mitte sowie mit der GFL.
BärnerBär: Welche Schlagzeile möchten Sie dieses Jahr gerne über sich lesen?
Eugster: Weniger Ideologie, mehr Lösungen: FDP-Fraktionspräsident fordert und fördert Pragmatismus.
BärnerBär: Was ist Ihnen 2025 politisch gründlich misslungen?
Eugster: Es ist schade, dass es 2025 trotz guter Argumente nicht gelungen ist, in gewissen Debatten wirklich Gehör zu finden. Zu oft wurden sachliche Hinweise ideologisch überlagert.
Das zeigte sich etwa bei der Frage der Eingliederung der Kitas in die Stadtverwaltung, obwohl dadurch ein funktionierendes System aus dem Gleichgewicht gerät.
BärnerBär: Wenn Sie einen politischen Wunsch frei hätten: Welcher wäre das?
Eugster: Ich wünsche mir einen Gemeinderat, der die politische Realität der Stadt besser widerspiegelt. Ein Verhältnis von 2:3 würde für mehr Ausgleich sorgen. Davon würde die politische Kultur insgesamt profitieren.
BärnerBär: Wohin zieht es Sie dieses Jahr in die Ferien?
Eugster: Ich werde dieses Jahr nach Japan reisen, um einen guten Freund zu besuchen. Auf diese Reise freue ich mich besonders. Der kulturelle Kontrast eröffnet neue Perspektiven auf vieles, auch auf sich selbst.












