Béatrice Wertli (Mitte): «Bei Cannabis war ich früher liberaler»
Béatrice Wertli, Mitte-Fraktionschefin, spricht mit dem BärnerBär über ihre Krebserkrankung, persönliche Rückschläge und ihre Haltung zum Thema Cannabis.

Der BärnerBär fragt – Berns Fraktionschefs antworten. Heute spricht Mitte-Politikerin Béatrice Wertli über ihre Krebserkrankung, was ihr gründlich misslungen ist und wieso sie beim Thema Cannabis kritischer geworden ist.
BärnerBär: Was haben Sie sich für 2026 persönlich vorgenommen?
Béatrice Wertli: Mehr Gelassenheit im Alltag: Ich will den Moment bewusster schätzen, die kleinen Dinge geniessen. Und ich will mir die Dankbarkeit bewahren, weil das Leben manchmal zerbrechlicher ist, als wir denken.
BärnerBär: Welche politischen Ziele haben Sie sich gesetzt?
Wertli: Wir wollen als Mitte bei allen Wahlen zulegen – denn Bern braucht mehr Mitte. Bereits zugelegt haben wir im Stadtrat. Das wollen wir bei den Wahlen zum Grossen Rat und zum Nationalrat wiederholen.
Ich setze mich mit voller Kraft für faire Bedingungen für alle Kitas ein, ob privat oder staatlich. Ich kämpfe für eine sichere Stadt. Und ich arbeite für solide städtische Finanzen, damit Bern handlungsfähig bleibt.
BärnerBär: Welche politische Frage beschäftigt Sie auch abends zu Hause?
Wertli: Wie wir Bern finanziell stabilisieren, ohne Familien und Mittelstand mit Steuern und Gebühren übermässig zu belasten. Und wie wir genügend bezahlbaren Wohnraum schaffen, damit sich Familien Bern auch in Zukunft leisten können.
BärnerBär: Welche politische Überzeugung haben Sie im Lauf der Jahre revidiert?
Wertli: Beim Thema Cannabis war ich früher klar liberaler. Heute, mit mehr Erfahrung im Alltag von Jugendlichen und Familien, sehe ich die Risiken besser. Ich bin zurückhaltender geworden.
BärnerBär: Was war Ihr politisch mutigster Entscheid der letzten Jahre?
Wertli: Die Kandidatur für den Gemeinderat mitten in meiner Krebstherapie. Öffentlich zu sagen «Ich kämpfe weiter – für Bern und für meine Zukunft» brauchte Mut, war aber richtig. Und nun bin ich wieder vollständig gesund.
BärnerBär: Was funktioniert in Bern besonders gut?
Wertli: Unsere Lebensqualität: Viel Grün, Sport, Vereine, unsere Aare, kurze Wege – perfekt für Familien wie meine. Und im Alltag funktionieren Schule, ÖV und Verwaltung insgesamt zuverlässig. Einfach noch zu wenig effizient und zu wenig kundenorientiert.
BärnerBär: Was muss Bern 2026 endlich besser machen?
Wertli: Konsequenter durchgreifen bei illegalen und unbewilligten Demos. Grundrechte ja, Krawalle nein.
Und private Kitas dürfen gegenüber öffentlichen Kitas nicht weiter benachteiligt werden – denn sie machen einen super Job – die öffentlichen und die privaten!
BärnerBär: Welche Entscheidung des Gemeinderats hätten Sie ganz anders gefällt?
Wertli: Im Kita-Bereich setzt der Gemeinderat zu stark auf städtische Angebote und zu wenig auf faire Konkurrenz mit privaten Trägerschaften. Ich hätte viel klarer auf Wettbewerb, Effizienz und Wahlfreiheit für die Eltern gesetzt.

BärnerBär: Welche Stadtratsdebatte wurde 2025 völlig überbewertet?
Wertli: Alle Debatten, bei denen wir gar nichts entscheiden können. Etwa lange Grundsatzdiskussionen über internationale Politik. Spannend, aber für die Bernerinnen und Berner bringt es ausser Spesen rein gar nichts.
BärnerBär: Welche Abstimmung ist Ihnen dieses Jahr am wichtigsten?
Wertli: Die Vorlagen zu Finanzen und Budget, die darüber entscheiden, ob Bern seine Ausgaben in den Griff bekommt – oder ob wir weiter Richtung Steuererhöhung unterwegs sind.
BärnerBär: Mit wem müssen Sie sich 2026 im Rathaus dringend unterhalten?
Wertli: Mit der neuen Stadtratspräsidentin Jelena Filipovic. Darüber, wie wir den Rat zu einem Ort machen, wo wieder mehr echte Debatte und faire Kompromissbereitschaft stattfindet. Es braucht mehr Ohren und weniger Münder.
BärnerBär: Sagen Sie bitte kurz etwas zur neuen Stadtratspräsidentin Jelena Filipovic.
Wertli: Jelena beeindruckt durch grosses Engagement und Authentizität; sie lebt Politik sichtbar mit Herz und hohem persönlichem Einsatz. Sie erreicht viele junge und bisher wenig politisierte Menschen und arbeitet seriös und gründlich.

Politisch stehen wir nicht im gleichen Lager – umso mehr wünsche ich mir von ihr Offenheit für Anliegen aus der Mitte. Das Ratspräsidium ist eine ideale Brücke dafür.
BärnerBär: Was würden Sie als Erstes tun, wenn Sie Stadtpräsidentin wären?
Wertli: Ich würde Menschen ins Rathaus einladen, die noch nie dort waren, zuhören und ihre Anliegen sammeln – ein grosses Brainstorming für Bern.
Und ich würde ein gut funktionierendes «Cockpit» aufbauen, das mir zeigt, wie es der Stadt finanziell, sicherheitspolitisch und gesellschaftlich wirklich geht. Wir müssen raus aus dem Blindflug!
Info zur Serie
Zum Jahresauftakt befragt der BärnerBär die Fraktionspräsidentinnen und -präsidenten der grössten Berner Parteien zu deren Zielen und Wünschen 2026.
Bereits erschienen sind die Antworten der SVP und des Grünen Bündnisses (GB).
BärnerBär: Welchen Ihrer politischen Widersacher schätzen Sie besonders? Und warum?
Wertli: Ich schätze jene am meisten, die hart in der Sache, aber fair im Ton sind – mit denen man sich im Rat streiten und im Gang wieder lachen kann.
BärnerBär: Und wen gar nicht?
Wertli: Ich möchte bewusst niemanden nennen. Am Ende habe ich Respekt für alle, die ihre Freizeit einsetzen und unser Milizsystem tragen.
BärnerBär: In welchem Punkt ist Ihnen Ihr politischer Gegner einen Schritt voraus?
Wertli: In der Problembenennung: Die Linke ist oft schneller und lauter darin, Missstände sichtbar zu machen. Wir in der Mitte sind dafür stärker bei den konkreten Lösungen. Das dürfen wir selbstbewusster zeigen.
BärnerBär: Über welche Partei nerven Sie sich am häufigsten?
Wertli: Über Parteien, die im Wohlfühlmodus immer neue Ausgaben beschliessen, ohne die finanzielle Realität ernst zu nehmen, ja nicht einmal kennen. In Bern ist das oft die rot-grüne Mehrheit.
BärnerBär: Was machen Sie besser als alle anderen Parteien?
Wertli: Die Mitte ist stark darin, mehrheitsfähige Lösungen zu bauen, die auch langfristig tragfähig sind. Wir suchen konsequent den Ausgleich und die Lösung, statt reflexartig in ideologische Gräben zu fallen. Mit Ideologie wurde noch keine Strasse repariert und kein Schulhaus gebaut – und auch kein Konflikt gelöst.
BärnerBär: Was ist das grösste Tabu in der Berner Stadtpolitik?
Wertli: Offen zu sagen, dass wir ein Ausgabenproblem haben, nicht ein Einnahmeproblem. Dass wir nicht alles finanzieren können, was – manchmal auch bloss kleine Splittergruppen – als wünschbar anschauen, ohne die nächste Generation zu belasten. Steuergeld ist weder zur Selbstbedienung noch zum Bestreiten diverser Wunschkonzerte da.
BärnerBär: Was ärgert Sie am Politbetrieb Bern am meisten?
Wertli: Dass wir im Stadtrat immer wieder symbolische Debatten führen, obwohl wir gar nichts entscheiden können. Und gleichzeitig bei ganz konkreten Themen wie Sicherheit, Wohnen oder Kinderbetreuung der Mut zu klaren Prioritäten fehlt.
BärnerBär: Was müssen junge Menschen zwingend über Politik in Bern wissen?
Wertli: Politik ist kein geschlossener Club – jede und jeder kann mitmachen. Ob im Quartier, im Verein, in einer Bewegung oder in einer Partei: Bern lebt davon, dass ihr euch einmischt.
BärnerBär: Wenn Bern ein Tier wäre: Welches wäre es und wie würden Sie seinen Charakter beschreiben?
Wertli: Bern wäre für mich ein Otter: neugierig, verspielt und gleichzeitig erstaunlich effizient – elegant im Wasser und beweglich an Land. Er liebt saubere Gewässer, ist sozial, anpassungsfähig und zeigt, wie gut Lebensfreude und Cleverness zusammenpassen. Genau so wünsche ich mir unsere Stadt.
BärnerBär: Welche Schlagzeile möchten Sie dieses Jahr gerne über sich lesen?
Wertli: «Béatrice Wertli bringt Bewegung in die Berner Stadtpolitik – Die Mitte legt bei den Wahlen zu.»
BärnerBär: Was ist Ihnen 2025 politisch gründlich misslungen?
Wertli: Die Erhaltung des Mitte-Sitzes im Gemeinderat – trotz viel Einsatz und Rückenwind aus dem Stadtrat. Das tat weh, ist aber auch Ansporn, unser Profil weiter zu schärfen.
BärnerBär: Wenn Sie einen politischen Wunsch frei hätten: Welcher wäre das?
Wertli: Ein Bern mit soliden Finanzen, genügend Wohnraum, einer starken Wirtschaft und guten Chancen für Familien, Kinder und Jugendliche. Kurz: ein Bern der Zuversicht im Alltag, nicht nur auf Plakaten.
BärnerBär: Wohin zieht es Sie dieses Jahr in die Ferien?
Wertli: In die Berge und an die Wärme: zuerst Bewegung und frische Luft im Berner Oberland, dann Sonne, Meer und Zeit mit meiner Familie – weit weg von allen Traktandenlisten.












