Michael Ruefer (GFL): «Wir leben in Bern in einer Wohlfühloase»

Yves Schott
Yves Schott

Bern,

GFL-Fraktionschef Michael Ruefer verrät im BärnerBär-Politik-Fragebogen, welche Abstimmung ihn bewegt und was er als Stapi als Erstes umsetzen würde.

GFL Bern Michael Ruefer
Michael Ruefer ist Fraktionschef der GFL (Grüne Freie Liste). - zVg

Den BärnerBär-Politik-Fragebogen zum Jahresstart beantwortet heute GFL-Fraktionschef Michael Ruefer. Welche Abstimmung ihn besonders bewegt und was er als Stapi als Erstes tun würde.

BärnerBär: Was haben Sie sich für 2026 persönlich vorgenommen?

Michael Ruefer: Als Nächstes beschäftigen uns die Grossratswahlen, für die ich – zusammen mit vier Kolleginnen und Kollegen – als Spitzenkandidat antrete und im Wahlausschuss der Grünen Freien Liste mitwirke.

BärnerBär: Welche politischen Ziele haben Sie sich gesetzt?

Ruefer: Um den Blick etwas zu erweitern: Die weltpolitische Lage macht mir echt Sorgen. Die Welt ist ein Pulverfass geworden, in einer Fieberkurve gefangen, angeführt von ein paar Typen, denen regelmässig die Sicherung durchbrennt. Letzthin habe ich an mir bemerkt, wie mein Schlaf sich darob verschlechtert hat.

BärnerBär: Welche politische Überzeugung haben Sie im Lauf der Jahre revidiert?

Ruefer: Jene, dass Wachstum allein ein politisches Ziel sein soll. Man sollte einzelne übergeordnete Ziele einzeln nicht zu sehr vergötzen.

BärnerBär: Was war Ihr politisch mutigster Entscheid der letzten Jahre?

Ruefer: Ich habe mich in Verkehrsfragen, zum Beispiel beim Abbau von Parkplätzen oder dem autoarmen Bahnhofplatz, auch dann exponiert, wenn ich damit im eigenen Lager auf Widerstand gestossen bin.

BärnerBär: Was funktioniert in Bern besonders gut?

Ruefer: Ich finde, wir leben hier ein Stück weit im «Paradies» oder in einer «Wohlfühloase», wie auch Stadtratspräsidentin Jelena Filipovic findet. Es funktioniert vieles reibungslos; wir haben lebenswerte Quartiere, gute soziale und kulturelle Angebote, eine solide Infrastruktur, eine Bevölkerung, die sich engagiert, aber trotzdem nicht allzu gestresst ist.

BärnerBär: Was muss Bern 2026 endlich besser machen?

Ruefer: Manchmal wünsche ich mir, dass Verbesserungen an der Lebensqualität energischer passieren könnten. Ich appelliere ans «Verliebtsein ins Gelingen», wie Ernst Bloch einmal sagte. Mehr Gestalten statt Verwalten.

BärnerBär: Welche Entscheidung des Gemeinderats hätten Sie ganz anders gefällt?

Ruefer: Ich hätte in den vergangenen Jahren den Ausbau der Veloinfrastruktur, die Verkehrsberuhigungen und den autoarmen Bahnhofplatz energischer vorangetrieben. Es kann nicht sein, dass Gemeindepräsidenten aus der Region der Stadt die Verkehrspolitik vorschreiben.

BärnerBär: Welche Stadtratsdebatte wurde 2025 völlig überbewertet?

Ruefer: Die Debatte aus aktuellem Anlass zu den Ausschreitungen vom 11. Oktober. Der Stadtrat konnte absolut nichts entscheiden und dennoch war das mediale Interesse immens, bloss damit alle Fraktionen ihre sehr vorhersehbaren Positionen absondern konnten.

kantonspolizei bern palästina demo
Am 11. Oktober kam es in Bern zu massiven Ausschreitungen bei einer unbewilligten Palästina-Demo. - keystone

BärnerBär: Welche Abstimmung ist Ihnen dieses Jahr am wichtigsten?

Ruefer: Eine sehr wegweisende ist jene am 8. März – die Halbierungsinitiative. Bei einem Ja wird die SRG zerschlagen, Fake News werden sich noch ungehinderter verbreiten können, die regionale Berichterstattung über kurz oder lang verschwinden und nur noch darüber berichtet, was am meisten Aufsehen erregt.

BärnerBär: Mit wem müssen Sie sich 2026 im Rathaus dringend unterhalten?

Ruefer: Im Rat ist es gang und gäbe, sich mit allen unterschiedlichen Leuten zu unterhalten. Ich brauche dafür nicht das Jahr 2026.

BärnerBär: Sagen Sie bitte kurz etwas zur neuen Stadtratspräsidentin Jelena Filipovic.

Ruefer: Jelena ist eine meinen engen verkehrspolitischen Mitstreiterinnen. Ihr habe ich den Ausdruck «spicy» zu verdanken oder «Der gibt mir Vibes», was nicht unbedingt ein Kompliment ist. Unerschrocken, aber immer cool.

Jelena Filipovic
Die neue Stadtratspräsidentin Jelena Filipovic. - Jannic Reber

BärnerBär: Was würden Sie als Erstes tun, wenn Sie Stadtpräsident wären?

Ruefer: Das sind ja lustige Fragen! Ich würde als Toppriorität viel mehr Grünflächen anlegen, eine grüne «Banane» vom Nordring zum Bollwerk und über den Bahnhofplatz bis zum Forsthaus.

BärnerBär: Welchen Ihrer politischen Widersacher schätzen Sie besonders? Und warum?

Ruefer: Ich mag Leute, die über sich selbst lachen können, wie Chantal Perriard von der FDP, oder lebensfrohe, unkomplizierte Menschen wie Janosch Weyermann von der SVP. Mit ihnen kann man immer einen Moment der Heiterkeit verbringen. Und solche Verbindungen sind im politischen Geschäft Gold wert.

BärnerBär: Und wen gar nicht?

Ruefer: Der Sitzungssaal ist zum Glück gross, man kann sich gut aus dem Weg gehen.

BärnerBär: In welchem Punkt ist Ihnen Ihr politischer Gegner einen Schritt voraus?

Ruefer: Was gewissen bürgerlichen Kolleginnen und Kollegen an Mitteln zur Verfügung steht, spottet jeglicher Beschreibung. Man rechne: Ein Plakat eine Woche aufhängen kostet an einem guten Standort 700 Franken aufwärts.

BärnerBär: Über welche Partei nerven Sie sich am häufigsten?

Ruefer: Nicht unbedingt im Stadtrat, da sind sie ja eher überschaubar, aber sonst in der Schweizer Politik: klar die SVP. Immer wieder zündeln, Stimmung anheizen und Grenzen verschieben.

Aber die FDP, die bei diesem «Kasperlitheater» häufig mitmacht, steht auch nicht sehr hoch in meiner Gunst.

BärnerBär: Was machen Sie besser als alle anderen Parteien?

Ruefer: Wir leben das «Frei» in unserem Leben ganz gezielt. Wir bringen mal einen frischen Gedanken ein, weisen auch mal eine Planung zurück, wenn sie wie so oft «absolut alternativlos» ist.

Und was uns ganz besonders auszeichnet: Wir sind kantonal zwar Teil der Grünen, sind aber eigentlich eine richtiggehende «Ortspartei». Uns gibt es nur einmal.

BärnerBär: Was ärgert Sie am Politbetrieb Bern am meisten?

Ruefer: Mir scheint, dass die Verwaltung und der Gemeinderat doch eigentlich die Geschicke leiten. Es sind fast alle Projekte vorgepfadet und dann schnell einmal alternativlos.

Das Parlament diskutiert oft einfach über Finessen, das ist schade. Die parlamentarische Kontrolle fehlt dadurch bis zu einem gewissen Grad.

Info

Zum Jahresauftakt befragt der BärnerBär die Fraktionspräsidentinnen und -präsidenten der grössten Berner Parteien zu deren Zielen und Wünschen 2026.

Bereits erschienen sind die Antworten der SVP und des Grünen Bündnisses (GB) sowie der Partei Die Mitte.

BärnerBär: Wenn Bern ein Tier wäre: Welches wäre es und wie würden Sie seinen Charakter beschreiben?

Ruefer: Bern ist eindeutig eine Katze – mal flauschig, mal fauchig und immer eigensinnig.

BärnerBär: Was ist Ihnen 2025 politisch gründlich misslungen?

Ruefer: Die GFL hatte sich konstruktiv-kritisch zur neuen Überbauung von Burgergemeinde und Post im Weyermannshaus West geäussert, wo eine Super-Trendy-Siedlung entstehen soll, fast wie an der Europaallee.

Leider verhallten unsere mahnenden Worte weitgehend ungehört. Man wird sehen, ob wir Recht hatten mit gewissen Bedenken.

BärnerBär: Wenn Sie einen politischen Wunsch frei hätten: Welcher wäre das?

Ruefer: Ich würde viel schneller ganze Quartiere verkehrsberuhigen. Nicht alles verbieten, aber mehr Platz den Fussgängerinnen und Fussgängern, zum Spielen, Spazieren und sich den Raum aneignen.

Wird in Bern genug für die Verkehrsberuhigung der Quartiere getan?

Dass heute noch fast überall riesengrosse Autos teils deutlich zu schnell mitten durch Wohnquartiere jagen dürfen, ist einfach daneben.

BärnerBär: Wohin zieht es Sie dieses Jahr in die Ferien?

Ruefer: Ich plane «vorzue». Erstmal im Frühling nach Sardinien zum Wandern, meiner absoluten Lieblingsbewegungsform in meinem absoluten Lieblingsurlaubsland. Und zwischendurch immer mal ins Tessin, wo ich einen Rückzugsort habe.

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