Nationalrat: Wandert Berner oder Bernerin in Kanton Freiburg ab?
Der Kanton Bern verliert einen Nationalratssitz, für die Bisherigen wird es noch enger. Doch die Parteien sind zuversichtlich: Einige wollen sogar zulegen.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Kanton Bern verliert einen Nationalratssitz, Freiburg erhält einen mehr.
- Die Berner Parteispitzen geben sich aber sehr zuversichtlich.
- Stattdessen in Freiburg zu kandidieren – was möglich wäre – stösst auf Skepsis.
Für die Berner Kandidatinnen und Kandidaten für den Nationalrat wird es 2027 eng – sogar für die Bisherigen: Denn der Bundesrat hat nun definitiv festgelegt, dass dem Kanton Bern ein Sitz weniger zusteht.
Die kantonalen Anteile an der Gesamtbevölkerung haben sich verschoben. Bern und Graubünden dürfen je eine Person weniger in den Nationalrat schicken, Freiburg und Luzern je eine mehr.
Die Verteilung der nunmehr 23 Berner Sitze wird also gezwungenermassen zu einer Verschiebung der Parteistärken führen. Die Parteispitzen geben sich aber auf Anfrage noch eher zuversichtlich.
Mitte will sich behaupten
Man werde das noch in der Geschäftsleitung besprechen, sagt etwa André Roggli, Co-Präsident der Mitte-Partei. «Es ist sicher herausfordernd für alle Parteien, vor allem die kleineren», so Roggli. Also auch für Die Mitte Kanton Bern mit ihren zwei Nationalräten, Lorenz Hess und Reto Nause.

Das Ziel ist für Roggli klar: Man werde sich so positionieren, dass man diese zwei Sitze behalten könne. «Aufgrund des Wähleranteils der letzten Wahlen bin ich jedenfalls überzeugt, die zwei Sitze zu gewinnen.» Nach den Grossratswahlen im Frühling 2026 wisse man mehr, wie das Wählerpotenzial aussehe.
Grünliberale: Trotz Gegenwind auf Kurs
Auch die GLP will ihre bisherigen drei Sitze im Nationalrat verteidigen, betont Kantonalpräsident Casimir von Arx. «Wir sind zuversichtlich, dass wir uns auf einem guten Kurs befinden», sagt er auf Anfrage. «Dies sogar, obwohl uns die aktuelle politische Grosswetterlage dabei nicht hilft.»

Von Arx’ Zuversicht gründet in den Erfolgen seit den letzten Nationalratswahlen. So habe man in Gemeinden des Kantons Bern wichtige Mandate dazugewonnen: «Zum Beispiel den Gemeinderatssitz in der Stadt Bern und das Gemeindepräsidium von Münsingen.»
Für die Beurteilung der Chancen der anderen Parteien sei es indes noch zu früh, so von Arx. «Bis zu den nächsten Nationalratswahlen 2027 dauert es noch zwei Jahre.» Einen Punkt hebt der GLP-Kantonalpräsident aber hervor: «Bei den Wahlen 2023 ging der knappste Sitz an die Grünen.»
Grüne: Keine Buebetrickli
Dank dieses knappen Sitzgewinns kamen die Grünen Bern 2023 ebenfalls auf drei Sitze. Sollte Fraktionspräsidentin Aline Trede in den Regierungsrat gewählt werden, würde aber mindestens eine Bisherige auf der Wahlliste fehlen. Doch Kantonalpräsidentin Brigitte Hilty ist ebenfalls zuversichtlich.

«Wir haben bekannte und etablierte amtierende Nationalrät:innen mit einem soliden Leistungsausweis», so Hilty. «Wir werden die Liste mit unseren qualifizierten Menschen aus dem ganzen Kanton ergänzen.»
Im noch härter von der Bevölkerungsentwicklung getroffenen Kanton Graubünden kursieren derweil kreative Überlegungen. Der Bergkanton verliert 20 Prozent seiner Sitze, die Bünder Delegation schrumpft von fünf auf vier Personen. Nun könnte Magdalena Martullo-Blocher ja aber auch für die SVP Kanton Zürich Zugpferd spielen. Und so für etwas weniger (An-)Spannung bei den Bündner Wahlen sorgen.

Wie wäre es denn mit einer Berner Kandidatur im Nachbarkanton Freiburg? Dort steht ja ein Sitz mehr zur Verfügung. «Solche ‹Buebetrickli› entsprechen weder der Haltung noch der Strategie unserer Partei», wehrt Hilty ab.
Auch die Grünliberalen lehnen solche Gedankenspiele ab: Es sei sinnvoller, wenn die Freiburger und Luzerner Grünliberalen mit ihrem dortigen Personal anträten, findet Casimir von Arx.
Kein Zittern bei der SVP
Als perfekt Zweisprachiger könnte sich der SVP-Kantonalpräsident Manfred Bühler wohl gut als Freiburger ausgeben. Doch auch er wimmelt ab: «Die Kandidaturen der SVP Kanton Bern werden natürlich im Kanton Bern deponiert.»

Die SVP hat sieben Sitze zu verteidigen – aber Bühler nimmt es, wie es kommt. Man habe mit dieser neuen Situation gerechnet und sei in dem Sinne auch nicht überrascht. Im Fokus seien jetzt erst einmal die Gross- und Regierungsratswahlen. Die SVP setze sich mit Herzblut und Engagement ein, und darum «verlieren wir keine Energie mit Zittern».
Weniger ist mehr: Die SP will einen Sitz holen – die FDP auch
Bei der bernischen SP-Delegation im Nationalrat hat es gleich mehrere, denen man ein Zittern vor den nächsten Wahlen unterstellen könnte. Ursula Zybach rutschte «nur» rein, weil die SP einen zusätzlichen Sitz holte. Andrea Zryd profitierte «nur» von der Wahl von Flavia Wasserfallen in den Ständerat. Und Ueli Schmezer rutschte «nur» nach, weil Matthias Aebischer in den Berner Gemeinderat gewählt wurde.

Doch auch die SP strotzt vor Zuversicht – und wie: «Ich bin sehr zuversichtlich, dass es nicht die SP ist, die über die Klinge springen muss», sagt Zybach. «Wir haben letztes Mal einen Sitz geholt, von dem her ist unser Ziel, dass wir noch einen mehr holen.»
Sie drei – Zybach, Zryd und Schmezer – würden weiterhin eine gute Politik machen, sichtbar sein und sich profilieren. Man sei ja gewählt, um die Arbeit zu machen, die man im Wahlkampf versprochen habe, so Zybach: «Und dafür haben wir ja noch zwei Jahre Zeit.»

Die Kampfansage der SP wird allerdings sogleich gekontert von FDP-Präsidentin Sandra Hess. «Wir geben Vollgas für die Nationalratswahlen», stellt sie unmissverständlich klar. Letztes Mal sei der zweite FDP-Sitz nur knapp verloren gegangen. «Am Ziel, den zweiten Sitz zurückzuholen, ändert sich nichts.»