«Keine 10-Millionen-Schweiz»: Longchamp zu den Kampagnen-Strategien
Extrem früher Kampagnen-Start und digitaler Raum: Politologe Claude Longchamp sagt, worauf es jetzt bei der SVP-Initiative ankommt.
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Das Wichtigste in Kürze
- Die Kampagnen zur Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» starteten extrem früh.
- Das macht aus verschiedenen Gründen auch Sinn, sagt Politologe Claude Longchamp.
- Im Fokus stehen apolitische Bevölkerungsgruppen und Digital-Kampagnen.
Am 14. Juni 2026 befindet das Stimmvolk zwar auch noch über das Zivildienstgesetz. Doch dieses wird von der zweiten Vorlage in den Schatten gestellt: Die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» der SVP ist seit Wochen das dominierende Thema.
Bereits einige Tage vor dem letzten Abstimmungstermin Anfang März tauchten Plakate des Nein-Lagers auf – also ausgesprochen früh. Dass hier jemand zu viel Geld zur Verfügung habe, würde er mal ausschliessen, sagt Politologe Claude Longchamp. Also zu viel Angst vor einem Volks-Ja?

«Angst ist vielleicht ein etwas harter Begriff, aber man hat sehr viel Respekt vor dieser Abstimmung», so Longchamp. «Denn es ist die wichtigste Abstimmung dieser Legislatur.» Diesbezüglich seien sich Gegner und Befürworter völlig einig.
Erfolgshungrige SVP
Es sei eine Weichenstellung auf mehreren Ebenen: Für die Legislatur, in der Europafrage und für den Wahlerfolg der SVP.
Die SVP, so der Politologe, habe wohl analysiert: «Wir sind auf Kurs, aber wir wollen mehr.» Mit neuem Präsidenten, neuem Generalsekretariat und sehr erfolgreichen kantonalen Wahlen. «Aber sie haben noch eine Schwäche, denn sie haben noch keine Abstimmung aus ihrem eigenen Haus gewinnen können.»
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Deshalb habe man die Kommunikationsstrategie geändert, hin zu einem klaren Durchbruch im digitalen Raum. Dieser sei weniger kontrollierbar durch die eher SVP-skeptischen Medien, wirke mobilisierender und geeignet für Kampagnen in SVP-Art: «Bildhaft, emotional, direkt, auch polemisch – das kann man im digitalen Raum viel besser umsetzen.»
Vor- und Nachteile der «besten Digital-Kampagne»
Und dies mit Erfolg: «Es ist wohl ihre beste Digital-Kampagne, die sie je gemacht hat.» Dies mit allen Vor- und Nachteilen der digitalen Welt.
Als Nachteil nennt Longchamp die «Bubble-Bildung», die die extremen Stimmen lauter werden lässt. Dabei versuche man in einer Kampagne eher die breite Masse anzusprechen.

Aber insgesamt «Vorteil SVP», weil sie mit emotionalen, einfachen Argumenten arbeiten kann? Denn die Gegner scheinen sich zu verstricken in den komplexen Sachverhalten der Bilateralen, den Folgen für den Arbeitsmarkt und dergleichen.
«Die Gegner haben sich bisher relativ gut verhalten», erklärt Claude Longchamp. Sie zeigten die viel bessere Breite und hätten mit ihrem Frühstart den medialen Tenor ausserhalb der digitalen Medien bestimmt.
So kommt man aus der Patt-Situation
«Sie haben ein gutes Thema gefunden mit den Folgen für den Gesundheitsbereich. Es folgten weitere Themen wie die negativen Folgen für die Wirtschaft.» Dass die Breite gut abgesteckt sei, sieht Longchamp auch daran, dass es kaum Abweichler gebe. Solche bräuchte aber die SVP, um ein Volksmehr zu erreichen.

In Umfragen und Prognosen resultiert bislang praktisch immer eine Patt-Situation. Nun gebe es zwei Möglichkeiten, so Longchamp: Entweder, aus Sicht der SVP, Abweichler im gegnerischen Lager zu finden. «Zielgruppe wäre hier FDP und Mitte, das war bisher aber kaum der Fall.»
Wenn dies nicht gelinge, müsse man Unterschichten und apolitische Leute mobilisieren können. «Diese stimmen normalerweise nicht, hier würden sie aber an die Urne gehen, um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen.» Diese Strategie werde zwar verfolgt, es sei bisher aber nicht sichtbar, dass sie auch Wirkung zeige. Das könne aber auch in den letzten drei-vier Wochen passieren, deshalb sei bei Prognosen Vorsicht geboten.
Kampagnen-Frühstart macht Sinn
Umgekehrt habe die Ja-Seite bis jetzt die Nerven nicht verloren, sei ruhig geblieben. Im Sinne von: Wir haben den richtigen Weg eingeschlagen, haben die richtigen Lösungen. «Genau daran fehlt es auf der anderen Seite», bemängelt der Politologe.

Diese apolitischen Kreise, aber auch Digital-Strategien hätten Streuverluste. «Wenn man nicht zielgerichtet ist, mit dem fluiden Publikum einer Digital-Strategie, das immer wieder umgarnt werden muss: Dann braucht man auch mehr Zeit.»
Darum sei die Dauer der Kampagne ein wichtiger Punkt: «Das war einer der Gründe für den frühen Start.» Nun habe man eine Drei-Monate-Kampagne, während man üblicherweise mit sechs Wochen rechne. «Das wäre jetzt – jetzt hätte man überhaupt erst begonnen, wir sind aber schon mittendrin.»












