«Keine 10-Millionen-Schweiz»: Longchamp zu den Kampagnen-Strategien

    Matthias Bärlocher
    Matthias Bärlocher

    Bern,

    Extrem früher Kampagnen-Start und digitaler Raum: Politologe Claude Longchamp sagt, worauf es jetzt bei der SVP-Initiative ankommt.

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    Politologe Claude Longchamp zum Frühstart der Abstimmungskampagne zur Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz»: «Es ist die wichtigste Abstimmung dieser Legislatur.» - Nau.ch/Nico Leuthold

    Das Wichtigste in Kürze

    • Die Kampagnen zur Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» starteten extrem früh.
    • Das macht aus verschiedenen Gründen auch Sinn, sagt Politologe Claude Longchamp.
    • Im Fokus stehen apolitische Bevölkerungsgruppen und Digital-Kampagnen.

    Am 14. Juni 2026 befindet das Stimmvolk zwar auch noch über das Zivildienstgesetz. Doch dieses wird von der zweiten Vorlage in den Schatten gestellt: Die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» der SVP ist seit Wochen das dominierende Thema.

    Bereits einige Tage vor dem letzten Abstimmungstermin Anfang März tauchten Plakate des Nein-Lagers auf – also ausgesprochen früh. Dass hier jemand zu viel Geld zur Verfügung habe, würde er mal ausschliessen, sagt Politologe Claude Longchamp. Also zu viel Angst vor einem Volks-Ja?

    Chaos-Initiative Nein Plakat SGB
    Eine Anzeige des Gewerkschaftsbundes (SGB) für ein «Nein zur SVP-Chaos-Initiative am 14. Juni 2026» wird auf einem Bildschirm angezeigt, am 4. März 2026, im Hauptbahnhof in Bern. - keystone

    «Angst ist vielleicht ein etwas harter Begriff, aber man hat sehr viel Respekt vor dieser Abstimmung», so Longchamp. «Denn es ist die wichtigste Abstimmung dieser Legislatur.» Diesbezüglich seien sich Gegner und Befürworter völlig einig.

    Erfolgshungrige SVP

    Es sei eine Weichenstellung auf mehreren Ebenen: Für die Legislatur, in der Europafrage und für den Wahlerfolg der SVP.

    Die SVP, so der Politologe, habe wohl analysiert: «Wir sind auf Kurs, aber wir wollen mehr.» Mit neuem Präsidenten, neuem Generalsekretariat und sehr erfolgreichen kantonalen Wahlen. «Aber sie haben noch eine Schwäche, denn sie haben noch keine Abstimmung aus ihrem eigenen Haus gewinnen können.»

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    Fokus auf apolitische Leute und den digitalen Raum: Das braucht Zeit, analysiert Claude Longchamp. - Nau.ch/Nico Leuthold

    Deshalb habe man die Kommunikationsstrategie geändert, hin zu einem klaren Durchbruch im digitalen Raum. Dieser sei weniger kontrollierbar durch die eher SVP-skeptischen Medien, wirke mobilisierender und geeignet für Kampagnen in SVP-Art: «Bildhaft, emotional, direkt, auch polemisch – das kann man im digitalen Raum viel besser umsetzen.»

    Vor- und Nachteile der «besten Digital-Kampagne»

    Und dies mit Erfolg: «Es ist wohl ihre beste Digital-Kampagne, die sie je gemacht hat.» Dies mit allen Vor- und Nachteilen der digitalen Welt.

    Als Nachteil nennt Longchamp die «Bubble-Bildung», die die extremen Stimmen lauter werden lässt. Dabei versuche man in einer Kampagne eher die breite Masse anzusprechen.

    Keine 10-Millionen-Schweiz Digital-Kampagne
    Das Instagram-Profil der Kampagne für ein Ja zur Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz». - Screenshot Instagram

    Aber insgesamt «Vorteil SVP», weil sie mit emotionalen, einfachen Argumenten arbeiten kann? Denn die Gegner scheinen sich zu verstricken in den komplexen Sachverhalten der Bilateralen, den Folgen für den Arbeitsmarkt und dergleichen.

    «Die Gegner haben sich bisher relativ gut verhalten», erklärt Claude Longchamp. Sie zeigten die viel bessere Breite und hätten mit ihrem Frühstart den medialen Tenor ausserhalb der digitalen Medien bestimmt.

    So kommt man aus der Patt-Situation

    «Sie haben ein gutes Thema gefunden mit den Folgen für den Gesundheitsbereich. Es folgten weitere Themen wie die negativen Folgen für die Wirtschaft.» Dass die Breite gut abgesteckt sei, sieht Longchamp auch daran, dass es kaum Abweichler gebe. Solche bräuchte aber die SVP, um ein Volksmehr zu erreichen.

    SVP Ja-Kampagne Nachhaltigkeits-Initiative
    Die SVP lancierte ihre Ja-Kampagne am 24. März 2026. - keystone

    In Umfragen und Prognosen resultiert bislang praktisch immer eine Patt-Situation. Nun gebe es zwei Möglichkeiten, so Longchamp: Entweder, aus Sicht der SVP, Abweichler im gegnerischen Lager zu finden. «Zielgruppe wäre hier FDP und Mitte, das war bisher aber kaum der Fall.»

    Wenn dies nicht gelinge, müsse man Unterschichten und apolitische Leute mobilisieren können. «Diese stimmen normalerweise nicht, hier würden sie aber an die Urne gehen, um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen.» Diese Strategie werde zwar verfolgt, es sei bisher aber nicht sichtbar, dass sie auch Wirkung zeige. Das könne aber auch in den letzten drei-vier Wochen passieren, deshalb sei bei Prognosen Vorsicht geboten.

    Kampagnen-Frühstart macht Sinn

    Umgekehrt habe die Ja-Seite bis jetzt die Nerven nicht verloren, sei ruhig geblieben. Im Sinne von: Wir haben den richtigen Weg eingeschlagen, haben die richtigen Lösungen. «Genau daran fehlt es auf der anderen Seite», bemängelt der Politologe.

    Chaos-Initiative Nein Pflegepersonal
    Die Gegner der Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» setzen unter anderem auf das Thema Gesundheitsberufe. - keystone

    Diese apolitischen Kreise, aber auch Digital-Strategien hätten Streuverluste. «Wenn man nicht zielgerichtet ist, mit dem fluiden Publikum einer Digital-Strategie, das immer wieder umgarnt werden muss: Dann braucht man auch mehr Zeit.»

    Darum sei die Dauer der Kampagne ein wichtiger Punkt: «Das war einer der Gründe für den frühen Start.» Nun habe man eine Drei-Monate-Kampagne, während man üblicherweise mit sechs Wochen rechne. «Das wäre jetzt – jetzt hätte man überhaupt erst begonnen, wir sind aber schon mittendrin.»

    Kommentare

    Die Zeit der Linken ist vorbei

    War Longchamp beim Interview nüchtern🤔

    User #4975 (nicht angemeldet)

    Was hat die SVP eigentlich gegen unsere erfolgreiche Wirtschaft? Kürzere Spiesse für unsere Exportfirmen? NEIN danke zur Wirtschaftsschädigung durch Regulierung: Verlust oder Einschränkung der Bilateralen I mit der EU würde grosse Probleme für Marktzugang, Zulieferketten und grenzüberschreitende Dienstleistungen erzeugen; Tech‑Firmen mit EU‑Beziehungen (Cloud‑Angebote, Datenflüsse, E‑Commerce) stünden vor Problemen, was zu Abwanderung in’s Ausland führt.

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