Meret Schneider: Flucht in Bubbles? Mach etwas gegen die Einsamkeit!
Man könne auch 2026 nicht die Welt verändern. Doch zumindest die Welt eines anderen Lebewesens. Wie das geht, schreibt Meret Schneider in der Kolumne.

Das Wichtigste in Kürze
- Nationalrätin Meret Schneider schreibt auf Nau.ch regelmässig Kolumnen.
- Heute schreibt sie über Fitness, Cleanness und die Weltenlage.
Das neue Jahr hat begonnen. Und wie so oft feiern Fitnessstudios, Smoothiemaker und On-Schuhe (warum eigentlich?) Hochkonjunktur.
Die Vorsätze, die man am Silvester unter Einfluss von Bowle-Früchten und angeheiterten Freunden zum Besten gegeben hat, zollen ihren Tribut.
Ein Marathon läuft sich genauso wenig von allein, wie ein Sixpack ohne eigenes Zutun entsteht. Und auch das gesunde Darmmikrobiom braucht seine Pflege.
Kontrolle und Selbstwirksamkeit
Wie so oft werden die meist gefassten Vorsätze gerankt. Auch 2026 finden sich unter den Top-Vorsätzen «Mehr Sport treiben», «Gewicht verändern» und «Ernährung verändern durch weniger Zucker essen».
Gemeinsam ist ihnen ein Grundbedürfnis: Das Bedürfnis nach Kontrolle und Selbstwirksamkeit.
Wir sehnen uns nach Selbstwirksamkeit und Kontrolle. In einer Zeit, in der die Welt um uns herum aus den Fugen zu geraten scheint, keine Sicherheit mehr als solche garantiert ist – und in der alles möglich zu sein scheint (aber nicht im positiven Sinne).
Und in der wir die Auswirkungen globaler Entwicklungen auf unser ganz persönliches Leben nicht beeinflussen können,
Preise steigen, Zölle werden verhängt und aufgehoben. Sparmassnahmen werden angedroht und Arbeitsplätze werden outgesourct.
Flucht in Bubbles
Gefühlt kann man sich auf nichts mehr verlassen. Das eigene Zutun scheint je länger je weniger Auswirkungen auf den Lauf der Dinge zu haben.
Eine verständliche Reaktion darauf ist der radikale Nachrichten-Eskapismus oder die Flucht in Filterbubbles, in denen wir nur lesen, was wir ohnehin schon denken.
Eine andere ist der Versuch, zu kontrollieren, was wir glauben, kontrollieren zu können.
Den eigenen Körper, das Nächste und Unmittelbarste, das wir zu verändern versuchen. Und an dem wir Selbstwirksamkeit zu erleben trachten, weil wir hoffen, dass sich hier unsere Arbeit direkt auszahlen wird.
Fokus auf Adoniskörper
Wer Krafttraining betreibt, wird irgendwann Muskeln oder Kraftzuwachs sehen. Und wer mehr oder weniger zu sich nimmt, wird irgendwann entsprechende Veränderungen feststellen, wenngleich selbstverständlich Körper unterschiedlich auf Inputs reagieren.

Ich interpretiere den zunehmenden Körperkult auf Social Media und anderswo nicht nur, sondern auch als eine Reaktion auf die gefühlte Unkontrollierbarkeit der Lebenswelt.
Und ich verstehe den Fokus auf die Erreichung eines Adoniskörpers oder immer abstruserer sportlicher Leistungen intuitiv sehr gut.
Wohl bietet diese Flucht in solche Ziele, die richtig «zu erarbeiten» sind, ein Gefühl der Selbstwirksamkeit. Und die Gewissheit, etwas durch eigene Kraft erreichen zu können.
Im direkten Umfeld etwas verändern
Was sie jedoch nicht bieten kann, ist die Antwort auf ein weiteres kollektives Gefühl in Anbetracht der Weltlage: Jenes der Vereinzelung und der Einsamkeit.

Eine Antwort darauf habe ich in der positiven Horizontverengung gefunden. Der konsequente Fokus auf den Rahmen, in dem ich etwas verändern kann: Die Gemeinde, mein direktes Umfeld, die Lebewesen, die mich umgeben.
Wohl verändere ich damit nicht die Welt. Doch zumindest die Welt eines anderen Lebewesens.
Diese Gewissheit hinterlässt das warme Gegengefühl zur Einsamkeit. Jenes der Gemeinschaft und des Wissens: Ich kann etwas verändern. Für mich – und erstaunlich viele Lebewesen um mich herum.
Zur Person
Meret Schneider (33) ist Mitglied des Schweizer Nationalrats. Sie arbeitet als Projektleiterin beim Kampagnenforum. Weiter ist sie Vorstandsmitglied der Grünen Partei Uster ZH.








