Marko Kovic: Jens Spahn – Warum Leihmutterschaft problematisch ist

Marko Kovic
Marko Kovic

Flawil,

«Die liberale Sicht ignoriert das Risiko der Ausbeutung von Leihmüttern», findet Kolumnist Marko Kovic zur Affäre rund um Unionsfraktionschef Jens Spahn.

Jens Spahn
Unionsfraktionschef Jens Spahn musste wegen der Leihmutter-Affäre zurücktreten. Das sorgt für Diskussionen. - Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Der bekannte Sozialwissenschaftler Marko Kovic schreibt regelmässig Kolumnen auf Nau.ch.
  • Heute schreibt Kovic über die Leihmutter-Affäre von Unionsfraktionschef Jens Spahn.

Der deutsche CDU-Politiker Jens Spahn wird als grosser Heuchler in die Geschichte eingehen. Der konservative Spahn war politisch stets gegen die Legalisierung von Leihmutterschaft in Deutschland. Aber ausgerechnet Spahn ist mit seinem Ehemann in die USA gereist und hat sich dort ein Baby per Leihmutterschaft gekauft.

Ein besseres Sinnbild für die moralische Verdorbenheit der Politikelite, über die viele Menschen klagen – die Mächtigen glauben in Wahrheit an nichts und kümmern sich nur um ihren eigenen Nutzen – kann man sich fast nicht ausdenken.

Aber wie steht es um Leihmutterschaft an sich? Leihmutterschaft bedeutet, dass eine Frau ein Kind austrägt und gebärt, um das Kind sofort an die Person oder Personen, die das Kind in Auftrag gegeben haben, abzugeben.

Typischerweise verwendet die Leihmutter nicht ihre eigene Eizelle, sodass sie biologisch nicht mit dem Kind verwandt ist. Leihmutterschaft kann ohne oder mit Bezahlung stattfinden. Im Fokus der Kontroverse ist die bezahlte Leihmutterschaft, der sich auch Jens Spahn bedient hat.

Findest du den Rücktritt von Jens Spahn richtig?

Genaue Zahlen gibt es nicht, aber Leihmutterschaft ist heute eine internationale Industrie, mit der Dutzende Milliarden Dollar umgesetzt werden. Es ist unbekannt, wie viele Fälle von Leihmutterschaft es jedes Jahr weltweit gibt.

In den USA, dem einzigen Land mit zuverlässigen Zahlen, kamen 2022 rund 10’000 Kinder über Leihmutterschaft zur Welt. Auch andere Länder sind Hotspots für Leihmutterschaft, aber die Landschaft veränderte sich in den letzten rund zehn Jahren stark.

Indien, Thailand und Nepal waren über Jahre Drehscheiben für Leihmutterschaft-Tourismus, aber nachdem diese Länder Verbote für internationale Leihmutterschaft erliessen, gewannen Kambodscha und Laos an Bedeutung. Auch europäische Länder wie die Ukraine, Tschechien und Albanien gehören heute zu internationalen Top-Destinationen für kommerzielle Leihmutterschaft.

In manchen Ländern ist kommerzielle Leihmutterschaft erlaubt, in manchen verboten, und in wiederum anderen unreguliert. Wie ist Leihmutterschaft in moralischer Hinsicht zu bewerten? Das ist gar nicht so einfach zu bestimmen.

Argumente für Leihmutterschaft

Das zentrale Argument, das ins Feld geführt wird, um die kommerzielle Leihmutterschaft zu verteidigen, ist ein liberales Argument. Erwachsene Menschen dürfen über ihre reproduktiven Aktivitäten verfügen, wie sie möchten. Wenn mündige Menschen sich freiwillig entscheiden, gegen Bezahlung ein Kind auszutragen und wenn das Kindeswohl nicht offenkundig bedroht ist, spricht aus liberaler Sicht nichts gegen ein solches Arrangement.

Die Krux an diesem Argument ist aber die Prämisse, dass alle Beteiligten wirklich frei und ohne Druck an der Leihmutterschaft teilnehmen. Das ist bei den Frauen, die die Kinder austragen, oft nicht der Fall. Mehr dazu unten im Abschnitt zu Gegenargumenten.

Kovic
Marko Kovic schreibt regelmässig Kolumnen auf Nau.ch. - zVg

Das tatsächlich stärkste Argument für Leihmutterschaft ist ein utilitaristisches. Durch Leihmutterschaft entstehen Menschen, die es ceteris paribus ohne Leihmutterschaft nicht gäbe. Unter der Annahme, dass die so entstandenen Menschen insgesamt lebenswerte Leben leben, ist das eine grundsätzlich positive Veränderung der Welt. Die Annahme, dass Kinder aus Leihmutterschaften gut leben werden, ist plausibel, weil Leihmutterschaften viel Geld kosten.

Wer sich eine Leihmutterschaft leisten kann, verfügt sehr wahrscheinlich auch über die finanziellen Mittel, um dem zukünftigen Kind ein materiell gutes Leben bieten zu können. Und wer sich allgemein die Mühe macht, über diesen aufwendigen Weg ein Kind zu bekommen, will dem Kind sehr wahrscheinlich Liebe und Zuneigung schenken. Eine solche Konstellation ist darum grundsätzlich wünschenswert.

Argumente gegen Leihmutterschaft

Leihmutterschaft wird häufig kritisiert, weil das eine Form von Menschenhandel sei. Das scheint auf den ersten Blick plausibel: Wenn man gegen Bezahlung ein Kind kauft, ist das eine Form von Handel. Der Vergleich hinkt aber, weil Menschenhandel bedeutet, dass Menschen explizit zum Zwecke der Ausbeutung missbraucht werden.

Zwangsprostitution ist eine Form von Menschenhandel, weil die betroffenen Menschen ausgebeutet werden und ihnen damit grosser Schaden zugefügt wird. Ein Paar, das sich über Leihmutterschaft ein Kind kauft, beutet das Kind nicht aus und schadet ihm nicht, sondern will dem Kind im Gegenteil ein schönes Leben bescheren. Hinzu kommt, dass die Leihmutter keine biologische Verbindung mit dem Kind hat, die Wunscheltern in der Regel aber schon.

Ein weiterer Grund, warum das Menschenhandel-Argument nicht funktioniert, ist die oben bei den Pro-Argumenten genannte utilitaristische Sicht. Diese lässt sich anhand eines Vergleichs mit Adoption veranschaulichen. Zwischen Adoption und Leihmutterschaft gibt es keinen kategorischen Unterschied. Wenn eine Frau ein Kind zur Adoption freigibt, verdient sie im Vergleich zur Leihmutterschaft zwar nichts. Doch dieser Aspekt ist moralisch nicht ausschlaggebend.

Denn in beiden Szenarien erfüllen sich Menschen einen Kindeswunsch und bieten dem betroffenen Kind ein gutes Leben. Wenn Kind A und Kind B gleich wohlbehütet in je einer Familie leben, ist der moralische Status von Kind A nicht schlechter, nur weil es von einer Leihmutter gegen Bezahlung ausgetragen wurde. In dieser konsequentialistischen Lesart ist Leihmutterschaft sogar besser als Adoption, weil mit der Leihmutterschaft garantiert ist, dass das zukünftige Kind eine Familie erhält. Bei Adoption kann es sein, dass das Kind nie adoptiert wird.

Das stärkste Argument gegen Leihmutterschaft ist ein anderes. Oben bei den Pro-Argumenten habe ich das liberale Argument beschrieben: Erwachsene Menschen dürfen reproduktiv grundsätzlich frei entscheiden, was sie wollen. Das ist in der Theorie richtig, aber die Realität ist eine andere.

Schwangere Frau
Leihmutterschaft wird häufig kritisiert, weil das eine Form von Menschenhandel sei. - keystone

Frauen, die als Leihmütter arbeiten, tun dies oft aus unmittelbarer materieller Not oder allgemeiner wirtschaftlicher Prekarität heraus. Wenn vulnerable Frauen den Job als Leihmutter ausüben, weil sie ökonomisch keine anderen Optionen haben, ist das keine völlig freie Entscheidung für einen bestimmten Beruf, sondern eine Form wirtschaftlicher Ausbeutung.

Weil die Leihmutterschaft-Industrie so intransparent ist, ist nicht präzise klar, was die Motive der Leihmütter sind. Verfechter argumentieren, dass Leihmütter in erster Linie altruistisch motiviert sind und dieser Arbeit nachgehen, weil sie anderen Menschen eine Freude bereiten wollen. Dafür gibt es tatsächlich Hinweise. In einer Studie aus den USA wurden 231 amerikanische Leihmütter befragt.

Drei Viertel der Leihmütter in der Studie waren verheiratet, und über 90% hatten selbst Kinder. Fast die Hälfte hatte studiert, über 85% hatten einen Job, und sie hatten ein überdurchschnittlich hohes Einkommen. Rund 90% gaben an, in erster Linie aus altruistischen Gründen Leihmutter zu sein. Nur 10% sagten, ökonomische Gründe seien ausschlaggebend.

Doch die Studie hat einen Haken. Die Stichprobe ist nicht repräsentativ. Sie besteht ausschliesslich aus Leihmüttern, die freiwillig an der Befragung teilnahmen. Diese Selbstselektion dürfte die Stichprobe verzerrt haben, weil eher Frauen, die als Leihmütter glücklich sind, mitgemacht haben.

Darüber hinaus gibt es Anzeichen, dass die Situation in ärmeren Ländern deutlich problematischer ist. Frauen in ärmeren Ländern arbeiten häufig als Leihmütter, weil sie wenig bis keine anderen Möglichkeiten für ein Einkommen haben. Ihr tiefer sozioökonomischer Status bedeutet zudem, dass sie den kommerziellen Agenturen, die die Leihmutterschaften organisieren, relativ hilflos ausgesetzt sind.

Leihmutterschaft ist ein moralisches Risiko

Es gibt Leihmutterschaften, die nach dem liberalen Ideal ablaufen: Alle Beteiligten begegnen sich auf Augenhöhe und schliessen völlig frei eine kommerzielle Vereinbarung für das Austragen eines Kindes. Viele, vielleicht die meisten Leihmutterschaften finden aber asymmetrisch statt. Die Leihmütter sitzen oft am kürzeren Hebel, weil sie wirtschaftlich prekär leben und angesichts ihres tiefen sozioökonomischen Status vulnerabel sind.

Leihmutterschaft dürfte nur selten ganz direkte Ausbeutung durch Zwang sein. Oft aber dürfte Leihmutterschaft eine gezielte Ausnutzung ökonomischer Sorgen und Nöte sein. Das ist ein Problem. Eine Schwangerschaft ist für Frauen sehr belastend und kann sogar lebensgefährlich sein. Jeder Faktor, der eine Frau auch nur leicht zu einer Leihmutterschaft drängt, ist einer zu viel.

Wir wissen nicht wirklich, wie schlimm oder wie unbedenklich die Leihmutterschaft-Industrie tatsächlich ist. Und genau diese Intransparenz ist das Problem. Aus utilitaristischer Sicht ist Leihmutterschaft, wie ich oben argumentiere, grundsätzlich positiv. Aber weil es so viel Ungewissheit gibt, ist unklar, wie viel Schaden entsteht.

Es könnte sein, dass so viel Schaden entsteht, dass der Nutzen nicht mehr überwiegt. Wir können die Leihmutterschaft-Industrie aus einer Risiko-Sicht darum nicht als normalen Markt behandeln, sondern müssen den potenziellen Schaden minimieren.

Das bedeutet nicht, dass Leihmutterschaft verboten werden muss. Sie muss aber so streng reguliert werden, dass das Risiko von Ausbeutung der Leihmütter minimiert wird. Und dass Heuchler wie Jens Spahn nicht in einer Nacht- und Nebelaktion eine Leihmutterschaft kaufen können, ohne dass irgendeine Behörde oder Kontrollinstanz weiss, wie genau das vonstatten ging.

Zur Person:

Marko Kovic ist Gesellschaftskritiker. Er interessiert sich für gesellschaftlichen Wandel und die Frage, ob wir noch zu retten sind. Er lebt in Uzwil SG.

Kommentare

User #2443 (nicht angemeldet)

Seit «Woke» durch Trump und die SVP abgeschrieben wurde, regiert die Ignoranz: Schmierereien und Zerstörung prägen das Bild unserer heutigen Zeit. Müll wird liegen gelassen, die Umwelt missachtet, Frauen werden dominiert und Schwache – wie Behinderte, Kriegsopfer, Obdachlose oder Hungernde – bleiben ohne Unterstützung. An die Stelle von Empathie treten Respektlosigkeit, Belästigung, Gewalt, Hass und Hetze, die in diesen Kreisen sogar noch gefeiert werden.

User #4344 (nicht angemeldet)

Arnold Schwarzenegger und Danny DeVito haben im Film "Junior" aufgezeigt, dass auch eine Leih-Vaterschaft im Bereich des Möglichen ist. Schonmal darüber nachgedacht, Herr Spahn?

Weiterlesen

Marko Kovic
210 Interaktionen
«Nettigkeitsmaschine»
Marko Kovic
1'122 Interaktionen
Marko Kovic
kovic kolumne
2'300 Interaktionen
Marko Kovic
Mitsubishi
34 Interaktionen
Neue Sondermodelle

MEHR AUS WIL

FC Wil
4 Interaktionen
Aus Thun und Basel
4 Interaktionen
Oberbüren SG
Hüssy
253 Interaktionen
Wil
marcos kafiwerk
3 Interaktionen
Das ist der Grund