Marko Kovic: «10-Millionen-Initiative ist politische Homöopathie»

Marko Kovic
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Flawil,

Die Schweiz stimmt im Juni über die sogenannte Nachhaltigkeitsinitiative der SVP ab. Sie liefere keine Nachhaltigkeit, sagt Sozialwissenschaftler Marko Kovic.

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Marko Kovic schreibt regelmässig Kolumnen auf Nau.ch. - zVg

Das Wichtigste in Kürze

  • Der bekannte Sozialwissenschaftler Marko Kovic schreibt regelmässig Kolumnen auf Nau.ch.
  • Heute schreibt Kovic über die Nachhaltigkeitsinitiative der SVP.
  • Am 14. Juni 2026 stimmt das Schweizer Volk darüber ab.

Wenn die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» angenommen wird, darf die ständige Bevölkerung der Schweiz im Jahr 2050 maximal zehn Millionen Menschen betragen. Ab 2050 kann diese Zahl um den Geburtenüberschuss im Inland nach oben angepasst werden. Der Deckel für Einwanderung bleibt aber absolut.

Wenn die zehn Millionen erreicht sind, müssen sprichwörtliche Plätze frei werden (durch Auswanderer oder Todesfälle), wenn mehr Menschen einwandern wollen. Wenn die zehn Millionen vor 2050 erreicht werden, muss die Schweiz alle Migrationsabkommen mit der UNO und der EU kündigen, um weitere Einwanderung zu verhindern.

Die Bevölkerung der Schweiz ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen. 1960 lebten rund 5,3 Millionen Menschen in der Schweiz. Im Jahr 2000 waren es 7,2 Millionen Menschen. Und im Jahr 2025 bereits 9,1 Millionen Menschen. Angesichts sinkender Geburtenrate geht ein wachsender Teil des Bevölkerungswachstums auf Migration zurück.

«Keine 10-Millionen-Schweiz!»
Die eidgenössischen Räte empfehlen dem Stimmvolk ein Nein zur Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» der SVP. (Symbolbild) - keystone

Ist es wirklich so schlimm?

Der Name der Initiative, «Keine 10-Millionen-Schweiz!», fasst nicht nur den Inhalt der Initiative zusammen. Er fasst mit dem Ausrufezeichen auch die Gefühlslage der Initiative zusammen. Jetzt reicht’s! Die Schweiz wächst wie verrückt und die Ausländer machen alles schlecht. Was machen sie schlecht?

Das ist auf den ersten Blick gar nicht so klar. Wenn man die Argumente der Initiative liest, könnte man meinen, die Schweiz sei eine Art postapokalyptisches Trümmerfeld wie bei Mad Max. Das ist sie aber nicht.

Im Gegenteil: Die Schweiz ist ein Magnet für Migration, weil die Schweiz so erfolgreich ist.

Unterstützt du die Nachhaltigkeits-Initiative der SVP?

Die Schweiz bietet grosse berufliche Chancen in vielen verschiedenen Branchen. Sie bietet ausgezeichnete Infrastruktur und starke Bildung im dualen Bildungssystem. Sie bietet viel Kultur. Und sie bietet spektakulär schöne Natur.

Wenn Migranten alles kaputt machen würden, müsste die Nachfrage nach der Schweiz sinken. Aber die Nachfrage steigt und steigt.

Nehmen Migranten die Jobs der Schweizer weg? Nein

Wirtschaftlicher Wohlstand ist kein Nullsummenspiel. Wenn sich mehr Menschen an wirtschaftlicher Aktivität beteiligen, wächst die gesamte Wirtschaftsleistung. Einwanderung in die Schweiz und der Erfolg der Schweiz korrelieren klar.

Zudem: Die Arbeitslosigkeit ist bei Schweizern tiefer als bei Ausländern. Würden Migranten einfach Jobs wegnehmen, müsste die Arbeitslosigkeit bei Schweizern höher sein.

Das bedeutet aber nicht, dass Migration keine Probleme schafft. Das tut sie natürlich. Auf einer ganz grundsätzlichen Ebene ist klar, dass kein Land unendlich mehr Menschen haben kann.

Zuwanderung
Wieviel Zuwanderung verträgt die Schweiz? - keystone-sda

Fantasiebeispiel: Wenn dieses Jahr fünf Millionen Menschen in die Schweiz einwandern würden, würde die Schweiz als Staat kollabieren. So viele Menschen in so kurzer Zeit würden die Infrastruktur der Schweiz massiv überstrapazieren.

Wie sieht es mit weniger rasantem Bevölkerungswachstum wie den aktuellen rund 70’000 bis 100’000 Menschen pro Jahr aus? Das ist für die Schweiz auch ein sehr starkes Bevölkerungswachstum.

Wohnungsnot ein grosses Problem

Es wäre falsch, zu behaupten, dass das gar keine Probleme schafft. Eines davon nennt die SVP-Initiative durchaus korrekt: Wohnungsnot.

Die Wohnungsnot hat sich in der Schweiz im Zuge der Einwanderung der letzten zwei Jahrzehnte stark akzentuiert, besonders in den grossen Städten.

Eine hohe Nachfrage bei zu kleinem Angebot führt zu überrissenen Mietpreisen. Es gibt in der Schweiz theoretisch einen Renditedeckel, aber dieser wird ignoriert.

Leerkündigung Zürich Wohnungsnot
Das Anstehen für eine Wohnung ist in Zürich keine Seltenheit mehr. - keystone

Das internationale Personal internationaler Unternehmen wie Google kann sich die überrissenen Mieten im Unterschied zur lokalen Bevölkerung leisten. Das treibt die Preise in die Höhe.

Ähnlich sieht es mit vollen Strassen und vollen Zügen aus. Auch im Bereich des Verkehrs bedeuten mehr Menschen eben mehr Menschen auf der Strasse und im Zug.

Nur: Das Argument des «Dichtestress» gilt eigentlich schon immer.

Es war 1960 gültig, als die Schweiz 5,3 Millionen Menschen hatte. Es war 2000 gültig, als die Schweiz 7,2 Millionen Menschen hatte. Und es ist heute mit 9,1 Millionen Menschen gültig.

Easyride-Funktion
Überfüllte Züge. - keystone

Der Sprung von 5,3 auf 9,1 Millionen ist sehr gross. Aber die Schweiz funktioniert objektiv gesehen nach wie vor wunderbar und wahrscheinlich besser denn je. Warum? Ganz einfach: Weil Migration und Bevölkerungswachstum nicht bedeutet, dass Barbaren über die Schweiz hereinfallen und sie plündern.

Migration und Bevölkerungswachstum sind produktive Ressourcen: Humankapital, das den Wohlstand und die Lebensqualität für alle steigern kann. Migranten kommen nicht in die Schweiz und konsumieren limitierte Ressourcen. Migranten tragen dazu bei, dass die Menge an Ressourcen wächst.

Damit dieses Humankapital genutzt werden kann, muss es mit entsprechender Infrastruktur in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Der Wohnungsnot beispielsweise könnte man mit klügerer Wohnungspolitik begegnen. Dass das zu wenig stattfindet, ist ein politisches Versäumnis und kein Naturgesetz.

Die Mogelpackung der grünen Wiesen

Die 10-Millionen-Initiative wird auch als Umweltschutz-Initiative verkauft. Das ist bemerkenswert. Wenn es in der Schweiz eine Partei gibt, die sich normalerweise nicht besonders für Umweltschutz interessiert, dann die SVP.

Taktisch ist die Betonung von Umweltschutz aber schlau. So kann man Menschen ansprechen, die Migration und Bevölkerungswachstum an sich vielleicht nicht als Problem erachten.

Der Witz an der Sache ist, dass die SVP seit Jahren jene Politik macht, die sie in der Initiative kritisiert. Die SVP ist die Partei der Deregulierung des Bauens. Die Partei ist beispielsweise explizit gegen strenge Limiten für das Bauen ausserhalb bestehender Bauzonen.

Die SVP argumentiert mit der 10-Millionen-Initiative, dass Einwanderung die Natur bedroht und zu Zubetonierung führt. Gleichzeitig macht die SVP seit jeher Zubetonierungs-Politik zugunsten der Immobilien-Lobby. Mehr Manipulation geht fast nicht.

Wie sieht es mit dem Argument der Zubetonierung an sich aus? Bauen in der Schweiz bedeutet zwar nicht, dass Natur grossflächig zerstört wird, um Betonklötze hinzustellen.

Aber es ist unvermeidbar, dass Bautätigkeit dazu führt, dass Boden versiegelt wird. Wie schlimm das ist, ist eine Frage der subjektiven Abwägung. Zivilisation ist ohne umfassende Eingriffe in die Natur nicht möglich. Der Ausbau von Zivilisation geht in der Schweiz aber einher mit Umweltschutz.

Die Bevölkerung der Schweiz hat sich seit dem Jahr 1900 fast verdreifacht. Die Waldfläche nahm in dieser Zeit aber nicht ab. Sie nahm im Gegenteil um über 20 Prozent zu.

Auch in der jüngeren Vergangenheit. Zwischen 2015 und 2025, einer Phase der intensiven Einwanderung und der intensiven Bautätigkeit, wuchs die Waldfläche um rund 23’000 Hektar.

Das Gefühl der Überfremdung

Bei der 10-Millionen-Initiative geht es im Kern nicht um Wohnungsnot oder um grüne Wiesen. Es geht um das nagende Gefühl der Überfremdung.

Die SVP bedient die Sorge vieler Menschen, dass alles zu schnell geht und dass man sich im eigenen Zuhause nicht mehr richtig zu Hause fühlt.

Dass für die, die kommen, viel gemacht wird, während die, die schon hier und von hier sind, selbst schauen müssen, wie sie über die Runden kommen. Diese Sorgen sind nachvollziehbar.

EU-Asylreform Solidaritätsmechanismus Jans Asyl
Das Asylwesen in der Schweiz - Es gibt Probleme zu lösen. - keystone

Der rhetorische Fokus der Initiative ist darum das Asylwesen. Im Jahr 2025 sind rund 165’000 Menschen in die Schweiz eingewandert. Rund 20’000 davon waren neue Asylgesuche. Weitere rund 13’000 waren Gesuche für den Schutzstatus S von Menschen aus der Ukraine.

Die Tendenz ist abnehmend, aber das sind trotzdem viele Menschen.

Das Asylwesen ist rein objektiv betrachtet eine besondere Herausforderung. Zehntausende Menschen in der Schweiz sind in der Kategorie der «vorläufig Aufgenommenen».

Sie haben einen negativen Asylentscheid erhalten, können aber nicht unmittelbar ausgeschafft werden. Rund die Hälfte von ihnen findet eine Arbeitsstelle. Viele aber auch nicht. Sie befinden sich in einem Vakuum der Perspektivlosigkeit, was Fehlanreize für antisoziales Verhalten und Kriminalität schafft.

Auch die Situation vieler Menschen, die aus der Ukraine in die Schweiz geflüchtet sind, ist ähnlich. Anfang 2026 betrug die Erwerbstätigenquote nur rund 37 Prozent.

Die Sprachbarriere ist dafür ein wichtiger Faktor. Aber auch die ungewisse Situation: Menschen mit Schutzstatus S sollen idealerweise eine Arbeit finden, aber gleichzeitig bedeutet der Schutzstatus S, dass sie relativ schnell wieder zurück in die Ukraine geschickt werden könnten, wenn der Krieg endet.

Diese Ungewissheit ist nicht zuletzt für Arbeitgeber unattraktiv. Ich selbst würde auch keine Personen einstellen, von denen ich nicht weiss, ob sie nächsten Monat noch im Land sind.

Das Gefühl der Überfremdung kann ich auch in einem breiteren Kontext nachvollziehen. Das Sechseläuten in Zürich oder der 1. August werden nach wie vor gefeiert. Aber kulturelle Eigenheiten eines Landes verändern sich, wenn sich die kulturellen Hintergründe der Menschen im Land verändern.

Wenn ich mich als Kroate mit einer Person auf Kroatisch unterhalte, wirkt das für eine Person mit Muttersprache Deutsch vielleicht befremdend. Genauso wie es beispielsweise für die Einheimischen in Zürich oder Zug befremdend sein kann, wenn sie immer mehr Englisch hören. Das ist nicht Fremdenfeindlichkeit. Es ist ein intuitives Unbehagen, das es psychologisch universal gibt.

Die Frage ist, wie wir konstruktiv mit diesem Unbehagen umgehen. Migranten müssen sich integrieren, keine Frage. Es ist aber unklar, wie weit Integration geht und wo Pluralismus in einer liberalen Gesellschaft beginnt. In der 10-Millionen-Initiative werden spezifisch Muslime als Bedrohung dargestellt.

Viele Menschen empfinden Muslime, egal ob vom Balkan, aus dem arabischen Raum oder von sonst woher, als nicht zur Schweizer Kultur zugehörig.

Aber die Schweizer Kultur ist eben auch ein liberaler Pluralismus, der Freiraum schafft für alle Lebensentwürfe, solange damit nicht anderen Menschen aktiv geschadet wird.

Politische Homöopathie

Die 10-Millionen-Initiative ist so etwas wie politische Homöopathie. Sie fühlt sich gut an, weil sie Dinge verspricht, nach denen sich viele Menschen sehnen. Aber sie wirkt nicht. Sie ist nur Placebo.

Die Initiative ist nicht gestaltet, um die Leben der Schweizer materiell besser zu machen. Es ist keine Initiative, die bezahlbaren Wohnraum schaffen will. Es ist keine Initiative, die Infrastruktur stärken will. Und es ist keine Initiative, die den Umweltschutz stärken will.

Die Initiative greift Sorgen, die viele Menschen haben, doppelt manipulativ auf.

Einerseits wird suggeriert, dass die Schweiz im Zuge des Bevölkerungswachstums zu einer Art dystopischem Failed State wurde. Die Realität ist das Gegenteil: Die Schweiz wurde im Zuge der Migration der letzten Jahrzehnte erfolgreicher und stärker.

Die Initiative manipuliert auch, indem sie behauptet, dass mit einer harten Deckelung des Bevölkerungswachstums alles gut wird. Das wird es nicht. Vieles wird eindeutig schlechter. Wohlstand ist kein Nullsummenspiel. Mehr Humankapital bedeutet mehr Potenzial für positive, nachhaltige Entwicklungen. Ein hartes Limit zu setzen, wie sich die Schweiz entwickeln darf, ist das Gegenteil von Nachhaltigkeit. Es ist zelebrierte Ideenlosigkeit.

Anstatt die Zukunft aktiv zu gestalten, wird mit der 10-Millionen-Initiative die Verwaltung von Stagnation als Ideal gepredigt.

All das bedeutet nicht, dass Migration nicht gesteuert und kontrolliert werden soll. Selbstverständlich soll sie das. Vielleicht auch strenger als heute.

Die 10-Millionen-Initiative ist aber kein rationaler Beitrag zur besseren Justierung von Vor- und Nachteilen der Migration. Sie ist ein Vorschlaghammer, der nur eine Funktion hat: Ein Erfolgsmodell zerstören – Weil es sich gut anfühlt.

Marko Kovic ist Gesellschaftskritiker. Er interessiert sich für gesellschaftlichen Wandel und die Frage, ob wir noch zu retten sind. Er lebt in Uzwil SG.

Kommentare

User #7531 (nicht angemeldet)

Kroatien Bevölkerungsdichte: nur 68 Einwohner pro km². Bitte die Schweiz nicht komplett zubetonieren.

User #4181 (nicht angemeldet)

Er muss es ja wissen, denn er weiss alles.

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