Wegen Lärm: Gleisarbeiter mit Bierflaschen beworfen

Bettina Zanni
Bettina Zanni

Bern,

Von Beschimpfungen über Attacken mit Bierflaschen bis zu Schüssen: Anwohnende lassen ihren Ärger über den Baustellenlärm vermehrt an den Gleisarbeitern aus.

Gleisarbeiter
Die Gleisarbeiter sind oft nachts im Einsatz – zum Unmut mancher Anwohnenden. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Die SBB betreibt 20’000 Baustellen pro Jahr.
  • Nachts sind Gleisarbeiter verbalen und tätlichen Attacken ausgesetzt – das Baupersonal schlägt Alarm.
  • Die SBB gibt an, ihr Möglichstes gegen den Lärm für Anwohnende zu tun.

Sie machen weder Billettkontrollen noch verteilen sie Bussen. Vor allem arbeiten sie nachts, damit die Züge die Pendler morgens wieder pünktlich zur Arbeit fahren können.

So unsichtbar die Gleisarbeiter sind und so wichtig ihr Job ist, so gross ist der Frust, den sie abbekommen. Jan Weber, Zentralpräsident des Unterverbands Bau der Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV), schlägt Alarm.

In den letzten Jahren stellt er laut der SEV-Zeitung eine Zunahme von Meldungen fest, in denen Infrastruktur-Mitarbeitende Angriffen ausgesetzt sind. An der Spitze stehen Verbale Angriffe.

Besonders bei Unterhaltsarbeiten oder Nachtbaustellen lassen Anwohnende ihren Ärger über den Baustellenlärm direkt am Personal aus.

Einschusslöcher am Fahrzeug entdeckt

Die Gleisarbeiter sind aber auch tätlichen Angriffen ausgesetzt. So wurden Bierflaschen von einer Brücke auf einen Mitarbeiter und seine Kollegen geworfen, als sie im Gleisbett arbeiteten.

«Dies ist schon an mehreren Orten passiert», sagt Jan Weber zu Nau.ch. Solche Attacken kämen vor allem am Wochenende vor. «Wenn die Leute sich vom Baulärm gestört fühlen oder einfach nur, weil es gerade lustig sein könnte.»

Jemand schreckte auch nicht davor zurück, einen Blumentopf von einem Balkon auf eine Baustelle zu werfen.

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Die Attacken gipfeln in Schüssen – mutmasslich von einer Schrotflinte – auf eine Gleisbaumaschine in Moosseedorf BE. Ein metallischer Knall am Fahrzeug schreckte den Bautrupp auf.

Bei der Kontrolle entdeckten die Arbeiter mehrere Einschusslöcher am Fahrzeug. «Von weiteren Vorfällen habe ich zum Glück nicht gehört, möchte sie aber auch nicht ausschliessen», sagt Weber.

«Helm ist einziger Schutz»

Die Mitarbeitenden sind bei ihren Einsätzen besonders wachsam. Je nach Arbeitsort und Zeit achte man auf Brücken oder umliegende Gebäude, sagt Jan Weber. «Ob es dort Personen hat, die einen beschimpfen oder die betrunken sind.»

Es komme vor, dass die Arbeiter in der Nacht aus einem Fenster beschimpft würden. «Dann achtet man eher darauf, falls etwas geworfen wird.»

Besondere Schutzmassnahmen gibt es für das Personal nicht. «Der einzige Schutz ist der Helm, der ohnehin getragen werden muss», sagt Weber.

Schon länger kämpfen Zugbegleitende im Pendlerverkehr mit Beleidigungen, Drohungen und körperlicher Gewalt. Auch davon bleiben die Gleisarbeiter nicht verschont.

Dafür reicht, dass ein Bahnübergang aus Sicht eines Autofahrers zu lange geschlossen ist. Jan Weber berichtet, bei Unterhaltsarbeiten an einem Bahnübergang deswegen einmal beschimpft worden zu sein. «Wenn die Leute gestresst sind oder ein Zug Verspätung hat, wird der nächstbeste Mitarbeitende in Orange dafür verantwortlich gemacht.»

«Die SBB tut ihr Möglichstes»

Täglich sind im Schnitt 1,45 Millionen Reisende in Zügen der SBB unterwegs. Dies sind 40 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2025.

Die steigende Nachfrage fordert die Infrastruktur heraus. Der Rückstand beim Substanzerhalt wachse, teilte die SBB im August mit. «Hohe Investitionen in Infrastruktur, Rollmaterial und Digitalisierung stehen an.» 20’000 Baustellen pro Jahr betreibt die SBB laut Mediensprecher Reto Schärli.

Gleisarbeiter
Die steigende Nachfrage fordert die Infrastruktur der SBB heraus – Bauarbeiten sind nötig. - keystone

«Die SBB tut ihr Möglichstes, um die Immissionen für die Anwohnenden so gering wie möglich zu halten», sagt Schärli.

Aber fast jede Baustelle verursache Lärm. «Aus Sicherheitsgründen oder um den Bahnverkehr möglichst wenig zu beeinträchtigen, müssen viele Arbeiten während der Nacht ausgeführt werden.»

«Wir würden auch lieber tagsüber arbeiten»

Im Vergleich zum Zug- und Reinigungspersonal kommen Aggressionen von Drittpersonen laut Reto Schärli selten vor. «Aber jeder Fall ist einer zu viel und inakzeptabel.» Jede Tätlichkeit gegenüber ihrem Personal sei ein Offizialdelikt und werde von Gesetzes wegen zur Anzeige gebracht.

Eine Rolle bei den extremen Reaktionen dürfte der Stress spielen. 34 Prozent gaben in einer aktuellen Studie an, täglich gestresst zu sein.

Jan Weber wünscht sich mehr Rücksicht, Toleranz und Verständnis für die Bauleute. «Wir würden auch lieber nur tagsüber arbeiten, aber dann will ja jeder mit dem Zug fahren können», sagt er.

Und sei eine Barriere halt einmal etwas länger geschlossen, könne der Bauarbeiter vor Ort auch nichts dafür. «Man muss die Wut nicht an ihm rauslassen.»

Kommentare

User #2341 (nicht angemeldet)

Wäre toll wenn die SBB die Anwohner über bevorstehende Arbeiten informieren würde. Habe in 6 Jahren 1x ein Infoschreiben erhalten. Sonst nie! Es ist nicht toll mitten in der Woche nachts um 2 Uhr aus dem Bett gerissen zu werden, wegen einer Flex, gehämmere oder ser Arbeitslokomotive die wie ein Panzer klingt. Gerade im Sommer wenn man Nachts Fenster offen hat um kühle Luft zu haben. Finde es als Anwohner sehr ärgerlich! SBB macht was in Kilchberg ZH!

User #4675 (nicht angemeldet)

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