Das Internet und die Medien werden derzeit geflutet von brutalen Bildern aus dem Ukraine-Krieg. Doch wie viel ist zumutbar? Eine Ethikerin ordnet ein.
Ukraine Krieg
Eine Frau tröstet ihre Nachbarin, deren Ehemann und Neffe in Butscha getötet wurden. Der Ukraine-Krieg hat schon zahlreiche zivile Opfer gefordert. - Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Aus dem Ukraine-Krieg gibt es zahlreiche verstörende Bilder.
  • «10vor10» zeigte in einem Beitrag zu Butscha kürzlich Fotos getöteter Zivilisten.
  • Laut einer Ethikerin kann die Bilder-Flut bei Lesern und Zuschauern die Gewalt fördern.

Fast täglich erreichen erschreckende Fotos aus dem Ukraine-Krieg die Welt. Bei deren Verbreitung spielen die Medien eine grosse Rolle. Sie tragen damit dem Publikum gegenüber eine gewisse Verantwortung.

Auch SRF zeigte bereits mehrmals verstörende Bilder – zuletzt in «10vor10» zum Massaker von Butscha. Zu sehen sind darin auf der Strasse liegende Leichen von zivilen Opfern.

Auf Nachfrage von Nau.ch, weshalb der Beitrag so veröffentlicht wurde, verweist das Medienhaus auf seine publizistischen Leitlinien: «Es ist nicht unsere Aufgabe, ein geschöntes Bild der Realität zu liefern. Ereignisse, die schockierend sind, dürfen auch schockieren. Eine schonungslose Darstellung ist oft nötig, um einem Sachverhalt gerecht zu werden.»

Ukraine Krieg Zivilisten 10vor10
Im «10 vor 10»-Beitrag vom Montagabend wurden explizite Bilder von getöteten Zivilisten im Ukraine-Krieg gezeigt.
Leichensäcke Graben Menschen Friedhof
Hier im Bild Leichensäcke, die in einen Graben geworfen wurden.

Beim Ukraine-Krieg käme laut Regula Messerli, Koordinatorin Broadcast Newsroom, hinzu: «Die kriegführende Partei Russland behauptet, dass es gar keinen Krieg gebe und dass Zivilpersonen verschont würden. Hier stehen wir zusätzlich in der Pflicht, dieser Lüge mit klaren Aussagen und eindeutigen Bildern zu widersprechen.»

Im angesprochenen Beitrag habe Moderator Urs Gredig explizit darauf hingewiesen, dass die Bilder verstörend sein könnten. «Mit solchen Triggerwarnungen wird das Publikum vorgewarnt.» SRF zeige keine Bilder von sterbenden Menschen und bei Toten würden die Gesichter unscharf gemacht. «Wir wollen damit die Würde der Menschen schützen.»

Expertin: «Gewaltbilder aus Ukraine-Krieg müssen aufklären»

Auch Nau.ch hat sich dazu entschieden, in bestimmten Fällen Bilder von Gräueltaten aus dem Kriegsgebiet zu veröffentlichen. Aus journalistischer Pflicht, um ein realistisches Bild des Krieges zu vermitteln.

Dabei soll kein Voyeurismus entstehen. So werden auf Nau.ch etwa Gesichter von Opfern oder extreme Gewaltszenen verpixelt. Auf den Nau.ch-Screens im öffentlichen Verkehr werden gar keine Kriegsbilder und Opfer gezeigt.

Die Frage stellt sich dennoch: Welche Kriegsbilder darf man zeigen – und welche eben nicht? Ruth Baumann-Hölzle ist Mitglied der kantonalen Ethik-Kommission im Kanton Zürich.

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Ruth Baumann-Hölzle ist Institutleiterin der Stiftung Dialog Ethik. Im Umgang mit Bildern aus dem Ukraine-Krieg mahnt sie zur Vorsicht. - dialog-ethik.ch

Sie ordnet ein: «Gewaltbilder in den Medien müssen zwingend eine aufklärende Funktion und einen Informationswert haben.» Das gelte gerade für Bilder, die Gewaltopfer darstellen. Dabei bestehe die Gefahr, dass diese durch Medien ihrerseits für die Sensationslust missbraucht werden.

Leiden Sie unter der Berichterstattung zum Ukraine-Krieg?

«Gewaltbilder sind nur dann ethisch vertretbar, wenn sie dazu beitragen, weitere Gewalt zu verhindern.»

Bei der aktuellen Flut dieser Bilder sei die Gefahr aber sehr gross, dass das Gegenteil bewirkt werde und Konsumenten abstumpfen. Die Ethikerin warnt: «So wird Gewalt noch weiter gefördert.»

TV soll Kinder vor Gewaltbildern aus Ukraine-Krieg schützen

Ebenso müsse der Kinder- und Jugendschutz ein Thema sein. «Gerade bei Informationssendungen am frühen Abend ist auf exzessive Gewaltdarstellungen zu verzichten. Denn hier sei damit zu rechnen, dass Kinder und Jugendliche die Sendungen mit schauen.»

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