Retter müssen mit Horror-Bildern leben – Stress-Krankheiten drohen
Die Bilder aus der Horror-Nacht in Crans-Montana lassen auch die Einsatzkräfte nicht los. Das Erlebte kann sogar zu körperlichen Problemen führen.
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Das Wichtigste in Kürze
- Viele Rettungskräfte beschäftigt stark, was sie in Crans-Montana erlebt haben.
- Eine Retterin berichtet unter Tränen, sie wünschte, sie hätte mehr tun können.
- Der Feuerwehr-Chef von Crans-Montana weiss nicht, ob er weitermachen will.
- Das Erlebte kann auch körperliche Probleme auslösen. In der Branche ist das gar «normal».
150 Rettungskräfte stehen in der Silvesternacht in Crans-Montana im Einsatz. Sie haben erschütternde Bilder gesehen – junge Menschen mit schweren Verletzungen, sterbende Jugendliche. Bilder, die sie nun verarbeiten müssen.
«Ich wünschte, ich hätte mehr tun können», sagt eine sichtlich aufgelöste Ersthelferin kurz nach der Brand-Katastrophe.
Im Interview mit dem US-Sender «CNN» kämpft die junge Frau mit den Tränen, beschreibt, was sie im Einsatz erlebt hat.

«Ich ging auf sie (Anm. der Redaktion: die Brandopfer) zu, machte mich bemerkbar», erzählt sie. «Wenn sie um den Mund herum schwarz waren, wusste ich, das ist nicht gut.»
Blaue, violette bis fast schwarze Lippen sind ein Zeichen von Sauerstoffmangel im Blut. Eine mögliche Ursache dafür sind Rauchgasvergiftungen. Das kann akut lebensgefährlich sein.
Die Retterin macht sich Vorwürfe – und gibt zu bedenken: Einige Einsatzkräfte hätten zwar eine bessere Ausbildung gehabt als andere. «Aber niemand ist darauf vorbereitet, so etwas zu sehen.»
«Ich weiss nicht, ob ich weiterarbeiten kann»
Auch David Vocat, der Feuerwehrkommandant von Crans-Montana, hadert mit dem Erlebten. Als er in der Silvesternacht vor der brennenden Bar eintrifft, findet er chaotische Szenen vor.
Insgesamt 156 Personen sind verletzt, sterben oder sind zu dem Zeitpunkt bereits tot. «Es ist schwer, eine Person am Boden liegen zu lassen, und zu sagen: Leider ist es jetzt zu spät. Wir müssen uns jetzt um die anderen kümmern, die wir noch retten können», erzählte Vocat in der SRF-«Rundschau».

Nahe dem Ort der Katastrophe kämpft Vocat mit den Tränen. «Ich weiss nicht, ob ich weiterarbeiten kann. Ich liebe das Leben, ich liebe die Menschen. Aber ich liebe nicht den Tod», sagte er aufgelöst.
Schuldgefühle – aber auch Herzrasen, Atemnot und Magenschmerzen
Rettungskräfte sind immer wieder mit tragischen Ereignissen konfrontiert. Schon in der Ausbildung und in Erste-Hilfe-Kursen wird darum thematisiert, welche möglichen Auswirkungen das haben kann.
Roman Burkart leitet den Interverband für Rettungswesen (IVR), die Dachorganisation des medizinischen Rettungswesens der Schweiz.
Er erklärt gegenüber Nau.ch: «Reaktionen nach aussergewöhnlichen Ereignissen können sowohl psychischer als auch physischer Natur sein.» Sogar körperliche Reaktionen sind also möglich.
Zentral in der Ausbildung sei: «Betroffene müssen wissen, dass unterschiedliche physische und psychische Reaktionen normal sind und wo sie im Bedarfsfall Unterstützung finden. Diese Reaktionen beschränken sich nicht auf Schuldgefühle, sondern können sehr vielfältig sein.»
So kann es etwa zu Herz-Kreislaufbeschwerden (Herzklopfen, Herzrasen, erhöhter Blutdruck, Schwindel) oder Atemproblemen kommen. Auch Muskelverspannungen, Magen-Darm-Probleme, Ein- und Durchschlafstörungen sowie Albträume kommen vor.

Hinzu kommen laut Burkart Erschöpfung, Kraftlosigkeit und eine erhöhte Infektanfälligkeit.
«Die Reaktionen können unmittelbar nach dem Ereignis oder zeitverzögert auftreten.»
Psychische Probleme kurz nach Horror-Einsätzen «normal»
Zu den psychischen Folgen gehören: Flashbacks, ständiges Nachdenken über den Einsatz, Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit. Reizbarkeit, Schuldgefühle, Selbstvorwürfe, Angst, Nervosität, innere Anspannung und die Vermeidung von Situationen und bestimmten Tätigkeiten.
Auch ein Gefühl von innerer Leere, eine Abstumpfung gegenüber dem Schönen, kann auftreten.
Die Liste ist jedoch nicht abschliessend, denn: «Die Reaktionen sind sehr vielfältig und stark personenabhängig.»
All diese körperlichen und psychischen Symptome sind nach belastenden Einsätzen «normal», betont Der Experte.
«Wenn die Anzeichen jedoch länger als zwei bis drei Wochen andauern, sollte professionelle Unterstützung in Anspruch genommen werden.»
Auch alltägliche Einsätze können belastend sein
Nicht alle reagieren gleich auf die Belastung – und nicht alle hadern im gleichen Ausmass mit der Verarbeitung. Burkart erklärt, aus Forschung und Praxis sei bekannt, dass die Verarbeitung von vielen Faktoren abhänge.
«Eine Rolle spielen unter anderem persönliche Voraussetzungen, private Belastungen, Arbeitsbedingungen und Schichtarbeit.»
Belastende Einsätze müssen zudem nicht zwingend Grossereignisse sein. «Sie können auch im Einsatzalltag auftreten. Das darf nicht unterschätzt werden», betont Roman Burkart.
«Der Fokus liegt deshalb darauf, Einsatzkräfte durch geeignete Präventions- und Nachsorgekonzepte bestmöglich zu unterstützen.»
Professionellen Rettungskräften steht in der Schweiz nach belastenden Einsätzen grundsätzlich psychologische Unterstützung zur Verfügung.
Für die Mitglieder von Milizfeuerwehren wie jener in Crans-Montana gibt es Care-Teams, wie der Schweizerische Feuerwehrverband Swissfire Nau.ch mitteilt. Auch für Ersthelfer, die bei Ereignissen durch Zufall vor Ort sind, gibt es oft solche Angebote.
Die Brand-Katastrophe forderte 40 Tote und 116 Verletzte. Der Bar-Inhaber sitzt in Untersuchungshaft, seine Frau und Mit-Inhaberin ist auf freiem Fuss. Die Ermittlungen laufen.
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Brauchst du Hilfe?
Betroffene der Crans-Montana-Tragödie können sich bei Bedarf an den Verein www.familientrauerbegleitung.ch wenden. Dort erhalten sie Unterstützung durch ausgebildete Fachpersonen in ihrer Region.
In Trauergruppen haben Betroffene zudem die Möglichkeit, sich in einem geschützten Rahmen auszutauschen.
Bist du selbst depressiv oder hast du Suizidgedanken? Dann kontaktiere bitte umgehend die Dargebotene Hand (www.143.ch).
Unter der kostenlosen Hotline 143 erhältst du anonym und rund um die Uhr Hilfe. Die Berater können Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen. Auch eine Kontaktaufnahme über einen Einzelchat oder anonyme Beratung via E-Mail ist möglich.
Für Kinder oder Jugendliche steht die Notrufnummer 147 zur Verfügung.
Hilfe für Suizidbetroffene: www.trauernetz.ch


























