Rassismus: Frauen wie Collien Fernandes wird weniger geglaubt
Dass Collien Fernandes von vielen nicht geglaubt wird, dürfte auch mit Rassismus zu tun haben. Dunkelhäutige Frauen werden öfter angezweifelt.

Das Wichtigste in Kürze
- Collien Fernandes hat Missbrauchs-Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann erhoben.
- Unter anderem soll Christian Ulmen Fake-Pornos von ihr verschickt haben.
- Sie erfährt Hass und Zweifel. Rassismus dürfte eine Rolle spielen, sagt eine Expertin.
«Collien erfand es», «Deepfake-Lüge» oder «falsches Spiel»: In den sozialen Medien wird Collien Fernandes immer wieder als Lügnerin dargestellt, ihre Aussagen angezweifelt.
Die deutsche Moderatorin machte kürzlich Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann öffentlich. Er habe Fake-Profile von ihr erstellt und damit Sex-Chats mit Männern geführt. Mit den Profilen verschickte er gefälschte intime Bilder.
Ulmen hat sich noch immer nicht zu den Vorwürfen geäussert. Er geht rechtlich gegen die Veröffentlichung der Vorwürfe vor. Es ist aber bekannt, dass er einem Verteidiger gegenüber gestand, einen Fetisch entwickelt zu haben.
Aussagen von nicht-weissen Frauen «werden eher hinterfragt»
Die Flut an Hasskommentaren und Zweifeln an Fernandes lässt aufhorchen. Gerade angesichts der Tatsache, dass Ulmen bislang nicht einmal dementiert.
Für eine Geschlechterforscherin ist die deutliche Gegenreaktion ein Ausdruck davon, dass Gleichberechtigung längst nicht erreicht ist.
Doch nicht nur das: «Auch Rassismus kann hier eine zusätzliche, oft unterschätzte Rolle spielen», sagt Menschenrechtsexpertin Yvonne Apiyo Brändle-Amolo zu Nau.ch.
Collien Fernandes ist die Tochter einer deutsch-ungarischen Mutter und eines indischen Vaters.
Women of Colour, also Frauen, die nicht weiss sind, würden häufig weniger schnell als glaubwürdige Opfer wahrgenommen. «Ihre Aussagen werden eher hinterfragt, relativiert oder angezweifelt», erklärt Brändle-Amolo.
Stereotype beeinflussen, ob Frauen geglaubt werden oder nicht
Das habe auch mit tief verankerten historischen Stereotypen zu tun, die bis heute nachwirken. Stereotype, die auf koloniale Denkmuster zurückgehen.
«Etwa die Figur der ‹Jezebel›, also die sexualisierte, angeblich immer verfügbare Frau. Oder die ‹Sapphire›, die als übertrieben wütend oder aggressiv dargestellt wird», erklärt die Expertin.
«Diese Stereotype beeinflussen stark, wie Betroffene wahrgenommen werden: Entweder wird ihre Erfahrung sexualisiert und damit relativiert – oder ihre Reaktion wird als ‹übertrieben› oder ‹unglaubwürdig› abgewertet. Gerade bei Gewaltvorwürfen wirkt sich das direkt auf die Glaubwürdigkeit aus.»
Weissen Männern wird oft mehr Glaubwürdigkeit zugesprochen
Dass der mutmassliche Täter in diesem Fall, Christian Ulmen, weiss ist und das mutmassliche Opfer nicht, könne die Reaktionen verstärken.
«In vielen Situationen wird weissen Männern unbewusst mehr Glaubwürdigkeit zugesprochen. Women of Colour stehen derweil häufiger unter Generalverdacht oder müssen sich stärker rechtfertigen.»
Das führe dazu, dass ihre Perspektive weniger Gewicht erhält oder intensiver hinterfragt wird – selbst dann, wenn sie Gewalt schildern. «Diese Dynamik entsteht nicht zwingend bewusst», sagt Brändle-Amolo. Sie sei aber gesellschaftlich sehr verbreitet.

Hinzu kommt eine weitere Ebene: «Wenn Women of Colour selbstbewusst auftreten oder in sichtbaren, erfolgreichen Positionen sind, kann das bestehende gesellschaftliche Machtvorstellungen herausfordern.»
Lange gab es das nicht in der westlichen Welt. Frauen, und erst recht Frauen, die ethnischen Minderheiten zugehörten, waren klare Plätze zugewiesen. Nicht im Scheinwerferlicht, in der Politik – sondern dort, wo sie kontrolliert wurden und nicht viel bewirken konnten.
Dieser Rollenwechsel löst in einigen bis heute «Abwehrreaktionen» aus, wie die Expertin sagt.
Dunkelhäutige Frauen werden «oft stärker angezweifelt»
Collien Fernandes ist kein Einzelfall: «Solche Muster zeigen sich immer wieder», betont Brändle-Amolo. Das stellt sie unter anderem in ihrer Arbeit als Beraterin für die UN-Antidiskriminierungsstelle in Genf fest.
Dort sind auch Women of Colour einbezogen. Die Expertin beobachtet: «Wenn sie Gewalt öffentlich machen, werden sie oft stärker angezweifelt und häufiger angegriffen als weisse Frauen in vergleichbaren Situationen.»
Das seien keine Einzelfälle, sondern ein strukturelles Zusammenspiel von Rassismus und Geschlechterungleichheit. «Diese beiden Faktoren verstärken sich gegenseitig und beeinflussen, wem geglaubt wird – und wem nicht.»
Beispiele gibt es auch aus der Popkultur reihenweise.
Als Justin Timberlake während des Super Bowl 2004 Janet Jacksons Brust enthüllte, wurde sie (und nicht er) massiv angegriffen und diffamiert.
R. Kelly heiratete Sängerin Aaliyah, als sie minderjährig war. Fans nahmen ihn jahrelang in Schutz.
Jahre später stellte sich heraus, dass der Musiker systematisch junge Mädchen missbrauchte. 2023 wurde er deshalb verurteilt: 31 Jahre Knast.
Auch Sängerin Rihanna wurde in den sozialen Medien verspottet und als mitschuldig dargestellt, als ihr Ex Chris Brown sie schlug. Seine Karriere erlitt zwar einen Knick, doch er wurde relativ schnell wieder unterstützt.
Täter werden seltener verurteilt, wenn Opfer nicht weiss ist
Solche Vorurteile können sich auch auf die Verurteilung der Täter auswirken.
Philip Bessermann von der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus sagt zu Nau.ch: «In den USA zeigt die Forschung, dass Täter seltener verurteilt werden, wenn sie nicht-weisse Frauen missbrauchen. Diese Daten fehlen in der Schweiz.»
Hinweise aus der Forschung würden zudem zeigen, dass Vorurteile eine Rolle spielen können. «Etwa bei der Glaubwürdigkeit von Opfern», sagt Bessermann.
Für Menschenrechtsexpertin Brändle-Amolo ist darum zentral: «Gewaltvorwürfe sollten unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe ernst genommen werden.»
















