Kerzers FR: Neue Einblicke in das verwahrloste Leben des Täters

Simon Binz
Simon Binz

Murten,

Nach der tödlichen Postauto-Tragödie von Kerzers FR kommen neue Details zum mutmasslichen Täter ans Licht.

Kerzers FR Postauto
Der mutmassliche Täter von Kerzers FR lebte zuletzt in diesem Camper, der vor einem Bauernhaus im Berner Seeland parkiert ist. - Screenshot/SRF

Das Wichtigste in Kürze

  • Neue Details zeigen ein isoliertes Leben des mutmasslichen Täters von Kerzers .
  • Der über 60-jährige Roger K. lebte demnach zuletzt verwahrlost in einem Camper im Seeland.
  • Experten sehen mögliche Hinweise auf soziale Isolation und Krise.

Wer war der Mann, der sich in einem Postauto in Kerzers FR selbst angezündet hat und so fünf weitere Menschen mit sich in den Tod riss? Schritt für Schritt kommen derzeit neue Details zum mutmasslichen Täter ans Licht. Wie etwa die «Berner Zeitung» am Freitag berichtete, lebte der Mann zuletzt stark zurückgezogen und unter schwierigen Umständen.

Der mittlerweile als Roger K. identifizierte Mann, hatte demnach einen Stellplatz für seinen Camper vor einem Bauernhaus im Berner Seeland gemietet. Dort soll er zuletzt gewohnt haben. Ein Korrespondent von «Schweiz aktuell» konnte sich vor Ort ein Bild machen. Die Sendung zeigt mehrere Bilder von dem Camper.

Kerzers FR Postauto
Der Camper diente dem mutmasslichen Täter zuletzt als Wohnort. - Screenshot/SRF

Der Blick in das Fahrzeug habe eine extreme Unordnung gezeigt, beschreibt Rolf Dietrich in dem Beitrag. Überall hätten Gegenstände herumgelegen, darunter zahlreiche Flaschen mit hochprozentigem Alkohol. Der Camper sei so überstellt gewesen, dass sich der Mann darin kaum habe bewegen können.

Der Eindruck sei der eines Menschen gewesen, der sehr verwahrlost und einsam am Rand der Gesellschaft gelebt habe. Die SRF-Sendung spricht gar von «totaler Verwahrlosung».

Hinweise auf soziale Isolation

Der forensische Psychiater Johannes Kirchebner hatte bereits zuvor gegenüber SRF erklärt, dass soziale Isolation in vielen Fällen eine Rolle spiele, wenn Menschen schwere Gewalttaten begehen. Nachdem er die Bilder des Campers gesehen hat, meint er, sie würden seine erste Einschätzung zumindest teilweise bestätigen.

Die Wohnsituation deute auf eine desolate Lebenslage hin, berichtet der Experte im Beitrag vom Freitagabend. Das könne ein Hinweis darauf sein, dass sich die Person in einer schwierigen psychologischen Situation befunden oder zunehmend in einer eigenen Welt gelebt habe.

Postauto Kerzers FR
Der forensische Psychiater Johannes Kirchebner erklärt bei «Schweiz aktuell», welche Faktoren Menschen zu extremen Gewalttaten treiben können. - Screenshot/SRF

Auch der Zustand des Campers könne darauf hindeuten, dass der Mann sich in einem psychischen Ausnahmezustand befunden habe und kaum mehr auf sich selbst achten konnte, so Kirchebner.

Bekannt bei Behörden

In den vergangenen 20 Jahren lebte Roger K. immer wieder in der Gemeinde Aarberg. Dort bewohnte er zeitweise auch Sozialwohnungen. Menschen, die ihm begegnet seien, beschrieben ihn laut Medienberichten als freundlich, aber zurückgezogen.

Gleichzeitig häuften sich offenbar Probleme: Unbezahlte Rechnungen, Vorladungen von Behörden sowie gesundheitliche Beschwerden.

Kerzers FR
Zahlreiche Flaschen mit hochprozentigem Alkohol lagen im Camper herum. - Screenshot/SRF

Der ehemalige Chauffeur konnte offenbar kaum mehr laufen und soll auch unter einer chronischen Krankheit gelitten haben. Er war sowohl beim Sozialdienst als auch bei der KESB bekannt.

Aufenthalt im Spital vor der Tat

Am Tag vor der Tat in Kerzers war Roger K. im Spital in Aarberg wegen eines körperlichen Leidens in Behandlung. Das Spital informierte die Polizei, nachdem der Mann plötzlich verschwunden war.

Warum er das Spital verliess und weshalb daraufhin eine Suchaktion ausgelöst wurde, ist bisher unklar. Laut der «Berner Zeitung» fragte die Polizei sogar bei Taxiunternehmen nach, ob sie den Mann transportiert hätten.

Das Spital wollte sich aus Datenschutzgründen nicht zu den Umständen äussern.

Kündigung des Stellplatzes

Der Bauer, der Roger K. den Stellplatz für seinen Camper vermietet hatte, erklärte laut «Schweiz aktuell», der Mann sei mit der Miete im Rückstand gewesen. Der Platz sei ihm deshalb auf Ende März gekündigt worden.

Ob diese Kündigung ein möglicher Auslöser gewesen sein könnte, lasse sich laut Psychiater Kirchebner nicht eindeutig sagen. «Solche massiven Vorfälle sind nie monokausal», erklärte der Experte.

Meist handle es sich um eine Kette von Faktoren, die sich gegenseitig verstärken. Einzelne Ereignisse könnten aber der Auslöser sein – «der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt».

Keine Hinweise auf Gefährdung

Roger K. hatte einen administrativen Beistand. Die KESB erklärte, es habe zuvor keine Hinweise auf eine Fremd- oder Selbstgefährdung gegeben. Allerdings berichtete der «Blick», der Mann habe sich bereits 2019 in einem SRF-Gebäude in Bern verschanzt und damit gedroht, sich etwas anzutun.

Kerzers
Bei dem Postauto-Brand in Kerzers kamen sechs Menschen ums Leben. - keystone

Für den Psychiater ist deshalb entscheidend, die gesamte Vorgeschichte genau zu analysieren. Gewalt entstehe meist aus einer Kombination vieler Faktoren – etwa psychische Erkrankungen, soziale Isolation, Alkohol- oder Drogenkonsum, gesundheitliche Probleme oder persönliche Krisen. «Faktoren, die uns alle treiben.»

Weiterlesen

Kerzers
136 Interaktionen
Experte erklärt
Bundeshaus
10 Interaktionen
Bern
kerzers
14 Interaktionen
Kerzers FR

MEHR AUS FRIBOURG

Kerzers
146 Interaktionen
Postauto-Brand
3 Interaktionen
Freiburg
Freiburg
Freiburg
Anwalt
7 Interaktionen
Freiburg