Psychologe: Verdächtiger litt wohl an wahnhafter Psychose
Nach dem Busbrand in Kerzers vermutet ein Psychologe, dass der Täter an wahnhafter Psychose litt. Die Tat hätte kaum verhindert werden können.

Das Wichtigste in Kürze
- Laut einem Psychologen litt der Verdächtige von Kerzers wohl an einer wahnhaften Psychose.
- Er hatte wohl eine komplette Realitätsverkennung und wusste nicht, was passiert.
- Im Vorfeld hätte man kaum etwas sehen und die Tat verhindern können.
Am Dienstagabend zündete sich ein 65-jähriger Schweizer in einem Postauto in Kerzers FR selbst an. Er sowie fünf weitere Personen starben, fünf wurden verletzt. Über das Motiv ist nichts bekannt. Der Mann war psychiatrisch auffällig, aber nicht vorbestraft.
Um mehr über die Absichten des mutmasslichen Täters herauszufinden, muss nun eine psychologische Autopsie vorgenommen werden. Dies erklärt Jérôme Endrass, Professor für forensische Psychologie an der Universität Konstanz, gegenüber SRF. Dabei werde in der Krankengeschichte nach möglichen Hinweisen gesucht.
Eine grosse Frage lautet: Wollte der Mann nur sich töten oder hat er bewusst auch anderen Menschen schaden wollen? Und wurde das Postauto bewusst als öffentlicher Tatort ausgesucht?
Endrass geht eher davon aus, dass der Bus ein Zufallsort gewesen sei. Ihm sei kein Fall bekannt, in dem eine Person zielgerichtet den ÖV aufsuchte, um sich selbst anzuzünden. Er vermutet dann auch eher eine wahnhafte Psychose, eine starke, wahnhafte Erkrankung, als Ursache.
Psychologe: Tat hätte kaum verhindert werden können
Oft liege bei Personen, die sich selbst anzünden, eine extreme Psychose vor. «Sie hatten eine komplette Realitätsverkennung und waren nicht mehr in der Lage, zu begreifen, was um sie herum passiert. Sie waren in ihrem Wahnzustand gefangen, als sie es sich angetan haben.»
Solche Fälle seien extrem selten, sagt Endrass. Deshalb hätte man die Tat in Kerzers auch kaum verhindern können.
Zwar zeigten Personen mit einer solchen Psychose Anzeichen, die das Umfeld wahrnehmen könne. Es gehe ihnen oftmals schlecht, sie seien aggressiv angetrieben. «Doch von 1000 Menschen, die diese Kriterien erfüllen, schreitet nur einer zu einer solchen Tat.»
Endrass sagt auch, dass der mutmassliche Täter strafrechtlich nicht auffällig gewesen sei. Deshalb «ist es sehr unwahrscheinlich, dass man im Vorfeld etwas hätte sehen können».
Am Dienstag vor der Tat wurde der 65-Jährige von einem Spital als vermisst gemeldet. Die Polizei begann danach mit der Suche nach ihm und befragte auch Betreuer sowie Angehörige. Dabei ging es darum, ob eine Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegt. Hinweise auf eine Gefährdung gab es nach den Abklärungen aber keine.
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