Hass erreicht Strasse: Hat 10-Mio-Initiative Gewaltpotenzial?
Ein Mann stoppt in einem Zürcher Dorf und kündigt ein gewalttätiges Vorhaben an. Die Zuwanderungsinitiative löst bei ihm Gewaltfantasien aus, sagt er.

Das Wichtigste in Kürze
- Ein Mann will einem SVP-Vertreter in einer Zürcher Gemeinde Schaden zufügen.
- Zum Anlass nimmt er die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz».
- Gewaltforscher Dirk Baier schätzt das Gewaltpotenzial ein.
Hasskommentare rund um die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» fluten Social Media. «So – und schlimmer – ergeht es grad vielen, die sich für ein Nein zur Chaosinitiative exponieren.»
Dies schreibt FDP-Generalsekretär (und Ex-«Arena»-Moderator) Jonas Projer auf der Plattform Linkedin. Dazu postet er Screenshots von Usern, die ihn mit Kommentaren unter der Gürtellinie beleidigen.
Aber auch Gegner der Initiative kochen über – auch ausserhalb des virtuellen Raums.
«Reiche in ihren fetten Autos»
Am letzten Sonntag fragt ein Autofahrer eine Passantin nach dem Wohnort eines SVP-Vertreters. Er kündigt ein gewalttätiges Vorhaben an. Die Passantin rät ihm davon ab.
Darauf steigt er aus dem Auto und erzählt, wie verzweifelt er sich fühle. «Manchmal habe ich Gewaltfantasien, weil mich die Reichen so wütend machen», sagt er.
Mit der Zuwanderungsinitiative wolle die SVP «die Reichen in ihren fetten Autos» noch reicher machen, schimpft er. Ausländer, welche die Drecksarbeit in der Schweiz machen, hätten keine Chancen mehr.
US-Präsident Donald Trump fördere mit seiner Machtpolitik solche Strukturen, ist er überzeugt.
Der 39-jährige Zürcher gibt an, an starkem ADHS zu leiden. «Deshalb habe ich meine Emotionen manchmal nicht mehr im Griff.» Dennoch würde er «keiner Fliege etwas zu Leide tun», behauptet er.
Der Vorfall ereignete sich in einer Zürcher Gemeinde. Aus Sicherheitsgründen verzichtet die Redaktion darauf, deren Namen sowie Namen des erwähnten SVP-Vertreters zu erwähnen.
Feindbilder würden getriggert
Die Redaktion hat Gewaltforscher Dirk Baier den Fall geschildert.
Er geht von einem psychisch instabilen Menschen aus. Dieser habe sich scheinbar seit vielen Jahren in verschiedene Feindbilder reingesteigert, sagt Baier.
Diese beträfen die SVP und die Reichen. «Gerade durch die Diskussion um die Initiative werden diese Feindbilder getriggert.»
Dies heisst laut Baier aber noch lange nicht, dass solche Personen zur Tat schreiten wollen. «Dies passiert beispielsweise nur dann, wenn es keine Schutzfaktoren gibt.» Damit meint er Menschen im Umfeld, die stabilisierend und mässigend auf eine Person einwirken können.
Der Gewaltforscher hat im konkreten Fall eher den Eindruck, als ob ein Mensch einfach jemanden zum Reden gesucht hat. «Das heisst, nur diffus gewaltbereit war», sagt Baier.
Gewalt drohe bei Ausländerfeindlichkeit
Die SVP wirbt mit einer emotionalen Kampagne für die Zuwanderungsinitiative. «Asylanten vergewaltigen 11 x häufiger als Schweizer», steht auf einem Plakat zum Beispiel. Ist Gewaltpotenzial bei solchen Vorlagen programmiert?
Dirk Baier würde der Initiative prinzipiell kein Gewaltpotenzial zuschreiben. In Initiativen werde über gesellschaftliche, relevante Themen entschieden, sagt er. «Die Abstimmungen sind immer mit Pro und Contra und damit auch mit einer gewissen Hitzigkeit verbunden.»

Bei der «10-Millionen-Initiative» werde jedoch eine Gruppe von Menschen, die Zuwanderer, als Problem dargestellt, sagt Baier. «Das ist ein erster Schritt der Konstruktion eines Feindbildes.» Dies könne zuwandererskeptische Haltungen in der Bevölkerung verstärken.
«Wir müssen aus meiner Sicht Sorge dafür tragen, dass Ausländerfeindlichkeit nicht weiter um sich greift», so Baier. Werde dies zunehmend zu einem Teil der Kultur einer Gesellschaft, sei auch die Gewalt gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht mehr weit.
Diese werden dann nicht nur von psychisch auffälligen Personen ausgeführt. «Sondern von all jenen, die meinen, diese Kultur umsetzen zu müssen.»

















