ADHS & Co.: Kinderarzt spricht von «zu vielen unnötigen Abklärungen»

Stephan Felder
Stephan Felder

Zürich,

Die Zahl der Kinder mit Neurodivergenz-Diagnosen steigt stark an. Weshalb? Ärzte und Experten ordnen bei Nau.ch ein – mit völlig unterschiedlichen Ansätzen.

ADHS
Diagnosen im Neurodivergenz-Spektrum sind in der Schweiz in den letzten Jahren stark angestiegen. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Zahl der Kinder mit Neurodivergenz-Diagnosen steigt stark an.
  • Ein Entwicklungspädiater sieht viele unnötige Abklärungen – auch wegen dem Schulsystem.
  • Mehr Diagnosen bedeuten vor allem bessere Erkennung, sagt dagegen eine Expertin.
  • Klar ist: Schulen brauchen Diagnosen oft als Voraussetzung für zusätzliche Ressourcen.

Eine Primarschulklasse im Kanton Solothurn: Knapp die Hälfte aller Kinder kämpft mit Entwicklungsstörungen.

Ihre Gehirne funktionieren anders als es der gesellschaftliche Standard vorsieht. Die Diagnosen haben bekannte Namen: ADHS, ADS, Dyslexie (Lese-Rechtschreibstörung), Dyskalkulie (Rechenstörung), Autismus oder Hochbegabung.

Zusammengefasst werden diese Variationen unter dem Begriff Neurodivergenz. Und es fällt auf: Solche Diagnosen werden heute deutlich öfter gestellt als noch vor 20 oder 30 Jahren. Gemäss offiziellen Zahlen erhält in der Schweiz jedes dritte Kind Förderleistungen.

Die Warteliste für Abklärungen ist überlang

Entwicklungspädiater Michael von Rhein vom Kinderspital Zürich erzählt im Gespräch mit Nau.ch: Die Warteliste für eine ADHS-Abklärung beträgt am Kinderspital Zürich aktuell ein Jahr.

Dabei geht das Kispi restriktiv vor: Anmeldungen werden nur von Ärzten entgegengenommen.

Unspezifische schulische Probleme werden ohne klare medizinische Fragestellung nicht abgeklärt. «Weil wir strenger geworden sind, konnten wir die Warteliste senken», sagt Von Rhein.

Vor diesen Massnahmen mussten Eltern und Kinder sogar bis zu zwei Jahre auf einen Termin warten.

Woher kommt diese Zunahme an Entwicklungsstörungen bei unseren Kindern? Was machen die vielen Diagnosen mit der Schule? Und können Kinder dank den Abklärungen bedürfnisgerechter erzogen werden?

Die Antworten darauf könnten unterschiedlicher kaum sein.

«Die Anfragen für entwicklungspsychiatrische Beratungen haben sehr stark zugenommen», sagt Michael von Rhein. Zwar gebe es in der Schweiz keine systematisch erhobenen Zahlen, doch der Trend sei klar spürbar.

«Man hat das Gefühl, dass das Schulsystem in der Krise ist»

Ein Erklärungsansatz: «Die Sensibilität für Auffälligkeiten hat auf jeden Fall zugenommen.» Kinder seien individuell sehr verschieden, und der Begriff der Neurodivergenz habe sich in den letzten Jahren stark verbreitet.

Darin sieht er aber auch ein Problem, wenn daraus automatisch ein Abklärungsbedarf abgeleitet werde. «Der Begriff hat sich kontinuierlich entwickelt und umfasst heute ganz viele Ausprägungen», erklärt er.

Die Grenzen zwischen «normal» und «normabweichend» seien oft unscharf und eine differenzierte Abklärung sei bei weitem nicht immer nötig. Viele Eltern kennen ihre Kinder sehr gut und wissen genau, was sie brauchen.

Kennst du jemanden mit ADHS?

Für von Rhein hängt die Zunahme der Diagnosen auch mit strukturellen Problemen zusammen.

«Von aussen betrachtet hat man mancherorts das Gefühl, dass das Schulsystem in der Krise ist», sagt er. «Eine Reaktion darauf ist, viel öfter als früher nach Abklärungen und Diagnosen zu rufen.»

Diese Entwicklung beurteilt er kritisch: «Das führt aus meiner Sicht zu vielen unnötigen Abklärungen.»

Die Schule verlange immer häufiger eine medizinische Diagnose als Voraussetzung für Unterstützung. «Dass die Schule immer häufiger eine medizinische Diagnose als Voraussetzung für Unterstützung verlangt: Das ist eine falsche Entwicklung», sagt von Rhein deutlich.

«Medizin kann Pädagogik nicht ersetzen»

Er stellt dabei nicht den Nutzen von Abklärungen grundsätzlich infrage. «Natürlich können wir viele medizinische Fragen klären und Familien helfen», sagt er.

«Aber ich würde mich freuen, wenn Kinder mit schulischen Fragen vor allem innerhalb des Schulsystems beraten und abgeklärt würden.»

Dazu gebe es im Kanton Zürich ein gemeinsames Positionspapier der schulpsychologischen Dienste, der medizinischen Abklärungsstellen und der Pädiater.» Sinnvoll sei es aber, Lehrpersonen stärker zu unterstützen. «Medizin kann Pädagogik nicht ersetzen.»

Von einem ganz anderen Blickwinkel aus ordnet Saskia Niechzial die Entwicklung ein. Sie ist selber Autistin mit ADHS und Hochbegabung. Dazu Mutter neurodivergenter Kinder und Autorin des Buchs «Ein Kopf voll Gold», das sich dem Thema widmet.

Saskia Niechzial
Autorin Saskia Niechzial ist selber Autistin mit ADHS und Hochbegabung. - Susann Koskowski

«Es gibt tatsächlich einen Anstieg in den gestellten Diagnosen», sagt sie. «Aber die tatsächliche Zahl neurodivergenter Kinder hat sich nicht verändert.» Für sie ist klar: «Die Zahl der Diagnosen passt sich der wirklichen Zahl an.»

Die Autorin erklärt den Anstieg vor allem mit mehr Wissen und Sensibilität. «Verhalten wird heute nicht mehr einfach als ‹unerzogen› oder ‹fehlender Respekt› verurteilt», sagt sie.

Gibt es immer noch zu wenige Diagnosen?

Stattdessen würden neurodivergente Ursachen stärker berücksichtigt. Auch soziale Medien spielten eine Rolle: «Dort zeigen Familien ihren Alltag oder Expertinnen und Experten klären auf.»

Besonders wichtig ist ihr die Perspektive der Betroffenen. «Ich bin froh um jedes Kind, das diese Antwort bekommt», sagt Niechzial.

Das oft gehörte Argument, Diagnosen würden heute «wahllos verteilt», weist sie klar zurück: «Das ist nicht haltbar. Wir haben noch immer eine Unterdiagnostizierung.» Also zu wenige Diagnosen.

Hochbegabung
Auch Kinder mit Hochbegabung fühlen sich oft anders als andere Kinder. - keystone

Sie spricht aufgrund ihrer persönlichen Geschichte auch aus eigener Erfahrung. Und sagt: Ohne Diagnose fehle vielen Kindern die Erklärung für ihr Anderssein.

Mit teils gravierenden Folgen. «Man bekommt vermittelt: Ich bin zu faul oder zu dumm», sagt sie. «Das wünsche ich keinem Kind.»

Auch aus Sicht der Schule spielen Diagnosen eine zentrale Rolle.

Lehrer möchten möglichst bedarfsgerecht unterrichten

Dagmar Rösler vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz bestätigt eine zunehmende Belastung im Schulalltag.

Für Lehrpersonen sei es selbstverständlich, Kinder individuell zu begleiten. «Da gehören zahlreiche Gespräche und wenn nötig Abklärungen dazu», sagt Rösler. Ziel sei es, möglichst bedarfsgerecht zu unterstützen.

Gleichzeitig bestätigt sie die Aussage von Mediziner von Rhein, dass Diagnosen oft eine Voraussetzung für konkrete Hilfe sind.

Dagmar Rösler
Dagmar Rösler ist Zentralpräsidentin vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. - keystone

«Kinder mit klar erkennbaren Entwicklungsproblemen und psychischen Störungen brauchen Abklärungen und Diagnosen», sagt Rösler. «Damit auch zusätzliche Unterstützung gesprochen wird.»

Unter dem Strich geht es wie immer auch ... ums Geld

Diagnosen sind also längst nicht nur eine medizinische Frage. Sie entscheiden im Schulalltag oft darüber, ob Ressourcen gesprochen werden oder nicht.

Schlussendlich geht es – wie so oft – also auch ums Geld.

Klar ist: Die Zahl der Diagnosen und Abklärungen dürfte auf absehbare Zeit nicht kleiner werden. Und Schulklassen wie jene im Kanton Solothurn eher die Regel als die Ausnahme.

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Kommentare

User #2468 (nicht angemeldet)

Bin kein Experte, was das angeht. Habe eine grosse Reportage über Milch und deren negativen Auswirkungen gelesen. Da wurde ein Gefängnis erwähnt, dessen Insassen immer zappelig, sogar agressives Verhalten zeigten. Durch die Reduktion von Milch und Joghurt usw.hat es sich normalisiert. Wäre vielleicht für gewisse Kinder zum ausprobieren.

User #3677 (nicht angemeldet)

Heute muss alles therapiert werden.

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