Genfersee hat 656-mal mehr Mikroplastik als bisher angenommen
Im Genfersee schwimmen offenbar weit mehr winzige Plastikteilchen als gedacht. Eine neue Messmethode belegt das Ausmass der Belastung.

Das Wichtigste in Kürze
- Im Genfersee wurde bis zu 656-mal mehr Mikroplastik nachgewiesen als bisher bekannt.
- Winzige Partikel machen bis zu 97 Prozent der Plastikbelastung aus.
- Ein Teil der Verschmutzung könnte für Wasserorganismen problematisch sein.
Die Plastikbelastung im Genfersee ist offenbar massiv unterschätzt worden. Forschende aus Lausanne haben mit einer neuen Messmethode bis zu 656-mal mehr Mikroplastik nachgewiesen als bei früheren Untersuchungen.
Der Grund für die enorme Differenz liegt in der Grösse der untersuchten Teilchen. Herkömmliche Oberflächennetze erfassen Partikel unter 100 Mikrometern kaum. Das entspricht ungefähr dem Durchmesser eines dicken menschlichen Haars.
Genau diese besonders kleinen Teilchen machen jedoch bis zu 97 Prozent der Plastikverschmutzung im Genfersee aus. Das zeigt eine im Fachmagazin «NPJ Clean Water» veröffentlichte Studie.
Mikroplastik kann in menschliche Zellen gelangen
Welche Folgen die Belastung für Mensch und Umwelt hat, ist noch nicht abschliessend geklärt. Die gemessenen Werte bewegen sich aber an einer Schwelle, die für Wasserorganismen problematisch sein könnte.
Weitere Untersuchungen sollen nun zeigen, wie gross die Gefahr tatsächlich ist. Auch gesundheitliche Auswirkungen auf den Menschen sind nicht ausgeschlossen.
Studien-Hauptautorin Christel Hassler sagt gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen RTS: «Die winzigen Mikroplastikpartikel, sogar Nanoplastikpartikel, sind noch kleiner als das, was ich gemessen habe. Sie können in menschliche Zellen eindringen und somit einen Effekt auf unsere Gesundheit haben.»
Proben aus bis zu 100 Metern Tiefe
Für ihre Untersuchung mussten die Forschenden möglichst verhindern, dass die Proben durch ihre eigene Ausrüstung verunreinigt werden. Deshalb verwendeten sie einen Metalleimer und ein Sisalseil ohne Plastikbestandteile.
Damit holte das Team Wasser aus verschiedenen Tiefen zwischen der Oberfläche und 100 Metern. Danach wurden die Proben gefiltert und die darin enthaltenen Partikel analysiert.
Bei der Auswertung kam künstliche Intelligenz zum Einsatz. Ein Algorithmus bestimmte die Art des Mikroplastiks. Ein zweiter unterschied Kunststoffteilchen von natürlichen Partikeln.
Trainiert wurde das System mit Millionen von Teilchen. Diese waren zu verschiedenen Jahreszeiten im Genfersee und in der Rhône gesammelt worden.
Kläranlagen lösen nur einen Teil des Problems
Schweizer Kläranlagen entfernen zwar rund 99 Prozent des Mikroplastiks aus dem behandelten Abwasser. Der belastete Klärschlamm wird danach verbrannt, wobei auch das Plastik zerstört wird.
Damit lässt sich laut den Forschenden aber nur etwa ein Drittel der Belastung verhindern. Zwei Drittel gelangen über diffuse Quellen in die Umwelt. Etwa durch Reifenabrieb, synthetische Textilien oder Abwasser, das nicht durch eine Kläranlage fliesst.
Bei der Bekämpfung von Mikroplastik ist die EU laut Hassler bereits entlang der gesamten Produktions- und Verschmutzungskette aktiv. Auch die Schweiz hat einen ersten Schritt beschlossen: Seit vergangenem Dezember ist vorgesehen, absichtlich zugesetztes Mikroplastik in Produkten zu verbieten.



















