Gemeindepräsident: «Habe mehrere Morddrohungen erhalten»
Nach dem tödlichen Bar-Brand in Crans-Montana dauert die Aufarbeitung weiter an. Nau.ch informiert im Ticker über die neusten Ereignisse.

Das Wichtigste in Kürze
- In Crans-Montana starben in der Neujahrsnacht 40 Menschen bei einem Barbrand.
- Seither dauert die juristische Aufarbeitung an.
- Im Nau.ch-Ticker bleibst du auf dem Laufenden.
In der verheerenden Brandkatastrophe an Silvester in der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana kamen insgesamt 40 junge Menschen ums Leben.
Mittlerweile wurde das Inferno-Ehepaar, dem die Bar gehört, befragt. Der Wirt Jacques Moretti befand sich zeitweise in Untersuchungshaft und wurde nun gegen Kaution freigelassen.
Mit dem Nau.ch-Ticker bleibst du auf dem Laufenden:
Italienischer Aussenminister kritisiert Höhe der Kaution
15.48: Die Kaution könne für eine so schwere Straftat mit Dutzenden von Toten und Hunderten von Verletzten nicht 200'000 Schweizer Franken betragen, sagte der italienische Aussenminister Antonio Tajani am Rande einer Gedenkfeier in Rom.
Wenn man ein Zeichen setzen wolle, solle man eine Kaution von einer Million Schweizer Franken festsetzen, «wie es das Gesetz vorsieht, aber nicht 200'000 Schweizer Franken».
«Das Problem ist nicht die Schweiz als solche, sondern der Kanton, der die Ermittlungen durchführt, in dem sich die Katastrophe ereignet hat», sagte Tajani. «Die Bereitschaft Italiens, sich an den Ermittlungen zu beteiligen, sollte begrüsst werden, da auch die Staatsanwaltschaft Rom Ermittlungen durchführt.»

Er stellte klar, dass dies nicht in der Verantwortung der Schweiz liege, sondern des Kantons. Das Strafrecht und das Verfahren seien vollständig kantonal, daher sei es der Kanton, der die gerichtliche Tätigkeit ausübe. Die Ermittlungen hätten, so wie sie verlaufen seien, die Rechte der italienischen Bürger beeinträchtigt, weil die Verhaftung zu spät erfolgt sei.
Die Botschaft in der Schweiz bleibe in Betrieb, geöffnet, ebenso wie das Konsulat, so Tajani weiter. Es sei ein Signal, das sage: «Vorsicht, es muss Klarheit geschaffen werden».
Gemeindepräsident: «Habe mehrere Morddrohungen erhalten»
13.48: Nach massiver öffentlicher Kritik an seinem Auftritt bei der Pressekonferenz vom 6. Januar gesteht Nicolas Féraud, Gemeindepräsident von Crans-Montana, nun Fehler ein.
In einem Interview mit Keystone-ATS räumt er ein: «Ich bedauere, nicht um Vergebung gebeten und mich im Namen der Gemeinde entschuldigt zu haben.»
Er habe in der emotional angespannten Situation dem Protokoll den Vorrang gegeben – ein Fehler, wie er nun zugibt.
Féraud, der nach dem Bar-Unglück gemeinsam mit dem Betreiberpaar Moretti zur Zielscheibe wurde, sagt offen: «Ich bin schuldig in den Augen vieler Menschen.»

Die Staatsanwaltschaft werde klären, ob er eine Verantwortung trägt – er sei bereit, sich dieser zu stellen. Bisher sei er allerdings nicht einvernommen worden.
Besonders getroffen habe ihn der Vorwurf, er habe Schmiergelder angenommen: «Das stellte meine Integrität infrage, obwohl ich Politik ehrlich betreibe.» Für ihn sei dies schwerer wiegend gewesen als die wiederholten Rücktrittsforderungen von Journalisten.
Weiter berichtet Féraud: «Ich habe mehrere Morddrohungen erhalten.» Emotional gehe es ihm Gemeindepräsidenten nicht gut: «Ich weine jeden Tag um all die Menschen, die ich verloren habe. (...) Mein Herz ist gebrochen.»
Er befinde sich in psychologischer Behandlung und rechne mit langfristiger Unterstützung.
Beschuldigter Mitarbeiter weist Morettis Vorwürfe
10.11: Im Zentrum der Ermittlungen steht eine verschlossene Tür in der Bar «Le Constellation».
Die Betreiber Jacques und Jessica Moretti betonen, dass es sich dabei um eine Servicetür und nicht um einen Notausgang gehandelt habe. Sie wüssten nicht, warum sie in der Unglücksnacht verschlossen gewesen sei.
Doch laut der französischen Zeitung «Le Parisien» wird die Tür in offiziellen Dokumenten als «Notausgang und Evakuierungsweg» geführt.
Jessica Moretti sagte bei ihrer Befragung: «Die Tür war immer offen; es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht frage, warum sie an jenem Abend geschlossen war.»
Jacques Moretti ergänzte: «Nach der Tragödie erfuhren wir, dass ein Angestellter (…) Eiswürfel ins Constellation gebracht und, ohne zu wissen, warum, den Riegel oben an der Tür geschlossen hatte.»

Der beschuldigte Mitarbeiter widerspricht. Der Koch erklärte, er sei an dem Abend nicht im Dienst gewesen, habe aber auf Bitte geholfen.
«Während ich dort war, konnte ich das Schloss, das in Armlänge an der Tür angebracht war, nicht öffnen», so seine Aussage.
Die Morettis erklärten zudem, der junge Mann habe sich schuldig gefühlt. Jacques Moretti sagte, er habe ihm eine Nachricht geschickt und geraten, Verantwortung zu übernehmen.
Der betroffene Saisonnier bestreitet dies deutlich. Er hat die Schweiz inzwischen verlassen, weil es ihm schwerfalle, «das Lächeln der unschuldigen Verstorbenen zu sehen, wenn ich die Augen schliesse».
22.05: Akustikschaum löste sich von Decke
Wie «RTS» berichtet, löste sich der Akustikschaum in der Bar «Le Constellation» wenige Tage vor der Katastrophe von der Decke. Barchef Gaëtan und Jacques Moretti sollen sich über Sprachnachrichten und Videos darüber ausgetauscht haben.

So zeigen Bilder, wie versucht wird, den Schaum wieder an der Decke anzukleben. Um den Schaumstoff an die Decke zu pressen, bis der Leim erhärtete, wurden Billardqueues und Barhocker verwendet.
Jena-Michel, der Vater von Gaëtan, sieht in den Bildern einen weiteren Hinweis darauf, dass Moretti die Sicherheit vernachlässigt habe.
21.30: Italiens Botschafter hält Beweismanipulation für möglich
Beweismanipulationen im Zusammenhang mit der Brandkatastrophe in Crans-Montana VS könnten die Folge der verzögerten Ermittlungen auf Schweizer Seite sein. Dies mutmasst der italienische Botschafter in der Schweiz.
«Zweifellos», antwortete Gian Lorenzo Cornado, Botschafter in Bern und am Samstag vom italienischen Aussenminister nach Rom zurückbeordert, auf eine Frage von Bruno Vespa in der Sendung «Cinque minuti» von Rai 1.
Und in Bezug auf den Betreiber der Unglücksbar «Le Constellation» in Crans-Montana sagte Cornado: «Dass man neun Tage wartete, bevor Jacques Moretti verhaftet wurde, seine Wohnung nicht durchsuchte, sein Handy nicht beschlagnahmte und die von der Gemeinde Crans-Montana verwahrten Dokumente nicht sicherstellte, hat mit Sicherheit zur Beweismittelmanipulation beigetragen.»
20.20: Meloni kehrt Rückkehr des Botschafters an Bedingung
Giorgia Meloni hat am Montag in Rom den italienischen Botschafter in der Schweiz, Gian Lorenzo Cornado, empfangen. Dessen Rückkehr nach Bern wird von Italien von der Bildung einer gemeinsamen Ermittlungsgruppe zur Brandkatastrophe von Crans-Montana abhängig gemacht.
Cornado war am Samstag von Aussenminister Antonio Tajani nach Rom zurückgerufen worden, nachdem das Zwangsmassnahmengericht in Sitten die Freilassung von Jacques Moretti, des Betreibers der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana VS, angeordnet hatte.
An dem Treffen vom Montag in Rom, an dem auch Staatssekretär Alfredo Mantovano und Generalstaatsanwältin Gabriella Palmieri Sandulli teilnahmen, wurde nach Angaben der Nachrichtenagentur Adnkronos beschlossen, die Rückkehr des Botschafters in die Schweiz von der Aufnahme einer effektiven Zusammenarbeit zwischen den Justizbehörden beider Staaten und der sofortigen Bildung einer gemeinsamen Ermittlungsgruppe abhängig zu machen.
Es gehe darum, dass ohne weitere Verzögerungen die Verantwortlichkeiten für die Brandkatastrophe von Crans-Montana am 1. Januar geklärt werden können, wurde im Anschluss an das Treffen mitgeteilt. Die italienische Regierung hatte der Schweiz eine solche Zusammenarbeit bereits unmittelbar nach der Tragödie vorgeschlagen, das Angebot wurde jedoch abgelehnt.
13.38: Nicht nur Verstorbene und Verletzte sollen als Opfer gelten
Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana VS sollen nicht nur Verstorbene und Verletzte als Opfer betrachtet werden. Die Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und -direktoren (SODK) empfiehlt den Kantonen, die Opfereigenschaft in diesem Fall auszuweiten.
Laut einer SODK-Mitteilung vom Montag sollten aus Sicht des Vorstands auch Menschen als Opfer gelten dürfen, welche sich zum Unglückszeitpunkt im Lokal befanden oder die versuchten, Personen aus dem brennenden Lokal zu retten.
Ebenso sollten für den SODK-Vorstand Personen als Opfer gelten, welche sich in unmittelbarer Nähe der Bar «Le Constellation» aufhielten und begründete Befürchtungen um die persönliche Integrität einer nahestehenden Person hatten.
All diese Personen sowie ihre Angehörigen sollten Anspruch auf Opferhilfeleistungen haben, heisst es in der Mitteilung weiter.
12.05: Kanton Wallis will Opfer-Stiftung mit 10 Mio. Franken unterstützen
Der Kanton Wallis möchte die Opfer der Brandkatastrophe in finanzieller, rechtlicher und administrativer Hinsicht langfristig unterstützen.
Die derzeit gegründete Opfer-Stiftung möchte der Staatsrat deshalb mit einem Kapital von 10 Millionen Franken dotieren. Das geht aus einer am Montag veröffentlichten Mitteilung hervor.

«Eine entsprechende Botschaft wird dem Grossen Rat übermittelt», heisst es weiter. Zudem möchte der Kanton die Kosten für die Rückführung und Bestattung der Verstorbenen übernehmen.
Diese Entschädigung käme zu den 10'000 Franken hinzu, die als Soforthilfe ausgezahlt wurden. Ausserdem möchte der Kanton die Empfehlungen der Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren (SODK) umsetzen.
Diese sehen unter anderem eine rasche, koordinierte und unbürokratische Gewährung der im Opferhilfegesetz (OHG) vorgesehenen Soforthilfe sowie die Definition des Opferstatus über die hospitalisierten oder verstorbenen Personen und ihre Angehörigen hinaus vor.
10.07: 16-Jähriger starb an Rauchgasvergiftung
Eines der Opfer war der 16-jährige Emanuele Galeppini. Er galt als grosses Golftalent, lebte mit seiner Familie in Dubai, besuchte dort eine Schweizer Privatschule. Ferien machte er mit seiner Familie regelmässig in Crans-Montana.
Sein Tod warf früh Fragen auf: Der Jugendliche wies kaum Brandverletzungen auf. Dennoch verzichtete die Walliser Staatsanwaltschaft zum Unverständnis der Eltern auf eine Autopsie.
Nun liess die italienische Justiz den Leichnam in Genua untersuchen.
Der Anwalt der Familie, Alessandro Vaccaro, bestätigte gegenüber «CH Media»: Die Obduktion zeigt, dass Emanuele an einer Rauchgasvergiftung starb. Verbrennungen seien kaum vorhanden gewesen. Dafür Schürfungen und Blutergüsse.
Diese Verletzungen deuten laut dem Anwalt darauf hin, dass der Jugendliche im Chaos möglicherweise zu Boden stürzte und niedergetrampelt wurde. Ob er im Lokal oder draussen starb, ist unklar.
Ist Emanuele beim Fluchtversuch gestorben?
Die italienischen Behörden führen nun eigene Ermittlungen weiter. Unter anderem soll geklärt werden, wo sich der Jugendliche zum Zeitpunkt seines Todes befand.
Ausserdem soll geklärt werden, ob das brennende Deckenmaterial besonders giftige Rauchstoffe freisetzte.
Die neuen Erkenntnisse könnten auch für das laufende Verfahren in der Schweiz relevant werden.
Sollte sich etwa herausstellen, dass die Massenpanik auf der engen Treppe viele Todesopfer verursachte, wäre das von grosser Bedeutung.
Dann könnten die fehlenden Kontrollen der Gemeinde stärker in den Fokus der Ermittlungen rücken.















