Fedpol-Beamter verhaftet: Zunahme von Behörden-Bestechung droht
Am Dienstag wurde bekannt, dass ein Mitarbeiter des Bundesamts für Polizei Fedpol verhaftet wurde. Ein Experte warnt: Bestechungsversuche könnten zunehmen.

Das Wichtigste in Kürze
- Am Dienstag ist ein Mitarbeiter des Bundesamts für Polizei Fedpol verhaftet worden.
- Der Vorwurf: Er soll gegen Geld vertrauliche Informationen weitergegeben haben.
- Er flog bei Ermittlungen gegen organisierte Kriminalität in der Schweiz auf.
- Bestechungsversuche gegen Schweizer Behörden könnten zunehmen, befürchtet ein Experte.
Am Dienstag klicken die Handschellen: Bei einem Schlag gegen organisierte Kriminalität wird auch ein Mitarbeiter des Bundesamts für Polizei Fedpol verhaftet.
Wie die Bundesanwaltschaft mitteilt, wirft sie ihm vor, gegen Geld vertrauliche Informationen an mindestens eine Person weitergegeben zu haben.
Die mit den Informationen versorgte Person wurde ebenfalls verhaftet. Sie wird unter anderem verdächtigt, einen schweizerischen Amtsträger bestochen zu haben.
In einer Mitteilung schreibt das Fedpol, es sei während Ermittlungen gegen organisierte Kriminalität auf Auffälligkeiten beim inzwischen verhafteten Mitarbeiter gestossen.
Weiter äussert es sich aktuell nicht dazu, wie es auf eine Anfrage von Nau.ch bekannt gegeben wird.
Doch der Fall wirft grössere Fragen auf: Wie verbreitet ist organisierte Kriminalität in der Schweiz? Welche Gruppierungen sind besonders aktiv – und wer versucht, Schweizer Beamte zu bestechen?
Ein Experte erklärt.
Mafia in der Schweiz aktiv
«Es gibt Hinweise, dass auch italienische Mafiaorganisationen in der Schweiz aktiv sind», sagt Kriminologe Dirk Baier zu Nau.ch. «Dass sie hier beispielsweise Mitglieder untertauchen lassen, Gelder waschen und so weiter.»
Im Februar legte eine internationale Polizeiaktion gegen ein mutmassliches Drogenkartell auch Verbindungen in die Schweiz offen: Die europäische Polizeibehörde Europol nahm mehrere Mitglieder eines Netzwerks fest, das mit Kokainhandel und Geldwäscherei in Verbindung steht.

Dahinter sollen die italienischen Mafiaorganisationen Camorra und ’Ndrangheta stehen.
Brisant: Vier der insgesamt sieben Festgenommenen hatten ihren offiziellen Wohnsitz in der Bündner Gemeinde Roveredo im Misox.
Eine Karte des Fedpol zeigt: Die italienische Mafia ist fast in allen Schweizer Kantonen aktiv.
Sogar Banden aus Asien haben Einfluss in der Schweiz
«Ich denke aber, man sollte bei organisierter Kriminalität nicht sofort und ausschliesslich an die Mafia denken», sagt Baier. «Das Feld der organisiert tätigen Gruppen ist sehr viel differenzierter.»
Es gebe auch Gruppen aus dem Balkan oder aus Osteuropa. Aber auch solche, die eher in Frankreich und anderen europäischen Ländern, teilweise gar Asien, beheimatet sind.
Darunter: Familien-Clans, Rocker-Gangs und internationale Kartelle.
Nagelstudios, Schrotthändler oder Treuhandbüros
Der Klassiker sind Drogendeals – doch organisierte Kriminalität hat verschiedene Gesichter. Das Fedpol listet auf seiner Webseite Beispiele auf, wie die Aktivitäten solcher Gruppierungen in der Schweiz aussehen können.
Sie stehen zum Beispiel hinter günstigen Nagelstudios und Barbershops – oder erfolgreichen Treuhandbüros.
Oder hinter dem Imbiss, dessen Hauptgeschäft eigentlich nicht Pizza, Burger oder Döner sind, sondern Geldwäscherei. Oder dem Schrotthändler, der vor allem mit Edelmetall-Schmuggel Geld macht.
Die Schweiz ist also keinesfalls ein sicherer Hafen, wenn es um organisierte Kriminalität geht. Im Gegenteil – Es droht gar eine Zunahme von Einflussnahme-Versuchen.
Bei uns ist «etwas zu holen»
Denn: Man gehe davon aus, dass Kriminalität immer internationaler wird, gibt Dirk Baier zu bedenken. «Damit steigt auch die Anzahl möglicher Organisationen.»
Hinzu kommt, dass in der Schweiz attraktive Märkte bestehen. «Aufgrund des Wohlstands ist hier etwas zu holen», sagt er. «Darum kann ich mir gut vorstellen, dass solche Versuche zunehmen könnten.»
Allerdings nicht nur durch kriminelle Organisationen wie die Mafia – sondern auch staatliche Versuche der Einflussnahme könnten zunehmen, befürchtet Baier. Als Beispiel nennt er Russland.
«Letztlich geht es dabei im Wesentlichen immer um Informationen, die in verschiedenen Bereichen bedeutsam sind.» Eben beispielsweise im Drogen-, Menschen- und Waffenhandel, aber auch im Bereich von Betrugsdelikten oder Einflussnahme aus dem Ausland.
0,4 Prozent berichten über Bestechungsversuche in der Schweiz
Immerhin: Dass Behörden-Mitarbeitende bestochen werden, wie es im Fall des verhafteten Fedpol-Beamten zu sein scheint, kommt bislang nicht oft vor.
Der Experte erklärt: «Grundsätzlich existiert auch in der Schweiz das Problem, dass Mitarbeitende von Behörden bestechlich sind. Es handelt sich aber um ein sehr seltenes Phänomen.»
Baier erinnert an eine repräsentative, schweizweite Befragung zum Thema Bestechung in der Schweiz. Darin wurden Sie zu ihrer Erfahrung in den letzten fünf Jahren befragt.

Das Ergebnis: 0,4 Prozent berichteten, dass ein Beamter sie schon einmal um Extra-Geld für eine «Gegenleistung» bat. Sie wurden also zur Bestechung aufgefordert.
Worum es in diesen 0,4 Prozent der Fälle als Gegenleistung ging, ist nicht bekannt. Klar ist aber: Auf eine solche Bestechlichkeit sind Organisationen wie die Mafia angewiesen, um Mitarbeitende beispielsweise für das Weiterleiten geheimer Informationen zu gewinnen.
«Auf Basis solcher Daten kann man sagen, dass dies nur sehr selten gelingen wird», beruhigt Baier.
Was der Bund gegen organisierte Kriminalität macht
Bestechung ist allerdings nicht die einzige Möglichkeit, die kriminelle Organisationen haben, um Einfluss auf Schweizer Behörden zu nehmen.
«Sie können natürlich auch versuchen, ihnen gewogene Personen als Mitarbeitende in Behörden einzuschleusen.»
So müssen Organisationen wie die Mafia nicht den «sehr unsicheren Weg wählen», unter Behördenmitarbeitenden Informationen zu suchen. «Unsicher deshalb, weil man dabei ja auch enttarnt werden könnte», sagt Baier.
«Natürlich wissen gerade Behörden des Sicherheitsbereichs darum, dass Organisationen dies tun könnten. Darum gibt es Auswahlverfahren für Mitarbeitende, verschiedene Prüfungen und so weiter, um zu verhindern, dass die ‹falschen› Personen eingestellt werden.»
Das Fedpol schreibt in seiner Mitteilung: Der Fall des Mitarbeiters zeige, dass die organisierte Kriminalität auch in der Schweiz staatliche Strukturen unterwandern kann.
«Diese Risiken wurden erkannt», versichert das Fedpol. Sie seien schon in der Strategie der Schweiz zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität von Ende 2025 festgehalten.
Die Strategie: Das Fedpol will mehr in die Schulung von Mitarbeitenden investieren, sodass sie organisierte Kriminalität besser erkennen. Um sie zu verhindern, sollen Bund, Kantone und Gemeinden enger zusammenarbeiten.
Eine besonders zentrale Rolle spiele die Geldwäscherei. In diesem Bereich will es mehr Massnahmen ergreifen.




















