Crans-Montana: Überlebende haben Schuldgefühle
«Warum habe ich überlebt?» Sie sind lebend aus der Crans-Montana-Tragödie hervorgegangen – nun plagen sie Schuldgefühle.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Überlebenden des Brandes in Crans-Montana werden von Schuldgefühlen geplagt.
- Laut Experten ist das nach einem solch traumatischen Vorfall ganz normal.
- Die Betroffenen stellen sich oft die gleiche Frage: «Warum habe ich überlebt?».
Tage nach der Silvester-Tragödie in Crans-Montana VS steht die Welt noch immer unter Schock. Bei einem Brand in der Bar «Le Constellation» kamen 40 Menschen ums Leben. 116 weitere Personen wurden teils schwer verletzt.
Den Betroffenen und ihren Angehörigen stehen Betreuer zur Seite. Denn auch jene, die körperlich weitgehend unversehrt geblieben sind, benötigen Unterstützung.
Es geht vor allem um psychologische Unterstützung. Denn viele Überlebende werden von Schuldgefühlen geplagt.
Stéphane Saillant ist Spezialist für psychologische Nothilfe und Mitglied der Westschweizer Koordinationsstelle für psychologische Nothilfe im Rahmen von Crans-Montana.
Er sagt gegenüber Nau.ch: «Generell stellen wir Schuldgefühle bei Menschen fest, die in solche potenziell traumatischen Ereignisse verwickelt sind.»
Diese Schuldgefühle würden meist mit zwei Empfindungen zusammenhängen: «Dem Gefühl, im Vergleich zu den Verstorbenen überlebt zu haben. Und dem Gefühl, dass es den Überlebenden nicht gelungen ist, andere Menschen zu retten.»
«Warum habe ich überlebt?»
Dabei seien laut Saillant, der im Auftrag der Walliser Rettungsorganisation arbeitet, zwei Hauptaspekte zentral: «Warum habe ich überlebt?» und «Ich konnte keine Menschen retten».
Manche Menschen würden sich schuldig fühlen, weil sie das Gefühl hätten, die Gefahr nicht schnell genug erkannt zu haben.
Für Care-Teams gelte: «Die Bedürfnisse unterscheiden sich stark von Person zu Person. Deshalb wird nicht empfohlen, die Opfer zum Reden zu drängen.»

Die erste grosse Aufgabe bestehe darin, mit dem emotionalen Chaos umzugehen, das eine solche Katastrophe mit sich bringt.
Und gleichzeitig ausreichend Helfer bereitzustellen: «Zeit ist dabei besonders wichtig, da wir schnell Massnahmen organisieren müssen, um das psychische Leid aufzufangen.»
Dazu würden auch konkrete Bedürfnisse wie Räume, Verpflegung oder warme Kleidung gehören. Eine weitere besondere Herausforderung sei die Koordination der psychologischen Hilfe: «Wie hier im Rahmen der Katastrophe von Crans-Montana», so Saillant.
Überlebende werden anders betreut als Angehörige
Die Unterstützung müsse zudem an die Art der Betroffenen angepasst werden: «Wir gehen bei Menschen, die den Brand selbst erlebt haben, anders vor als bei Zeugen des Dramas. Oder bei Angehörigen eines Opfers.»

Auch für Annyett König, Intensivpflegefachfrau und Familientrauerbegleiterin, gehören Schuldgefühle der Betroffenen zum Alltag dazu: «Ich erlebe sehr oft Schuldgefühle», sagt sie gegenüber Nau.ch.
Während Kinder sich oft willkürlich die Schuld an Geschehnissen geben, passen sich Jugendliche bereits den Erwachsenen an.
Sie stellen sich die gleichen Sinnes-Fragen. Auch König begegnet immer wieder der Überlebensfrage: «Warum habe ich überlebt?»
Den Schuldigen finden
Die Angehörigen hätten laut König ein grosses Bedürfnis, einen Schuldigen für das Geschehene zur Rechenschaft zu ziehen: «Die Klärung der Schuldfrage kann die Verarbeitung einfacher machen.»
Neben dem Zuhören – «auch wenn es x-mal dasselbe ist» – helfe es den Betroffenen, «ins Handeln zu kommen».

In der Trauerbegleitung mit Jugendlichen seien laut Annyett König insbesondere kreative Tätigkeiten hilfreich. Etwa Trauermärsche, das Gestalten von Kerzen oder das Schreiben von Briefen.
Gerade bei solchen Aktivitäten sei es wichtig, die Gemeinschaft zu stärken, betont König: «Man nimmt heute immer öfter im kleinen Kreis Abschied, doch die Gemeinschaft hilft.»
Rituale spielen dabei eine zentrale Rolle und sollten nicht nur innerhalb der Familie, sondern auch in Gemeinschaft gestaltet werden: «Denn das Ereignis betrifft sehr viele Menschen – auch alle Ersthelfer.» Diese hätten innert Sekunden Entscheidungen treffen müssen, die später tagelang ausgewertet werden könnten.

«Trauer ist kein linearer Prozess», so König: «Überlebensschuld ist am Anfang ganz normal.» Gleichzeitig sei es wichtig, mit der Zeit wieder am Leben teilzunehmen und sich nicht alles Schöne zu verbieten.
Die Überlebenden sollten sich, so schwierig es sei, bewusst machen: «Es lag nicht in meiner Hand, wer überlebt hat und wer nicht.»
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Brauchst du Hilfe?
Betroffene der Crans-Montana-Tragödie können sich bei Bedarf an den Verein www.familientrauerbegleitung.ch wenden. Dort erhalten sie Unterstützung durch ausgebildete Fachpersonen in ihrer Region.
In Trauergruppen haben Betroffene zudem die Möglichkeit, sich in einem geschützten Rahmen auszutauschen.

















