Schweizer Spitäler warnen wegen des Coronavirus vor einer baldigen Triage. Doch wann ist eine solche Entscheidung ethisch vertretbar? Eine Ethikerin klärt auf.
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Spitäler sind wegen der fünften Welle des Coronavirus am Anschlag. (Symbolbild) - Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Schweizer Spitäler warnen davor, bald schon triagieren zu müssen.
  • Zur Debatte steht, ob Geimpfte gegenüber Ungeimpften bevorzugt werden sollen.
  • Aus ethischer Sicht dürfe dies kein Entscheidungskriterium sein, sagt eine Ethikerin nun.

Die Spitäler ächzen unter der fünften Welle, die Intensivstationen füllen sich hierzulande zusehends: Zürich vermeldete diese Woche sogar, es gebe in keinem einzigen Spital mehr ein freies Intensivbett.

Die Spitäler warnen, deshalb bald schon triagieren zu müssen. Dabei werden die Erkrankten nach dem Schweregrad ihres Leidens eingeteilt, weil nicht mehr alle behandelt werden können. Gewisse Personengruppen werden dabei in Bezug auf medizinische Hilfeleistungen priorisiert.

Doch wann ist die Triage ethisch vertretbar?

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Die Zürcher Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle ist Institutsleiterin der Stiftung Dialog Ethik und beschäftigt sich mit dem Coronavirus. - zvg

Ruth Baumann-Hölzle, Institutsleiterin der Stiftung Dialog Ethik, sagt auf Anfrage von Nau.ch: «Eine Triage ist dann ethisch vertretbar, wenn die vorhandenen Behandlungsressourcen für die Behandlungen von Patientinnen und Patienten, die diese bräuchten, nicht mehr ausreichen.»

Ärzte müssen sich bei Triage an Richtlinien halten

Die zu knappen Ressourcen werden dabei fair unter den Bedürftigen verteilt. Es sind zwar die Ärzte, welche entscheiden, welche Patienten sie behandeln können und welche nicht. Allerdings müssen sie sich dabei an die Kriterien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) halten.

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So funktioniert die Triage. Auch im Fall des Coronavirus. - Keystone

In dem Leitfaden steht, dass die höchste Priorität denjenigen Patienten eingeräumt werden soll, die am meisten von der Intensivbehandlung profitieren. Faktoren wie eine Behinderung, das Alter oder Demenz per se dürfen hingegen keine Kriterien sein.

An diesen Prinzipen habe sich auch mit dem Coronavirus nichts geändert, erklärt auch Baumann-Hölzle. «Denn aus Gerechtigkeitsgründen müssen alle Menschen gleich behandelt werden», erklärt die Ethik-Expertin.

Coronavirus: Dürfen Geimpfte bevorzugt werden?

Dennoch kommt in der Debatte um die Triage die Frage auf, ob geimpfte Patienten gegenüber Ungeimpften bevorzugt werden sollen. Sogar der renommierte Epidemiologe Marcel Salathé scheint dieser Idee etwas abgewinnen zu können.

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Epidemiologe Marcel Salathé will Impfverweigerern nicht dieselben Rechte zugestehen wie Geimpfte. - Twitter

Dies nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer kürzlich publik gemachten Untersuchung aus Deutschland. Diese zeigte, dass Dreiviertel der Infektionen mit dem Coronavirus von Ungeimpften ausgelöst wurden.

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Eine Frau lässt sich in Yverdon-les-Bains VD in einem mobilen Impfzentrum gegen das Coronavirus impfen.
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Eine junge Frau erhält im Kinder-Impfzentrum des Kinderspitals Zürich ihre Corona-Impfung.
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Spritzen mit Corona-Impfstoff werden vorbereitet für die Impfwilligen, die im Impfzentrum von Giubiasco TI eine Corona-Impfung erhalten.
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Im Kinder-Impfzentrum des Kinderspitals Zürich liegt eine Spritze mit dem Impfstoff gegen das Coronavirus, fotografiert am 1. Juli 2021 in Zürich.

Baumann-Hölzle findet darauf eine klare Antwort: «Weil alle Menschen den gleichen Anspruch auf Menschenwürde haben, sind alle Menschen gleich viel wert.»

Die Behandlung müsse unabhängig von ihren Eigenschaften und ihren Fähigkeiten erfolgen. Und auch, ob die Patienten «zu ihrer Erkrankung beigetragen haben oder nicht», dürfe kein Entscheidungskriterium werden, sagt Baumann-Hölzle.

Was ist Ihre Meinung: Sollen Geimpfte bei der Triage bevorzugt werden?

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