Calmy-Rey: Behörden und Inhaber verantwortlich
Nach dem nationalen Trauertag liegt der Fokus auf der Strafuntersuchung zu Crans-Montana. Der Bar-Betreiber ist in U-Haft, seine Frau bleibt auf freiem Fuss.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Brand-Katastrophe in Crans-Montana kostete 40 junge Menschen das Leben.
- Die Strafuntersuchung läuft, der Bar-Betreiber sitzt in Untersuchungshaft.
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Am Freitag gedachte die Schweiz der Opfer der Brand-Katastrophe von Crans-Montana. Während das Land trauert, liegt der Fokus auch auf den Ermittlungen: Der Bar-Betreiber wurde einvernommen und in U-Haft gesetzt, seine Frau ist frei und entschuldigte sich.
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Calmy-Rey: «Diese Vetternwirtschaft muss aufhören»
21.45: Der aus Crans-Montana stammenden Alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey geht die Brandkatastrophe persönlich sehr nah. Vieles sei schiefgelaufen, erklärte sie in einem Interview mit dem «Blick». Behörden und Eigentümer der Bar trügen die Verantwortung für das, was passiert sei.
«Es ist einfach schrecklich. Die Menschen weinen, man spürt diese Last überall», sagte Calmy-Rey. Für sie gebe es ganz klar ein Davor und ein Danach der Katastrophe. Nichts sei mehr wie früher. Es tue ihr unendlich leid für die Familien, deren Kinder ihr ganzes Leben noch vor sich gehabt hätten. Dieser Schmerz sei kaum auszuhalten.


«Es sind Fehler passiert, das muss klar benannt werden. Die Untersuchungen müssen nun sorgfältig und konsequent durchgeführt werden», sagte die Alt Bundesrätin weiter. Jetzt sei der Moment, sich zu entschuldigen – aber Entschuldigungen allein reichten nicht. Der Druck von Medien und Anwälten der Familien sei richtig und notwendig und zwinge die Walliser Behörden dazu, «das Richtige zu tun».
«Es muss Schluss sein mit kleinen Abmachungen und mit Verflechtungen zwischen Politik und persönlichen Interessen». Diese Vetternwirtschaft müsse aufhören, auch wenn man sich kenne. Die Wahrheit müsse ans Licht kommen, so Calmy-Rey weiter.
Bar-Betreiber trauern um Angestellte
18.02: Immer mehr Details zur tragischen Silvesternacht von Crans-Montana kommen nach der Vernehmung des Wirte-Paars Moretti ans Licht.
So berichtet Jaques Moretti laut «BFMTV» vom Tod einer seiner Angestellten: «Ihr Freund und ich haben mehr als eine Stunde lang versucht, sie draussen auf der Strasse zu reanimieren.»
Doch es sei für die 24-jährige Angestellte Morettis bereits zu spät gewesen. Offenbar besonders tragisch: Das Wirte-Paar hatte eine enge Beziehung zu seiner Kellnerin.
Jessica Moretti meint dazu: «Sie war wie meine kleine Schwester. Sie hat Weihnachten mit uns verbracht. Ich bin am Boden zerstört.»
Drohen den Bar-Betreibern 20 Jahre Haft?
15.43: Sollte die Staatsanwaltschaft zu dem Schluss kommen, dass Jacques und Jessica Moretti eine Mitschuld daran tragen, dass der Notausgang verschlossen war, könnte sie die gegen sie erhobenen Vorwürfe neu qualifizieren. Das vermeldet «RTS».
Derzeit werden die Angeklagten wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Brandstiftung, aber auch wegen fahrlässiger Körperverletzung strafrechtlich verfolgt.

Sollten die Staatsanwältinnen jedoch zu dem Schluss kommen, dass die Verdächtigen wussten, dass die Tür verschlossen war, dass dies sehr gefährlich war und dass sie dieses Risiko in Kauf genommen haben, könnten sie die Morettis wegen Mordes mit Eventualvorsatz anklagen.
In diesem Fall drohen Jacques und Jessica Moretti bis zu zwanzig Jahre Haft.
Bar-Betreiber gibt verschlossenen Notausgang zu
14.31: Bar-Betreiber Jaques Moretti hat gegenüber den Ermittlern eingeräumt, dass der Notausgang im «Le Constellation» in der Silvesternacht verschlossen war. Das vermeldet «RTS».
Demnach habe er selbst erst in der Unglücksnacht bemerkt, dass der Notausgang verschlossen gewesen sei. Er habe die Tür dann von aussen geöffnet – und hinter der Tür mehrere leblose Körper entdeckt.

Moretti gab laut «RTS» an, sich nicht erklären zu können, wieso der Notausgang verschlossen war.
Zudem bestätigte der Gastronom, dass er die Schaumstoffverkleidung, die rasch zu brennen begonnen hatte, selbst ausgetauscht habe.
FC Lutry trauert um verstorbene Vereinsmitglieder
13.20: Im Stadion des FC Lutry sind am Samstag Blumen und Botschaften zu Ehren der beim Brand von Crans-Montana VS ums Leben gekommenen Vereinsmitglieder platziert worden. Der Waadtländer Fussballverein trauert um sieben junge Mitglieder.

Die jungen Menschen seien «Teil unserer Familie» gewesen, schrieb der Verein auf seiner Website.
Mutter: «Fordern exemplarische Bestrafung»
12.50: Eine Schweizer Mutter, deren zwei Töchter beim Brand in der Bar schwer verletzt wurden, fordert beim französischen Sender «BFMTV» «Gerechtigkeit». Ihre beiden Töchter würden sich in kritischem Zustand befinden.
«Wir fordern eine exemplarische Bestrafung, wir fordern Gerechtigkeit, wir fordern, dass die Schuldigen ins Gefängnis kommen. Eine Freilassung ist für mich ausgeschlossen. Wir wollen nicht, dass die Bar-Betreiber freikommen, weder er noch sie», sagt sie über die Morettis.

Ihre ältere Tochter (20) würde sich noch immer auf der Intensivstation befinden. «Wir wissen nicht, wie sie jemals wieder gesund werden wird.»
«Sie erlebt immer wieder die Flammen um sich herum, sie sieht die Toten um sich herum. Sie erstickt, sie hämmert gegen Türen und Fenster, die geschlossen sind», erzählt die Mutter über ihre 20-jährige Tochter.
Appell an Justiz: «Sie haben kein Recht, sie freizulassen»
Ihre zweite Tochter (17), die Verbrennungen dritten Grades an Rücken und Händen erlitten, habe, sei in «sehr schwerem psychischen Zustand.» Sie habe Freunde sterben sehen.
«Sie sah alles brennen, sie verbrannte sich selbst. Sie hatte den Mut, ihren Pullover auszuziehen, sonst hätte ich heute nur noch zwei Töchter.» Ihr Ehemann und ihre dritte Tochter seien «traumatisiert». Diese könne «nicht mehr schlafen und hat Albträume».
Sie richtet sich mit einem Appell an die Justiz: «Meine Herren Richter, sorgen Sie dafür, dass diese Leute zahlen und nicht ungeschoren davonkommen. Sie haben kein Recht, sie freizulassen.»
12.13: Wie italienische Medien berichten, verbannt der italienische Skiort Livigno Pyrotechnik aus den Lokalen. Der Bürgermeister, Remo Galli, habe eine entsprechende Verordnung erlassen.

Damit wird unter anderem die Verwendung von Wunderkerzen verboten. Bei einem Verstoss gegen die Verordnung drohen Bussgelder von 75 bis 500 Euro. Das sind umgerechnet 80 bis 536 Franken.
11.30: Unter den Toten und Verletzten befinden sich auch viele Menschen aus Italien und Frankreich. Dementsprechend gross ist die Trauer auch in unseren beiden Nachbarländern. Doch auch die Wut über das Geschehene steigt.

«Wir müssen sicher sein, dass die Ermittlungen gründlich und ohne Vertuschung durchgeführt werden, um die Wahrheit und die Verantwortlichen ans Licht zu bringen. Und dass diejenigen verurteilt werden, die unsere Kinder in einen ungeeigneten Ort hineingelassen haben», sagt ein Vater eines verstorbenen Mädchens aus Italien nach ihrer Trauerfeier der «La Repubblica».
Ähnlich sieht es in Frankreich aus: «Man erwartet nicht, dass so etwas in einem piekfeinen Skiort in der Schweiz passiert. Ich bin davon ausgegangen, dass dort die Sicherheitsnormen respektiert werden. Aber es zeigt sich, dass es eine enorme Diskrepanz zwischen Fassade und Realität gibt», sagt der Vater einer verstorbenen Mitarbeitenden einem lokalen TV-Sender.
Meloni mit klaren Worten
Auch Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni fand bei einer Pressekonferenz zum Jahresabschluss am Freitagmittag klare Worte: «Was in Crans-Montana passiert ist, ist kein Unglück, sondern das Ergebnis davon, dass zu viele Menschen ihre Arbeit nicht ordentlich gemacht haben oder dachten, sie könnten leichtes Geld verdienen.»

Dazu fragte Meloni mit steinerner Miene: «Warum wurde die Musik nicht ausgeschaltet? Warum wurden diese Jugendlichen nicht aufgefordert, das Lokal zu verlassen? Warum hat die Gemeinde keine Kontrollen durchgeführt?»
Sie fordert, dass die Verantwortlichen ermittelt und strafrechtlich verfolgt werden.
Neues Gesetz könnte Gemeinde schützen
09.08: Ein neuer Haftungsausschluss im Walliser Baugesetz könnte die Gemeinde Crans-Montana laut «Blick» vor Millionenforderungen nach dem Brand der Bar «Le Constellation» schützen. Per 1. Januar 2026 sei der frühere Artikel 25 als Artikel 37 um einen Absatz ergänzt worden.

Dieser halte fest: «Die zuständige Behörde haftet nicht für Schäden, die dadurch entstehen, dass Bauherren und deren Vertreter gegen die Vorschriften dieses Gesetzes verstossen.» Rechtsanwalt und SVP-Nationalrat Pascal Schmid sagte: «Der neue Artikel 37 ist auf den Brand in Crans-Montana anwendbar, da sich der Schaden realisiert hat, als die neue Bestimmung bereits in Kraft war.»
Die Gemeinde wäre damit theoretisch von der Haftung befreit. Gerichte könnten jedoch von einem «zusammengesetzten Tatbestand» ausgehen und die unterlassene Aufsichtstätigkeit nach altem Recht gewichten.
Weshalb erhielt Betreiber-Paar trotz Vorstrafen Betriebsbewilligung?
07.39: Die Anwälte der Opfer fragen sich immer mehr, wieso das französische Bar-Betreiber-Paar überhaupt Lokale in Crans-Montana betreiben durfte, schreibt das «SRF».
Im kantonalen Walliser Gesetz über die Beherbergung und Bewirtung steht: Eine Gemeinde darf eine Betriebsbewilligung erteilen, wenn die Person folgende Voraussetzung erfüllt: «Keine strafrechtliche Verurteilung wegen eines Verbrechens, eines Vergehens oder einer Übertretung (…), die eine Gefahr für die Ausübung der Beherbergung und Bewirtung darstellen kann.»

Als Bar-Betreiber Jacques Moretti erstmals eine Betriebsbewilligung verlangte, galt noch ein «einwandfreier Leumund» als Voraussetzung dafür. Doch der Franzose hatte vor der Übernahme der Bar schon mehrere Delikte begangen.
2008 etwa wurde er in Frankreich zu zwölf Monaten Haft wegen Anstiftung zur Prostitution verurteilt. Französische Medien berichten, dass mit dem Urteil ein Verbot einherging, in Frankreich ein Unternehmen führen zu dürfen.
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Dass der verurteilte Franzose in Crans-Montana Gastro-Betriebe führen durfte, verwundert auch Gastro-Suisse-Präsident Beat Imhof: «Wir wollen natürlich Leute, die diese Betriebe gut führen und nicht mit kriminellem Hintergrund aus dem Ausland in die Schweiz kommen», sagt er dazu.
Wieso Crans-Montana dem Betreiber-Paar trotz der Vorstrafen eine Betriebsbewilligung erteilt hat, wollte die Gemeinde der «Tagesschau» nicht beantworten. Es sei auch nicht klar, ob die Gemeinde vorher Auskünfte zu Morettis Leumund eingeholt oder Strafregisterauszüge aus Frankreich und der Schweiz verlangt habe.











